23.01.13

Deutscher WM-Gegner

Spanier könnten in Holzhackerfilmen mitspielen

Im Viertelfinale bekommen es die deutschen Handballer Mittwochabend vor 11.500 heißblütigen Fans in Saragossa mit Top-Favorit Spanien zu tun. Besonders die Physis des Gegners ist beeindruckend.

Von Erik Eggers
Foto: AFP

Bollwerk: Die spanischen Hünen Jorge Maqueda (2.v.r.) Viran Morros (r.) wehren im Achtelfinale den Serben Alem Toskic ab
Bollwerk: Die spanischen Hünen Jorge Maqueda (2.v.r.) und Viran Morros (r.) wehren im Achtelfinale den Serben Alem Toskic ab

Als der letzte Ball geworfen war, sackte Kreisläufer Christian Schwarzer einfach zusammen. Und es flossen Tränen der Freude, derweil die Mitspieler ihren Torwart Henning Fritz unter einem Berg aus Körpern begruben, diesen Teufelskerl, der im Siebenmeter-Werfen kein einziges Gegentor hatte einstecken müssen.

Daniel Stephan, der als Experte die laufende 23. Handball-Weltmeisterschaft begleitet, hat diese Szenen aus dem olympischen Viertelfinale 2004 in Athen noch immer dicht vor Augen. "Damals habe ich den letzten Siebenmeter geworfen", erinnert sich der Ex-Nationalspieler. "Und in letzter Sekunde den Siebenmeter zur zweiten Verlängerung."

Die dramatischen Augenblicke von Athen sind längst zu einem Handballmythos geworden, genauso wie das Viertelfinale bei der WM 2007 in Deutschland. Damals rang das Team von Heiner Brand die Spanier, die als Titelverteidiger angetreten waren, in einem Krimi in Köln vor 20.000 Fans mit 27:25 nieder. Genauso aber auch wie das olympische Viertelfinale von Sydney 2000, als Linksaußen Stefan Kretzschmar den entscheidenden Ball an die Unterlatte warf und die Spanier im Gegenzug zum 27:26 trafen.

Eine große Oper

Nun trifft die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) am Mittwoch (19 Uhr, ARD und welt.de) erneut auf Spanien, wieder in einem Viertelfinale. Diesmal das erste Mal bei einer WM auf spanischem Boden, im Pabelon Principe Felipe in Saragossa, vor 11.500 fanatischen Fans. Ein Sieg in einem solchen Spiel, vor einer solchen Kulisse, gegen den Topfavoriten dieses Turniers – das wäre die große Oper. Das Team von Bundestrainer Martin Heuberger würde dieser langen Historie von Duellen zweier großer Handballnationen ein bedeutendes Kapitel hinzufügen.

Nur vier deutsche Profis haben beim letzten großen Triumph gegen Spanien mitgewirkt – Torwart Carsten Lichtlein (TBV Lemgo), Regisseur Michael Haaß (Frisch Auf Göppingen), Linksaußen Dominik Klein (THW Kiel) und Abwehrchef Oliver Roggisch (Rhein-Neckar Löwen). Die anderen kennen die Wucht eines solchen Duells nur aus dem Fernsehen. "Ich habe damals vor dem Fernseher gesessen", sagt etwa Adrian Pfahl, der Linkshänder vom VfL Gummersbach, der großen Respekt vor den Gastgebern hat. "Die stellen eine extrem aggressive Deckung hin, mit sehr großen Leuten."

Mauer aus Hünen

In der Tat wartet auf den deutschen Rückraum eine Mauer aus Hünen. Viran Morros, der Chef des Abwehrverbundes, ist umgeben von Ungetümen wie Jorge Maqueda und Joan Canellas, die auch für eine Hauptrolle in Holzhacker-Filmen in Frage kämen. Sie symbolisieren die schon traditionell starke Physis der Spanier. Denn die körperliche Überlegenheit wirkt sich auch im Angriff in taktischen Dingen aus.

Während die Deutschen traditionell langen Angriffskonzepten vertrauen, um so die gegnerische Deckung auseinanderzuziehen, nutzen die Spanier ihre körperliche Überlegenheit, um über die sogenannte "Kleingruppe" zum Erfolg zu kommen; in diesen Duellen Zwei gegen Zwei versuchen sie oft, den Ball auf dem direkten Weg zum Kreisläufer zu bringen. Aktuell ist das Julen Aguinagalde, ein Mann mit Oberschenkeln so dick wie Baumstämme, der kaum wegzuschieben ist aus der Gefahrenzone. Und der trotzdem extrem beweglich ist.

Dieses körperbetonte Spiel und die Cleverness, die den spanischen Handballer von jeher auszeichnet, lag deutschen Mannschaften noch nie. Das macht sich auch in der Champions League bemerkbar, wo spanische Spitzenklubs wie der FC Barcelona und Athlético Madrid (vormals Ciudad Real) die deutschen Konkurrenten in den letzten zwei Jahrzehnten oft distanzierten. Und auch der letzte Sieg einer deutschen Nationalmannschaft gegen die Iberer liegt nun schon sechs Jahre zurück.

Hexenkessel in Saragossa

Die deutschen Profis, die am Montagabend den spanischen Achtelfinalsieg gegen Serbien (31:20) anschauten, fürchten sich dennoch nicht vor dem körperbetonten Spiel. Sie betrachten ihren Sensationssieg gegen Olympiasieger Frankreich in der Vorrunde, als sie ein ebenfalls athletisch überlegendes Team beherrschten, als Blaupause für einen weiteren Erfolg. "Da haben wir gezeigt, dass wir auch gegen solche Mannschaften bestehen können", sagt Pfahl. "Wir hatten in der Vorrunde schon ähnliche Abwehrsysteme zu spielen und haben gute Lösungen gefunden", gab sich auch Bundestrainer Heuberger optimistisch. Und auch den Hexenkessel in Saragossa, die flirrende Atmosphäre auf den Rängen, betrachten sie eher als Motivationshilfe. Kapitän Oliver Roggisch erinnerte deswegen nochmals an den Sieg gegen Mazedonien vor extrem feindseliger Kulisse vor einem Jahr in Nis/Serbien.

Eine der größten Unwägbarkeiten ist, ob das Schiedsrichtergespann dem großen Druck der Kulisse und der Handballpolitik, die auf diesem Spiel lastet, standhalten und Neutralität bewahren kann. Nicht nur der Präsident des Handball-Weltverbandes IHF, Hassan Moustafa, hat vor dem Turnier erklärt, dass ein langer Verbleib des spanischen Gastgebers wichtig sei für die WM und den gesamten Handball. Die spanische Liga Asobal, in der viele Traditionsklubs um das wirtschaftliche Überleben kämpfen, benötigt ebenfalls jene Vitaminspritze, die womöglich eine Finalteilnahme bedeuten würde. Und die WM-Organisatoren wollen gar nicht darüber nachdenken, was leere Hallen am Finalwochenende in Barcelona bedeuten würden – schließlich waren in der Vorrunde und auch im Achtelfinale viele Sitzplätze leer geblieben.

Die Geschichte hat oft gezeigt, dass die Schiedsrichterleistungen in ähnlichen Spielen nicht mehr das Niveau einer Weltturniers besaßen. Auch der deutsche Handball hat schon von solchen Einbrüchen profitiert. 2007, Weltmeisterschaft in Köln, da fühlten sich die Spaniern bei ihrer knappen Viertelfinalniederlage um den durchaus möglichen Sieg betrogen.

Foto: dapd

Jetzt wird es ernst. Diese 16 Spieler vertreten Deutschland bei der Handball-WM in Spanien.

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