15.01.13

Dopingexperte Franke

"Da tut Knast noch ein bisschen mehr weh"

Professor Franke spricht im Interview über Armstrongs Beichte und politische Korruption: "Ich vermute, dass seine Anwälte mit den Parteien, die er beschissen hat, Verhandlungen geführt haben."

Von Jens Bierschwale
Quelle: dapd
16.01.13 1:45 min.
Rad-Profi Lance Armstrong hat mit seinem Doping-Geständnis bei Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey die Radsport-Welt erschüttert. Sein Jahrzehnte langes Abstreiten wirkt nun besonders abstrus.

Werner Franke (72) ist Professor für Zell- und Molekularbiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Er gilt als einer der renommiertesten Experten in Dopingfragen.

Die Welt: Herr Professor Franke, Lance Armstrong soll ein umfassendes Doping-Geständnis abgelegt haben. Ruft es bei Ihnen Genugtuung hervor, wenn einer der vermeintlich größten Betrüger der Sportszene doch noch einknickt?

Werner Franke: Genugtuung ist das falsche Wort, das liegt mir von Natur aus völlig fern.

Die Welt: Wirklich?

Franke: Sicher. Denn eigentlich ist Armstrong doch schon längst Geschichte. Ich kann ihm vieles sogar nachsehen. Wenn Präsident George Bush mit ihm durch Texas Rad fährt, wenn Bill Clinton ihn unterstützt, also sowohl Republikaner als auch Demokraten sich auf seine Seite schlagen, glaubt er selbst doch irgendwann, er sei der große Zampano. Da sind mit ihm vermutlich geistig die Gäule durchgegangen. Dass sich die Politik mit ihm verbündet hat, war Jahre lang verführerisch für ihn. Als Barack Obama da nicht mehr mitmachen wollte und seine Teilnahme an einer Veranstaltung von Armstrongs Krebshilfestiftung abgesagt hat, wollte Armstrong ihn sogar zum Kommen zwingen. Das ist doch unfassbar.

Die Welt: …wurde aber lange geheim gehalten.

Franke: Absolut. Selbst Nicolas Sarkozy, diese Pfeife, hat Armstrong gedeckt. Der war so sauer auf die französischen Dopingkontrolleure, dass er kurzerhand den Chef der Anti-Doping-Agentur Frankreichs abgesetzt hat: Pierre Bordry. Das müssen Sie sich auf der Zunge zergehen lassen. Ein Präsident entlässt einen Wissenschaftler – nur weil dieser seine Pflicht tut. Da hat es keine großen Proteste gegeben – auch in Frankreich nicht. Die Sonderbehandlung der Spitzenleute im Sport wie Tour-de-France-Gewinner oder Olympiasieger durch Politiker ist ein klares Beispiel für Korruption.

Die Welt: Auch in den USA schien Armstrong lange Zeit mit seiner "Tour" durchzukommen.

Franke: Das System Armstrong konnte nur auffliegen, weil zwei Personen hartnäckig geblieben sind: Richard Young und Travis Tygart. Der eine ist Jurist der amerikanischen Antidopingbehörde USADA, der andere deren Chef. Die beiden haben die Ermittlungen gegen Armstrong durchgezogen, weil sie sich – auf Deutsch gesagt – verarscht gefühlt haben von der Politik und von der Staatsanwaltschaft. Young und Tygart haben radikal zugeschlagen, nachdem der Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles im Februar 2012 die Ermittlungen gegen Armstrong eingestellt hat. Der war übrigens früher auch mal Radfahrer gewesen…

Die Welt: Was droht Armstrong nun, wenn alles auf den Tisch kommt?

Franke: Private Auseinandersetzungen wie die der USADA mit Armstrong sind in einen ordentlichen Gerichtsprozess überzuleiten, wenn z.B. eine der Parteien durch eine vermeintliche Lüge einen Vorteil errungen hat. Dann gibt es z.B. eine Grand Jury, eine groß besetzte Kammer unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ab da ticken die Uhren in den USA anders. Die Leichtathletik-Olympiasieger Tim Montgomery und Marion Jones haben das ja z.B. auch zu spüren bekommen. Wer vor eine Grand Jury lügt, der kann gleich die Zahnbürste einpacken und wandert ins Gefängnis. Das gibt es hier in Deutschland in dieser Form leider gar nicht. Der Zwang, vor Gericht die Wahrheit sagen zu müssen, ist in den USA ein hohes Gut.

