15.01.13

Doping-Beichte

Oprahs 112 Fragen und Lance' vielsagende Antworten

Erste Details aus Armstrongs Enthüllungs-Interview bei "Oprah Winfrey" sind durchgesickert. Demnach gibt der Seriensieger Doping zu. Andere Radsport-Größen müssen nun vor der Wahrheit zittern.

Von Jens Hungermann
Quelle: dapd
16.01.13 1:45 min.
Rad-Profi Lance Armstrong hat mit seinem Doping-Geständnis bei Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey die Radsport-Welt erschüttert. Sein Jahrzehnte langes Abstreiten wirkt nun besonders abstrus.

Vielleicht ist es ja bloß ein weiterer geschickter Marketingschachzug im Leben des Lance Armstrong. Aber Interesse zu wecken, das versteht der Berufsradfahrer a.D. allemal. Derart umfangreich und unkürzbar soll sein Montag aufgezeichnetes Interview für die "Oprah Winfrey Show" ausgefallen sein, dass die Talkmasterin angekündigt hat, die 150 Minuten werden außerplanmäßig in zwei Teilen gesendet: Donnerstag und Freitag.

"Bedächtig" habe Armstrong gesprochen und "ernst". Und am Ende des Frage-Antwort-Spiels, nach zweieinhalb Stunden Einblick in seine Vergangenheit als Doper, "waren wir beide ziemlich erschöpft", verriet Winfrey ("Ich hatte 112 Fragen") am Dienstagmorgen dem Fernsehsender CBS.

So viel Tamtam war selten, wenn ein Sportheroe sich der Kultmoderatorin offenbart. Zugleich war aber auch die Fallhöhe nie so hoch wie in der Causa Armstrong, dem seine vermeintlich märchenhafte Karriere nun mit Schmackes auf die Füße fällt. Niemand mochte bis zuletzt ernsthaft glauben, der Texaner sei wirklich ohne unlautere Hilfsmittel und -methoden zum Seriensieger geworden, wie er es über mehr als zehn Jahre lang stets vehement beteuert hatte.

Nun sind die ersten Details aus der Beichte bei Oprah Winfrey durchgesickert – oder besser: lanciert worden trotz Verschwiegenheitsverpflichtungen. Denn auch das gehört unter Medienprofis zum Handwerk. So hat die Welt vorab erfahren, Armstrong werde in dem Interview zugeben, schon Mitte der 90er-Jahre vor seiner Krebserkrankung mit dem Dopen begonnen zu haben.

Die Zeitung "USA Today" berichtet unter Berufung aus eine anonyme Quelle, der Sportstar und seine Anwälte seien mit der US-Antidopingagentur Usada über "eine vollständige Vernehmung" über mehrere Tage im Gespräch.

Mit der Veröffentlichung ihres insgesamt rund 1000 Seiten starken Untersuchungsberichts hatte erst die unbeirrbare Usada Armstrong Mitte Oktober zu Fall gebracht, nachdem zuvor Ende August ein Zivilgericht den Fall ad acta gelegt hatte. In der Folge waren dem 2009 nach einem Comeback endgültig zurückgetretenen Radprofi u.a. alle sieben Siege bei der Tour de France aberkannt worden, er ist lebenslang gesperrt.

Juristisch wird es nun knifflig

Durch das zu erwartende öffentliche (Teil-)Geständnis drohen Armstrong seine Dopingverstrickungen mehr denn je juristisch einzuholen. An mehreren Fronten lauern Klagewillige oder Kläger, die Geld vom millionenschweren Texaner zurückzufordern gedenken. Unter ihnen die Versicherungsgesellschaft SCA Promotions, die nach einem Schiedsverfahren 2005 alles in allem rund zwölf Millionen US-Dollar (etwa 9,3 Millionen Euro) Bonuszahlungen leisten musste, obwohl dringender Dopingverdacht bestand.

Oder die "Sunday Times", die Armstrong erfolgreich auf Schadenersatz wegen Verleumdung verklagte, nachdem die renommierte Zeitung über dessen Dopingaktivitäten berichtet hatte (es geht jetzt um 1,5 Millionen Dollar). Und natürlich Floyd Landis.

