16.01.13

Dopingsumpf

Jetzt zittern die Mächtigen vor Armstrongs Beichte

Zeit seiner Karriere wurde Lance Armstrong von mächtigen Männern protegiert. Nun droht seine Doping-Beichte auch einigen von ihnen zum Verhängnis zu werden. Wen reißt er alles mit in den Abgrund?

Von Jens Hungermann
Quelle: dapd
16.01.13 1:45 min.
Rad-Profi Lance Armstrong hat mit seinem Doping-Geständnis bei Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey die Radsport-Welt erschüttert. Sein Jahrzehnte langes Abstreiten wirkt nun besonders abstrus.

Als Protegé hat Lance Armstrong (41) Zeit seiner Karriere hochrangige Prominente hinter sich gewusst, unbemerkt sollte das nie bleiben. Ohne sie hätte es der geschäftstüchtige Radrennfahrer im Leben nicht so weit geschafft. Da ist es kein Wunder, wenn die Sekundanten ihm bis zuletzt noch in der blödesten Bredouille zur Seite standen.

Nicolas Sarkozy zum Beispiel. Frankreichs ehemaliger Staatschef, ein glühender Fan des Tour-de-France-Seriensiegers, sagte nonchalant im Herbst, als längst alle Welt über massive Dopinganschuldigungen debattierte: "Sogar Asterix nahm Zaubertrank."

Nun wird Lance Armstrong aller Voraussicht nach um 3.00 Uhr in der Nacht von Donnerstag auf Freitag (MEZ) im Interview mit US-Talkmasterin Oprah Winfrey erstmals nicht nur seine nicht länger zu leugnenden Dopingvergangenheit einräumen. Es heißt überdies, er werde gegen "mehrere mächtige Menschen im Radsport aussagen, die über sein Doping wussten und es ihm möglicherweise unterstützten", wie die "New York Times" erfahren haben will. Die Mächtigen müssen zittern.

Sarkozy, Clinton, Bush suchten seine Nähe

Nur allzu gern suchten Männer wie Sarkozy, die US-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush oder Fürst Albert II. von Monaco in der Vergangenheit die Nähe des famos radelnden Krebsaktivisten. Doch während die Politiker nun im Zuge der Aufklärungswelle um ihren charismatischen Günstling allenfalls einen Kratzer am Image zu befürchten haben, geht es für frühere Weggefährten wie Ärzte oder Teamchefs ans Eingemachte.

Auch Funktionären wie Hein Verbruggen oder Pat McQuaid muss angst und bange werden. Den früheren niederländischen Präsidenten des Rad-Weltverbands UCI und seinem irischen Nachfolger droht ihre Nähe zu Armstrong Posten und Einfluss zu kosten.

Bis heute etwa vermag die UCI ja nicht nachvollziehbar zu erklären, wieso sie 2002 dubiose Spenden des Profis in Höhe von rund 125.000 US-Dollar annahm – kurz nachdem ein auf kuriosem Wege nachträglich ausgestelltes Attest ihn vor einer Dopingsperre bewahrte.

Armstrongs Spende? Beinahe ein Treppenwitz

Dass Armstrong laut UCI offiziell für den Antidopingkampf spendete, mutet im Lichte der Enthüllungen heute fast wie ein Treppenwitz an – ebenso wie Verbruggens Beteuerung noch vor zwei Jahren: "Armstrong hat nie gedopt, niemals, niemals, niemals. Ich sage das nicht, weil ich ein Freund von ihm bin, sondern weil es stimmt."

In einem Interview mit der niederländischen Fachzeitschrift "De Muur", das im Dezember geführt, aber erst jetzt veröffentlich wurde, weist Verbruggen alle Vorwürfe von sich: "Es gab nie Korruption, Armstrong hat nie jemanden innerhalb der UCI bezahlt. Alle Bücher werden das beweisen." Sämtliche Vorwürfe seien haltlos: "Ich stehe weit über diesem Geschwätz, auch wenn das alles sehr negativ für mich ist."

Verhängnisvolle Freundschaft

Im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gehört Verbruggen zu den einflussreichsten Männern. Seine in den Ermittlungsakten der US-Antidopingagentur (Usada) dokumentierte Kameradschaft mit dem Branchenstar Armstrong könnte ihm nun auf die Füße fallen.

Auch die UCI unter ihrem aktuellen Chef McQuaid steht weiterhin massiv in der Kritik. Daran ändert selbst die von ihr eingerichtete Kommission zur Aufklärung der Causa Armstrong nichts. Im Gegenteil.

Jüngste Wendung: Ausgerechnet die Weltantidopingagentur (Wada) möchte nicht Mitglied der Kommission werden. Mehrere Gründe nannte Wada-Chef John Fahey dafür am Dienstagabend. Im Kern geht es um mangelnde Unabhängigkeit, einen zu engen Fokus bloß auf die Person Lance Armstrong, um die avisierte Frist für den Report bereits im Juni dieses Jahres sowie die Befürchtung, die UCI könnte entgegen ihrer Behauptung deutlichen Einfluss auf das Resultat des Berichts nehmen.

