19.01.13

Armstrong-Beichte

"Ich dachte, was zur Hölle sage ich jetzt?!"

Lance Armstrongs Dopingbeichte fiel fein kalkuliert aus und lässt Fragen offen. Am meisten bedauert er offenbar, geschnappt worden zu sein. Ob er nach dem Comeback sauber fuhr, ist zweifelhaft.

Von Jens Hungermann

Es war ein heißer Juli-Tag in Paris 2005, als sie Lance Armstrong auf den Champs-Elysées ein Mikrofon in die Hand drückten. Und es war ein historischer Moment. Just hatte der Amerikaner die Tour de France wieder einmal gewonnen, nun sollte er zu den Menschen sprechen, ihnen zu seinem Karriereende neben sieben Titeln in Serie einige Worte hinterlassen.

"Ich dachte: Was zur Hölle sage ich jetzt?!", wird Armstrong später verraten. Damals fand er aber dennoch Worte, er rief: "Und zum Schluss an all die Leute, die nicht an den Radsport glauben, an die Zyniker und die Skeptiker: Ihr tut mir leid! Es tut mir leid, dass ihr keine großen Träume habt. Es tut mir leid, dass ihr nicht an Wunder glaubt."

Dann trat er ab, und es sollte siebeneinhalb Jahre dauern, bis das Bild vom hehren Helden auf zwei Rädern sich schlussendlich doch als Illusion entpuppte.

Lance Armstrong ist ein Doper gewesen, genau wie unzählige Profis vor ihm, nach ihm und während seiner Zeit. Keinen seiner sieben Toursiege erlangte der frühere Krebspatient ohne die Hilfe verbotener Substanzen und Methoden. Als überehrgeiziger Schikaneur baute er ein cleveres Dopingnetzwerk auf, dem das lückenhafte Testsystem nicht beikam – und wenn es doch einmal passierte, protegierte ihn ein Teamarzt.

Die ganze Welt hat dem 41-Jährigen in den Nächten zu Freitag und Samstag bei "Oprah Winfrey" dabei zusehen können, wie er all das erstmals selbst einräumte. Was er heute empfinde, wenn er seine Rede von damals noch einmal sehe? "Verlegenheit", antwortete Armstrong. "Ich habe einige Fehler in meinem Leben begangen. Dies war einer davon."

So bemerkenswert das zweiteilige Interview allein wegen der Fallhöhe des globalen Stars gewesen ist, muss es nicht zuvorderst dafür in Erinnerung bleiben, was Armstrong gesagt oder eingestanden hat. Sondern für all das, was er nicht sagte. Etwa wer ihm dabei half, der "König der Doper" zu werden.

Wer schützte Armstrong?

Wer ihn auf höchster Ebene protegierte. Wer alles davon wusste. Wer von denen heute noch Fäden zieht im Sport. Ob und wie er den Behörden und der Antidopingagentur bei der Aufklärung helfen werde.

Und das Interview wird dafür in Erinnerung bleiben, was er nicht tat: sich aufrichtig entschuldigen bei all jenen, denen er das Leben zur Hölle gemacht hat, indem er sie mit Klagen überzog, sie als Lügner diffamierte, ihre Karriere im Radsport und darüber hinaus ramponierte, wenn sie es wagten, an seinem Mythos zu kratzen.

Armstrong gab zu, was ohnehin durch den pedantischen Report der US-Antidopingagentur Usada längst bekannt gewesen ist. Einige Vorwürfe darin dementierte er sogar. Etwa jenen, dass der Usada in seinem Namen eine 250.000-Dollar-Spende offeriert worden sei. Seinen Aussagen mangelte es in weiten Teilen an Substanz.

Strafrechtliche Ermittlungen? Unwahrscheinlich

Kühl kalkulierend gestand er bloß ein, was ohnehin verjährt ist. Dass es aufgrund des Interviews zu neuerlichen strafrechtlichen Ermittlungen kommen wird, ist unwahrscheinlich.

Zivilrechtlich gleichwohl droht Armstrong weiterhin – oder: wieder – Schaden. Die Zeitung "Sunday Times" kündigte an, sich umgerechnet 1,2 Millionen Euro zurückholen zu wollen, die sie nach einem Verleumdungsprozess an den Texaner zahlen musste.

Und die Versicherungsfirma SCA Promotions erwägt, Bonuszahlungen rückzufordern, die sie an den Radprofi für dessen Tour-Siege leisten musste, obwohl Dopingverdacht bestand. Armstrong klagte das Geld 2005 erfolgreich ein – und log seinerzeit unter Eid, dass sich die Balken bogen ("Absolut clean, absolut ethisch"). Es geht um insgesamt zwölf Millionen Dollar (rund neun Millionen Euro).