Landis (37) ist es gewesen, der mit Dopinganschuldigungen gegen Armstrong und andere frühere Teamkollegen 2010 einen nachhaltigen Riss in die Schweigemauer schlug. Bis Donnerstag muss das US-Justizministerium entscheiden, ob der Staat dem "Whistleblower" als Kläger gegen Armstrong beispringt auf Basis von Bundesrecht und des sogenannten False Claim Acts.

Ein erbitterter Rivale: Floyd Landis

Armstrong, so die Argumentation, soll demnach im damaligen Team US Postal als Miteigentümer der Betreibergesellschaft die staatliche Post um 30 Millionen Dollar betrogen haben, indem er und die Teammanager missbräuchlich Sponsorengeld zu Dopingzwecken abzweigten.

Kommt es nicht vorher zu einer außergerichtlichen Einigung zwischen Armstrong und – dem finanziell im Übrigen angeblich arg klammen – Landis, dürfte Klage erhoben werden. Schon soll Armstrong offeriert haben, einen Teil der Sponsorenmillionen freiwillig zurückzuzahlen.

Was also ist Hintergrund der Armstrong-Strategie, via "Oprah Winfrey Show" sein Schweigen zu beenden? "Er scheint darauf zu pokern, dass die Öffentlichkeit ihm am Ende vergeben wird, und dass er seine Reputation und seine Verdienstmöglichkeiten wiederherstellen kann", mutmaßt der New Yorker Fachanwalt Brian Socolow in einer Expertise für "USA Today".

Jaksche kann Armstrongs Taktik nachvollziehen

Der Deutsche Jörg Jaksche (36) sagte der "Welt": "Armstrong denkt pragmatisch. Hätte er seine bisherige Schiene beibehalten, hätte er nur noch weiter verloren. Das hat er wohl eingesehen. Buhmann der Nation statt Celebrity? Das wollte er nicht."

Jaksche selbst offenbarte seine Vergangenheit als Doper Ende Juni 2007 im "Spiegel". Seine Motivation für das mediale Bekenntnis: "Ich war es leid, dass Leute wie die Pevenages und Bruyneels (belgische Teamchefs – d.R.) dieser Welt es schaffen, allein den Fahrern sämtliche Verantwortung für Doping in die Schuhe zu schieben. So ist es nicht. Insofern kann ich nachvollziehen, dass Armstrong sich eine Talkshow als Plattform nimmt, um seine Version zu erzählen."

Und die, meint Jaksche, habe durchaus weitere Facetten als bloß das Bild des Tyrannen, vor dem alle kuschten: "Sollte Armstrong in dem Interview sagen, er habe niemanden gezwungen zu dopen, gebe ich ihm Recht. Was er getan hat, haben andere auch getan, darunter ich. Er war der Konsequenteste."

"Hätte er Stil, würde er sich entschuldigen"

Er hingegen sei war einfach nicht so talentiert gewesen "wie er oder Jan Ullrich. Der Betrogene ist derjenige, der sich nicht diesem System unterwerfen wollte. Und davon gab es einige. Ich hingegen fühle mich von Lance Armstrong überhaupt nicht betrogen".

Hätte Armstrong aber "Anstand und Stil, würde er sich bei den Leuten, denen er das Leben zur Hölle gemacht hat – wie zum Beispiel eine Emma O'Reilly (Ex-Masseurin und Belastungszeugin – d.R.) – entschuldigen".

Jetzt gibt es wohl den Gegenangriff

Statt zu Kreuze zu kriechen scheint ein Gegenangriff Armstrongs gleichwohl wahrscheinlicher. Die "New York Times" berichtet, der Krebsaktivist und frühere Triathlet plane vielmehr, gegen "mehrere mächtige Menschen im Radsport auszusagen, die über sein Doping wussten und es ihm möglicherweise unterstützten". Auch Funktionäre des schwer in die Bredouille geratenen Weltverbandes UCI dürfte es betreffen, der Armstrong jahrelang protegiert, ja hofiert hatte.

Was und wie tiefgreifend Lance Armstrong auspackt, wird alle Welt in der Nacht von Donnerstag auf Freitag hören.

