22.01.13

Formel 1

Die brisante Personalie des Mercedes-Sportchefs

Mit Aufsichtsratschef Niki Lauda übernimmt Toto Wolff die Führung des Mercedes-Rennstalls. Als einziger Teamchef hält er auch größere Anteile am Team. Es droht ein Interessenkonflikt.

Von Simon Pausch
Foto: dapd

Der Haug-Nachfolger Toto Wolff und seine Ehefrau, die Williams-Testpilotin Susie Wolff (l.)
Der Haug-Nachfolger Toto Wolff und seine Ehefrau, die Williams-Testpilotin Susie Wolff (l.)

Lewis Hamilton sah ein bisschen verloren aus zwischen all den historischen Relikten. Wie der neue Vorzeigefahrer des örtlichen Formel-1-Rennstalls mit Turnschuhen, Brillantohrring und seiner neuen silberfarbenen Teamjacke durch das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart schlenderte, erinnerte er ein wenig an ein Schulkind beim Klassenausflug. Mal posierte er neben dem Boliden, der Stirling Moss in den 1950er-Jahren zu Platz zwei in der WM getragen hatte, dann bestaunte er Michael Schumachers Comebackauto.

Irgendwann schoss er selbst ein Handyfoto von einem an der Decke hängenden Wagen. Der opulente Bau, in dem die Motorsportgeschichte des Stern-Konzern von ihren Anfängen bis zur Neuzeit nachgezeichnet wird, machte Hamilton dabei noch ein wenig schmaler als er ohnehin schon ist.

Dann, kurz vor dem Ende des Rundgangs, entfuhr ihm doch noch ein freudiges Juchzen. "Dieser Sitz fühlt sich an wie mein Fernsehsessel", sagte der 27-Jährige glucksend und streichelte über einen offenen Silberpfeil aus den Siebzigern. Vor ein paar Jahren ist er mit genau diesem Auto mal über den Nürburgring gebrettert, die Erinnerung daran hat sich offenbar eingebrannt: "Leider konnte ich die Straße vor lauter Erschütterungen kaum erkennen."

In die Reihe der Legenden eingliedern

Dieser erste Dienstausflug in die deutsche Zentrale seines neuen Arbeitgebers hat dem Weltmeister von 2008 eine erste Ahnung davon vermittelt, was bei Mercedes von ihm erwartet wird. Er soll sich – bei aller Jugendlichkeit, die er ausstrahlt – auf Dauer eingliedern in die Reihe von Legenden wie Moss, Schumacher oder Mika Häkkinen, die allesamt Autos mit dem Stern über die Rennstrecken dieses Planeten lenkten und damit den Weltruhm der Marke mehrten. "Es ist ein Privileg, Teil des großen Ganzen bei Mercedes zu sein", sagte der Brite daher artig: "Sie bauen die besten Autos der Welt."

Zumindest für die Formel 1 galt das zuletzt nicht unbedingt. Mit viel Glück retteten Schumacher und Nico Rosberg Rang im Vorjahr fünf in der Gesamtwertung. "Ich will gewinnen. Aber das muss alles Schritt für Schritt gehen. Erst einmal in die Punkte kommen, dann aufs Podest und dann vielleicht um Siege fahren", skizzierte Hamilton den Plan für seine siebte Formel-1-Saison.

Seine Bescheidenheit kommt nicht von ungefähr. Acht Wochen sind es noch bis zum ersten Startschuss in Melbourne/Australien, bereits in zehn Tagen beginnen die Testfahrten. Doch von Aufbruchstimmung, geschweige denn Euphorie, ist rund um die Silberpfeile wenig zu spüren. Und das liegt nur bedingt am Wissen um den Rückstand auf Red Bull und Ferrari, die vom Wissens- und Technikplus des Vorjahres zehren können. Das liegt vor allem an den Ereignissen der vergangenen Tage.

Hamiltons Präsentation wurde zur Randnotiz

Just zu der Zeit, als Hamilton die Mitarbeiter im Stuttgarter AMG-Werk kennenlernte, verschickte der Konzern eine Mitteilung, die die von langer Hand geplante Präsentation des Londoners inmitten der Mercedes-Historie zur Randnotiz machte. "Toto Wolff", steht da geschrieben, "wird neuer Gesellschafter und Executive Director" des Formel-1-Rennstalls und wird sich zugleich "mit einem wesentlichen Minderheitsanteil" daran beteiligen. Der Aufsichtsrat des Konzerns muss nur noch zustimmen.