Die Welt: Glauben Sie, dass es tatsächlich so weit kommt?

Franke: Ich vermute, dass Armstrongs Anwälte mit den Parteien, die er beschissen hat, vor seiner vermeintlichen TV-Beichte umfassende Verhandlungen geführt haben. Nach dem Motto: Ihr kriegt euer Geld zurück, aber lasst mich in Ruhe.

Die Welt: Er hat gedealt?

Franke: Klar. Für ihn ist es doch das Wichtigste, dass er nicht vor einer Grand Jury aussagen muss. Dort könnte er Dinge gefragt werden, die bis jetzt noch gar nicht bekannt sind. Wenn Armstrong also vor einer Grand Jury aussagen müsste und lügen würde, würde er in den Knast wandern. Können Sie sich das vorstellen?

Die Welt: Ehrlich gesagt, ist inzwischen vieles vorstellbar.

Franke: Das würde einen Aufschrei geben. Mit der Einstellung in Los Angeles dachte man doch, jetzt ist alles erledigt für den netten Herrn Armstrong. Aber eine sogenannte privatrechtliche Auseinandersetzung zur Klärung der Wahrheit läuft in den USA eben anders ab. Das könnte dazu führen, dass Armstrong zu allen Fragen die Wahrheit sagen muss, und das wäre dann noch viel kribbeliger, als wir uns das alle vorstellen können. Was der gedealt hat mit Leuten wie Hein Verbruggen (Ex-Chef des Radsportweltverbandes UCI – d.Red.) und Dr. Saugy (...), übersteigt vermutlich unseren Horizont. Und wissen Sie was: Bei der Wahrheitsfindung sind die amerikanischen Gerichte nicht zimperlich. Die haben Marion Jones nicht irgendwo nach New York ins Gefängnis gesteckt, sondern solche Leute werden bevorzugt in Staaten wie Alabama oder Louisiana untergebracht. Da tut Knast noch ein bisschen mehr weh.

Die Welt: Viele meinen, dass nun die Zeit reif ist für einen Neuanfang – da selbst der größte Betrüger reinen Tisch gemacht hat.

Franke: Reiner Tisch – der am stärksten widerlegte Begriff in der Geschichte des Radsports! Jetzt fängt ein neues Leben an, das ist doch schon zigmal gesagt worden. Es hat doch nie gestimmt. Bei einer jeweils höheren Stufe von Dopingkorruption wurde immer gesagt, jetzt ist die Zeit für einen Neuanfang gekommen. Die nächste Stufe des Doping läuft doch schon. Da dopen einige schon mit Mitteln, die eigentlich zur Behandlung von Mammakarzinomen bei Frauen angewendet werden. Sie erhöhen den Gehalt von eigenem Testosteron im Körper. Die Doperinnen z.B. müssen dann überhaupt kein Testosteron mehr nehmen, um zu Leistungssteigerungen zu kommen. Pervers. Das ist durch Zufall rausgekommen bei Tatjana Lysenko, jüngst wieder Olympiasiegerin im Hammerwerfern. Eine sehr gute Laborarbeit hat sie um 2008 damit auffliegen lassen. Denn auch ein ärztliches Attest ist für solche Mittel leicht zu bekommen.

Die Welt: Also bleiben die Dopingfahnder weiter zwei Schritte hinter den Tätern zurück?

Franke: Man müsste die Mittel für die Dopingbekämpfung im Sinne der Forschung und Methodenentwicklung deutlich erhöhen. In Deutschland wollten ja kürzlich die Sportverbände gar nicht mehr zahlen dafür, auch die staatliche Unterstützung ist lächerlich niedrig. Andererseits werden bei Wettkämpfen Goldbarren für Sieger vergeben. Und wissen Sie was: Im Radsport ist die nächste Spirale des Dopings schon in vollem Gange.

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