16.01.13

Jörg Jaksche

"Armstrong ist ein knallharter Kalkulierer"

Ex-Radprofi Jörg Jaksche spricht im Berliner Morgenpost-Interview über das Doping-Geständnis von Lance Armstrong, sagt, was er ihm rät und warum er selbst öffentlich seine Vergangenheit als Doper offenlegte.

Quelle: dapd
16.01.13 1:45 min.
Rad-Profi Lance Armstrong hat mit seinem Doping-Geständnis bei Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey die Radsport-Welt erschüttert. Sein Jahrzehnte langes Abstreiten wirkt nun besonders abstrus.

Über viele Jahre fuhr Jörg Jaksche (36) im Peloton für Konkurrenzteams gegen Lance Armstrong (41). Dass der Texaner nun einräumt, gedopt zu haben, erstaunt den Deutschen kaum. "Buhmann der Nation statt Celebrity? Das wollte er nicht", sagt Jaksche.

Berliner Morgenpost: Überrascht es sie, dass Lance Armstrong nun zumindest teilweise mit der Wahrheit herausrückt, Herr Jaksche?

Jörg Jaksche: Auf der einen Seite ein bisschen, weil ich dachte, er bleibt weiter auf seiner harten Linie. Auf der anderen Seite denkt Armstrong pragmatisch. Hätte er seine bisherige Schiene beibehalten, hätte er nur noch weiter verloren. Das hat er wohl eingesehen. Buhmann der Nation statt Celebrity? Das wollte er nicht. Dass er bereut und deshalb sagt: "Ich habe etwas falsch gemacht", daran glaube ich allerdings nicht. Armstrong ist vielmehr ein knallharter Kalkulierer, der einsieht: lügen bringt weniger als zuzugeben.

Berliner Morgenpost: Dass auch Lance Armstrong über Jahre hinweg gedopt hat, war zuletzt ja für jeden unübersehbar geworden.

Jaksche: Lance ist ein Alphatier, er steht gern im Mittelpunkt. Seine eigene Heldengeschichte ist aufgrund des Usada-Reports auf Null eingestampft worden. Damit fühlt er sich sicherlich nicht wohl. Andererseits gibt es da auch etwas, das mich stört.

Berliner Morgenpost: Was?

Jaksche: Wie ihn frühere Teamkollegen beschuldigt haben. Ich nehme es nicht allen ab, dass es genauso gewesen ist, wie sie erzählt haben. Vielmehr bin ich mir sicher, dass einige ihr "Kronzeugentum" frisiert haben. Ich kenne diese Leute – und ich habe gesehen, wie viele von denen bei Lance Armstrong wie die Welpen um die Mutter herumgeschwenzelt sind, um an die wohlgefüllte Tour-de-France-Zitze auch heranzukommen. Sollte Armstrong in dem Interview sagen, er habe niemanden gezwungen zu dopen, gebe ich ihm Recht.

Berliner Morgenpost: Spätestens jetzt müsste aber auch dem Letzten klar sein, dass die Ära Armstrong eine pharmaverseuchte Ära gewesen ist. Schadet sein Geständnis dem Radsport zusätzlich? Oder hilft es ihm für die Zukunft?

Jaksche: Ich denke, es hilft dem Radsport eher, bringt ein wenig mehr Glaubwürdigkeit, wenn nun auch der Beste Doping gesteht. Man kann damit die letzten fast 20 Jahre des Radsports quasi eindampfen. Egal welcher Fahrer auf dem Tour-Podest war, jeder hatte direkt oder indirekt etwas mit Doping zu tun, sieht man von Fahrern wie Oscar Pereiro oder Carlos Sastre ab, denen nie etwas nachgewiesen werden konnte. Die Gesamtgemengelage ist aber nun ziemlich offensichtlich.

Berliner Morgenpost: Was erwarten Sie nun von Armstrong?