Jetzt geht es um Millionen von Dollars

Jeffrey M. Tillotson, Anwalt der Versicherungsfirma, bestätigte der "New York Times", SCA wolle an diesem Wochenende entscheiden, ob sie ihrerseits Armstrong auf Rückzahlung verklagt. Und Tillotson sagte einen Satz, der stellvertretend für viele Kritiker Gültigkeit hat nach dem lauen Interview: "Uns schien es, dass ihm (Armstrong, d.Red.) mehr leid tat, geschnappt worden zu sein, als das, was er getan hat."

Solange er lebe, werde er versuchen, "Vertrauen zurückzugewinnen und mich bei den Leuten zu entschuldigen", schwadronierte Armstrong, beklagte sich aber auch: "Ich verdiene es, bestraft zu werden, aber ich bin nicht sicher, ob ich die Todesstrafe verdiene." Andere Radprofis hätten per Deal mit der Usada lediglich sechs Monate Sperre aufgebrummt bekommen – er aber dürfe lebenslang an keinem offiziellen Wettkampf mehr teilnehmen. Mit 50 den Chicago-Marathon rennen? No way!

Tränen wie einst Erik Zabel sie vergoss

Dass Armstrong seine Erfolge in einer Sportart feierte, in der Doping damals systemimmanent gewesen ist, ist unstrittig. Das belegen diverse Aussagen früherer Radprofis wie Rolf Aldag (44), Jörg Jaksche (36), Bert Dietz (43), oder Erik Zabel (42).

Ähnlich wie Zabel weinte, als er 2007 auf einem Podium in Bonn öffentlich Dopingmissbrauch einräumte und seinen Ältesten erwähnte ("Wenn ich von meinem Sohn erwarte, dass er ein guter Mensch wird, kann ich ihn nicht weiter anlügen"), kamen auch Armstrong ein paar wenige Tränen, als Oprah Winfrey ihn nach der Reaktion seiner Kinder fragte.

Luke, 13, habe ihn stets gegenüber anderen Kindern in Schutz genommen, sagte der fünffache Familienvater. Dann wurde der Usada-Report öffentlich und widerlegte die Lügen. "Er hat nie gefragt: Dad, stimmt das? Er hat mir vertraut", stammelte Armstrong.

Seinem Sohn sagte er: "Verteidige mich nicht!"

Luke gab er dann eine Bitte mit auf den Weg: "Verteidige mich nicht mehr! Wenn irgendein Kind irgendwas zu dir sagt, antworte ihm, dein Dad sagte Entschuldigung."

Gerade ein deutliches "Sorry" vermissen nun aber viele kritische Weggefährten des Despoten ("Ja, ich war ein Tyrann"), deren Lebensqualität er massiv beeinträchtigte, indem er ihre Glaubwürdigkeit diskreditierte. Betsy Andreu (46), etwa, Ehefrau des ehemaligen Teamkollegen Frankie Andreu (46), und einst mit Armstrong befreundet, ist erbost über die Oberflächlichkeit von Armstrongs TV-Beichte: "Er hätte auspacken können. Er schuldete es mir."

Kummer scheint Armstrong allerdings weniger Tadel zu bereiten als vielmehr die Aussicht, seine Krebsstiftung "Livestrong" könnte auch nach seinem Rückzug aus der Führung ("Mein schwerster Moment") nachhaltig Schaden nehmen.

Sein Vermögen wird auf 100 Millionen Dollar geschätzt

Und dass Sponsoren wie Nike, Oakley oder Anheuser Bush ihm den Rücken gekehrt haben, schmerzt offenbar deutlich mehr als geahnt: "Ich habe sicherlich all meine künftigen Einnahmen verloren", greinte Armstrong. Wiewohl das für jemanden, dessen Vermögen auf 100 Millionen Dollar taxiert wird, zu verschmerzen sein dürfte.

Es gab eine Zeit, da hat Lance Edward Armstrong aus Austin/Texas sich unbesiegbar gefühlt. Nun ist er in die Ecke gedrängt und versucht zu retten, was zu retten ist. Dass er bei Oprah Winfrey die ganze Wahrheit gesagt hat, ist zweifelhaft. Etwa wenn es um sein Tour-Comeback in den Jahren 2009 und 2010 geht, das er, Stand heute, "einen großen Fehler" nennt, und bei dem er nach eigenen Angaben ungedopt gewesen ist ("Nach 2005 war Schluss für mich").

Indizien für Doping auch 2009 und 2010

"Das Beweismaterial der Usada zeigt, dass Armstrongs Bluttests Abweichungen in seinem Blut aufweisen, die mit absoluter Sicherheit zeigen, dass er nach 2005 gedopt hat", sagt hingegen der Präsident der Welt-Antidopingagentur John Fahey.

Der Ex-Radprofi streitet das vehement ab. Fahey aber sagt: "Der Usada glauben oder Armstrong glauben? Ich weiß, wem ich Glauben schenke."

Was bleibt, ist für den Moment Lance Armstrongs mea culpa. Er sagt: "Ich bin voller Fehler, tief mit Makeln behaftet. Ich zahle jetzt den Preis dafür, und das ist okay. Ich verdiene es."

Dem ist nichts hinzuzufügen.


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