Zeitfahrweltmeister Tony Martin erwartet von Armstrongs Interview mit Winfrey jedenfalls erschütternde Enthüllungen des gefallenen Radstars. "Es wird wieder ein Urknall werden", sagte Martin. Zur Motivation Armstrongs, dem im Zuge des Berichts der US-Antidoping-Agentur USADA seine sieben Tour-de-France-Titel aberkannt worden waren, meinte Martin: "Ich denke, dass der öffentliche Druck auch so groß geworden ist, dass er das Bedürfnis hat, reinen Tisch zu machen und mit den ganzen Schandtaten ans Licht zu kommen."

Reaktionen auf Armstrongs Interview

Jan Ullrich (Tour-de-France-Sieger von 1997): "Das ist alles für mich nichts Neues. Ich nehme es zur Kenntnis. Aber die Zeit von Lance und mir im Radsport liegt schon so lange zurück, dass das auf mein Leben keinen Einfluss hat."

Rolf Aldag (früherer Telekom-Profi): "Von Natur aus ist er ein sehr berechnender Mensch, der sich genau überlegt, was er macht. Ich glaube mit dem Wissen, was Lance Armstrong über Strukturen hat, ist in der Tat eine Mitarbeit vorstellbar. Man hört ihm zu. Wenn er sich dazu entscheidet, zu sagen, wo der Fisch stinkt, kann das sehr hilfreich sein."

Jörg Jaksche (früherer Radprofi und geständiger Doper): "Lance Armstrong ist ein knallharter Kalkulierer und Realist. Er hat sicher erkannt, dass er mit dem wenigen Positiven, dass es für ihn noch gibt, so das bessere Ende hat. Ich könnte mir vorstellen, dass er sich zum Kopf einer neuen Bewegung macht und so positioniert, dass er den Radsport ändern will. Das EPO kam ihm ja nicht zugeflogen. Er müsste Ross und Reiter nennen und zum Beispiel auch sagen, ob das mit dem Schweigegeld an die UCI (Radsport-Weltverband, d. Red.) so stimmt. Dann aber, auch das ist klar, kann es die UCI in dieser Konstellation nicht mehr geben."

Tony Martin (Zeitfahrweltmeister): "Es wird wieder ein Urknall werden. Ich denke, dass der öffentliche Druck so groß geworden ist, dass er das Bedürfnis hat, reinen Tisch zu machen und mit den ganzen Schandtaten ans Licht zu kommen."

Bradley Wiggins (Tour-de-France-Sieger 2012 und Zeitfahr-Olympiasieger): "Das wird für eine Menge Leute ein großer Tag, und auf eine gewisse Art auch ein ziemlich trauriger Tag für den Sport."

Riccardo Ricco (früherer Radprofi): "Ich verteidige niemanden, aber ich möchte sehen, ob jemand, der gedopt hat, siebenmal in Folge die Tour de France gewinnen kann. Unmöglich. Armstrong, du bleibst ein Phänomen."

Michael Lehner (Sportrechtsexperte): "Armstrong ist ein Mann voller Häme und Zynismus, aber er ist auch sehr hart gegen sich selbst. Er würde sich lächerlich machen und selbst konterkarieren, wenn er sich nun als Opfer des Systems Radsport darstellen oder lediglich erklären würde, er sei ja nicht der einzige Böse gewesen. Deshalb erwarte ich von Armstrong mehr als von Jan Ullrich. Ich bin sehr optimistisch, dass Armstrong wirklich auspackt."

Statement des Radsport-Weltverbandes UCI: "Falls diese Berichte wahr sind, würden wir Armstrong entschieden zu einer Zeugenaussage vor der unabhängigen Untersuchungskommission drängen."

Oprah Winfrey (Talkshow-Gastgeberin): "Ich würde sagen, er hat nicht so ausgepackt, wie ich es erwartet habe. Das war überraschend für mich."

Mark Fabiani (Sprecher von Lance Armstrong): "Wir haben mit Oprahs Team vereinbart, bis zur Ausstrahlung nichts zu kommentieren. Wir werden uns daran halten."

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