Jaksche: Wenn er Anstand und Stil hätte, würde er sich bei den Leuten, denen er das Leben zur Hölle gemacht hat – wie zum Beispiel eine Emma O'Reilly (Ex-Masseurin und Belastungszeugin, d.Red.) – entschuldigen. Wenn jemand von Armstrong in der Vergangenheit verklagt wurde, kämpfte er ja wie gegen Windmühlen oder wie gegen Goliath. Anhand des Interviews und seiner nachfolgenden Taten wird man sehen, wie ernst Armstrong es überhaupt meint – oder ob es bloß ein kalkuliertes Geständnis ist, damit er selbst wieder präsentabel wird.

Berliner Morgenpost: Es heißt, der Fisch stinke vom Kopf her. Sie selber haben Ihre eigenen Erfahrungen mit dem Rad-Weltverband gemacht. Glauben Sie, dass Armstrongs Geständnis in irgendeiner Weise Bewegung an die Spitze der UCI bringen wird?

Jaksche: Meine Hoffnung verstärkt sich, dass es dort endlich eine Zäsur gibt. Pat McQuaid (amtierender UCI-Präsident, d.Red.) hat sich in einem Interview neulich bereits lauwarm von Hein Verbruggen (McQuaids Vorgänger, d.Red.) distanziert – nach meinem Eindruck, um irgendwie überall zwar dabeizusein, aber nirgendwo wirklich dazugehört zu haben. Es wird sicherlich interessant. Ich denke nach wie vor, dass die UCI, wie es auch der Usada-Chef Travis Tygart gesagt hat, Armstrongs Komplize gewesen ist. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass die UCI kein Paradebeispiel von Transparenz und Ehrlichkeit ist.

Berliner Morgenpost: Lance Armstrong geht per Talkshow mit seiner Doping-Vergangenheit an die Öffentlichkeit, Jan Ullrich druckste 2006 bei "Beckmann" in der ARD herum, Sie selbst haben den Weg via "Spiegel" gewählt für ein umfassendes Dopinggeständnis. Haben auch Sie damals kühl kalkuliert wie nun Armstrong?

Jaksche: Bei mir war es so: Ich wollte mich in einem großen Medium offenbaren, damit ich juristisch besser abgesichert war. Wenn ich etwa jemanden wie Bjarne Riis (einer seiner Ex-Teamchefs, d.Red.) belaste, überlegt der sich zweimal, ob er den "Spiegel" verklagt oder bloß Jörg Jaksche verklagen muss. Das ist ein Riesenunterschied. Klar wurde mir vorgeworfen, ich hätte kalkuliert. Aber dass ich nicht viel oder nicht gut kalkuliert habe, sieht man daran, dass ich von meinem "Geständnis" nichts hatte – außer dass ich arbeitslos wurde.

Berliner Morgenpost: Was war dann der Hauptgrund?

Jaksche: Ich war es leid, dass Leute wie die Pevenages und Bruyneels (belgische Teamchefs, d.Red.) dieser Welt es schaffen, allein den Fahrern sämtliche Verantwortung für Doping in die Schuhe zu schieben. So ist es eben nicht. Insofern kann ich schon nachvollziehen, dass Armstrong sich eine Talkshow als Plattform nimmt, um seine Version zu erzählen.

Berliner Morgenpost: War Armstrong letztlich nur der Cleverste unter den Dopern? Oder ist er am weitesten gegangen?

Jaksche: Von dem, was ich gelesen habe in dem Usada-Reports, ist er nicht am weitesten gegangen. Was er getan hat, haben andere auch getan, darunter ich. Er war der Konsequenteste. Ich war einfach nicht so talentiert wie er oder Jan Ullrich. Der Betrogene ist derjenige, der sich nicht diesem System unterwerfen wollte. Und davon gab es einige. Ich hingegen fühle mich von Lance Armstrong überhaupt nicht betrogen. Weil ich weiß, dass ich das Gleiche getan habe. Aber: Ich wurde nicht gezwungen, ich hätte jederzeit aussteigen können. Auch wenn ich dann in der Bedeutungslosigkeit verschwunden wäre.

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