Damit ist Wolff, wenn auch mit leicht abgewandeltem Aufgabenbereich, einerseits de facto der Nachfolger des im Dezember freigestellten Norbert Haug. Andererseits, und an dieser Stelle wird die Personalie Wolff brisant, ist er der einzige Teamchef in der Formel 1, der nennenswerte Anteile seines Arbeitgebers aufgekauft hat. Gemeinsam mit Niki Lauda, dem Aufsichtsratschef des Rennstalls, hält er jene 40 Prozent des Teams, die im vergangenen Herbst von der Investmentgruppe Aabar aus Abu Dhabi abgestoßen worden war.

"Der Impuls kam von Mercedes", erklärt Lauda im Gespräch mit der "Welt" das Zustandekommen des eigenwilligen Deals: "Toto und ich haben uns das dann überlegt und sind zu dem Schluss gekommen, dass das Sinn macht. Mit ihm haben wir die beste Aufstellung, die Mercedes gewinnen konnte." Die beiden Österreicher gelten als enge Freunde.

"Wir halten uns an die Richtlinien"

Doch Wolff, als Investmentbanker erfolgreicher als als Rennfahrer, hält gleichzeitig auch Anteile an HWA, dem Betreiber von Mercedes' wichtigstem DTM-Team. Damit droht dem neuen Motorsportchef ein veritabler Konflikt zwischen seinen Interessen in der DTM- und der Formel-1-Sparte. Lauda sagt zwar: "So viel ich weiß, ist er nicht der Budgetverantwortliche." Wolffs Amtsvorgänger Haug hingegen hatte den Etat noch verteilt.

Wolff beteuert zwar, aus dem Aufsichtsrat bei HWA ausscheiden zu wollen. Eine klare Strategie zur Vermeidung der drohenden Kollisionen beim Umgang mit seinen Investments hat er allerdings nicht. Er sagt: "Ich nehme die Compliance-Richtlinien sehr ernst. Mit ganz wenigen Ausnahmen gibt es keine Interessenkonflikte. In diesen Ausnahmefällen sind wir so aufgestellt, dass wir uns an die Richtlinien halten."

Mit der Verpflichtung des bisherigen McLaren-Ingenieurs Paddy Lowe, die laut "Sport Bild" bevorsteht, scheint Wolff ein erstes Ausrufezeichen setzen zu wollen. Der 50-Jährige gilt als ausgewiesener Fachmann und konnte in seiner McLaren-Zeit drei Fahrer- sowie einen Konstrukteurstitel feiern. Eile ist geboten für Wolff: Von nun an ist der sportliche Erfolg bei Mercedes direkt mit dem Wert seines Investments verknüpft.

Ähnliches Modell wie bei Williams

Bereits beim britischen Rennstall Williams wählte Wolff den Weg über ein Investment. Über verschiedene Holdings hielt er insgesamt 15,6 Prozent der Teamanteile und war maßgeblich am Börsengang von Williams im Jahr 2011 beteiligt. Ein ähnliches Modell scheint nun auch bei Mercedes möglich. Zwar hat sich der Konzern mit Formel-1-Chefpromoter Bernie Ecclestone im vergangenen Herbst auf eine Zusammenarbeit bis 2020 geeinigt.

Mit Wolff und Lauda aber stehen nun mindestens zwei Privatiers bereit, den Rennstall zu übernehmen, sollte Mercedes vorzeitig aussteigen wollen. Zwar beteuern beide unisono: "Dieses Szenario war bei den Gesprächen kein Thema." Die langwierigen Verhandlungen des Vorjahres aber haben Mercedes' distanzierte Haltung zur Formel 1 und vor allem zu dessen Macher Ecclestone verdeutlicht. Mit einer Übernahme durch Gesellschafter könnte der Konzern sein Team unbeschadet aus der kostspieligen Rennserie zurückziehen.

Den Sitz im Vorstand des Mercedes-Konkurrenten Williams hat Toto Wolff übrigens abgegeben. Seine Anteile an dem Rennstall nicht.

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