Nicht nur die Wada hat arge Bedenken

"Die Unabhängigkeit der Kommission ist infrage gestellt", meint Fahey. Die Usada ihrerseits kritisiert, dass denkbaren Kronzeugen kein Schutz vor Vergeltung durch die UCI garantiert wäre und darüber hinaus keine Anonymität. Mittwochabend bekundete die UCI per Pressemitteilung ihr Bedauern darüber, dass die Wada eine Kooperation mit der Kommission ablehnt ("Es ist enttäuschend").

Der erhoffte Befreiungsschlag für die angeschlagenen Radfunktionäre wird also ausbleiben, was Kritiker wie der deutsche Ex-Radprofi und geständige Doper Jörg Jaksche (36) begrüßen: "Meine Hoffnung verstärkt sich, dass es dort endlich eine Zäsur gibt", sagte er der "Welt" in einem Interview.

"Pat McQuaid hat sich in einem Interview neulich bereits lauwarm von Hein Verbruggen distanziert – nach meinem Eindruck, um irgendwie überall zwar dabeizusein, aber nirgendwo wirklich dazugehört zu haben." Jaksche orakelt: "Es wird sicherlich interessant."

Jaksches schlechte Erfahrungen mit der UCI

Er selbst hatte nach seinem Dopinggeständnis lange mit McQuaid gesprochen und ihm als Kronzeuge von seinen Erfahrungen in der Radsportszene berichtet. Maßnahmen infolgedessen? Praktisch null. Und Jaksche bekam, wenn man so will, im Profibereich kein Bein mehr auf den Boden.

Schon zeichnen sich ob des Falls Armstrong(s) weitreichende unangenehme Konsequenzen ab für die – ungerechterweise pauschal in Misskredit geratene – Radbranche (die ja aus weit mehr Disziplinen besteht als dem Profistraßenrennsport). Richard Pound, früherer Wada-Präsident und Mitglied im IOC, deutete an, Radsport könnte möglicherweise aus dem olympischen Programm gestrichen werden – eine Option, die schon in der Vergangenheit immer mal wieder debattiert worden war infolge diverser Dopingskandale.

Droht dem Radsport der Olympia-Ausschluss?

"Das IOC hätte sich damit zu befassen", sagte Pound der Nachrichtenagentur Reuters. Die UCI sei schließlich "nicht bekannt für ihre starken Antidoping-Handlungen". Der einzige Weg, diesen Sport sauber zu bekommen, sei, "wenn all diese Leute sagen: 'Hey, wir sind nicht mehr olympisch, aber das wollen wir sein. Also lasst uns uns den Weg zurück verdienen'".

Olympisch zu sein, das bedeutet nämlich: an den Fleischtöpfen des milliardenschweren IOC zu sitzen. Wer es nicht darf, hat es als Sportart ungleich schwerer im großen Business. Bei UCI-Präsident McQuaid, ebenso wie Pound IOC-Mitglied, dürften die Äußerungen alles andere als gut ankommen. Den umstrittenen Iren und den als sehr integer geltenden Kanadier verbindet eine innige Abneigung. Gemeinsam mit Verbruggen hat McQuaid vor knapp fünf Jahren eine Verleumdungsklage gegen Pound angestrengt. Sie blieb ohne Folgen.

Warum die US-Regierung eine Offerte ausschlägt

Armstrong droht wegen des Verdachts der missbräuchlichen Verwendung von Steuergeldern während seiner Zeit im Team US Postal weiterhin eine Anklage unter dem sogenannten "False Claims Act". Wie der TV-Sender CBS berichtet, soll der Sportmillionär angeboten haben, der Regierung mehr fünf Millionen US-Dollar zu zahlen und als Zeuge zu kooperieren, um dem zu entgehen.

Die Regierung hat das dem Bericht zufolge als "unzureichend" zurückgewiesen. Den Stein ins Rollen gebracht hatte Armstrongs früherer Teamkollege Floyd Landis (37), der seinerseits auf finanziellen Vorteil zu seinen Gunsten hofft, sollte ihm die Regierung beiseite springen und die Klage erfolgreich sein.

Dringender Appell der Wada

Bei der Wada unterdessen werden sie Armstrongs Interview bei "Oprah Winfrey" mit Interesse verfolgen. Lieber wäre den Dopingjägern in Montreal gleichwohl eine echte Kooperation des nach wie vor lebenslang Gesperrten.

"Auch wenn die Wada alle Athleten dazu aufruft, von jeglichen Dopingaktivitäten zu berichten, von denen sie wissen oder in die sie verwickelt waren, müssen diese Details doch an die entsprechenden Antidopingeinrichtungen weitergegeben werden", sagt Wada-Generaldirektor David Howman.

Bedeutet: Bitte weniger Show – und mehr Aufrichtigkeit.

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