09.01.13

Biathlon

Pichler – "Putin bräuchte einen guten PR-Berater"

Wolfgang Pichler, Biathlontrainer in Russland, kehrt beim Weltcup in Ruhpolding in seine Heimat zurück. Er spricht über Anfeindungen, Demokratie und seine schwierige Arbeit mit den russischen Frauen.

Foto: pa/dpa/RIA Nowosti
Wolfgang Pichler soll die russischen Biathletinnen auf die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi vorbereiten
Wolfgang Pichler soll die russischen Biathletinnen auf die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi vornereiten.

Für Wolfgang Pichler ist die Reise zum Weltcup der Biathleten in Ruhpolding eine Rückkehr in die Heimat. Seit Frühling 2011 betreut der 57-Jährige als Cheftrainer die russischen Frauen. Das Staffelrennen am Mittwochabend (18.15 Uhr) ist der Auftaktwettbewerb in Bayern.

Berliner Morgenpost: Grüß Gott in der Heimat, Herr Pichler! Ist es schön, wieder zu Hause zu sein?

Wolfgang Pichler: Ganz ehrlich, ich hab recht wenig davon. Im Gegenteil, das ist mehr Stress als sonst. Woanders im Weltcup bin ich im Mannschaftshotel, muss mich um nix kümmern, habe meine Ruhe. Aber hier in Ruhpolding muss ich beim Organisieren mithelfen, und weil ich mich hier auskenne, kommt eben jeder zu mir, damit das alles gescheit funktioniert.

Die Welt: Wohnen Sie überhaupt mit der russischen Mannschaft im Teamhotel?

Pichler: Nein, ich schlafe bei mir daheim. Mein Haus ist 100 Meter vom Hotel weg, eine Minute. Kein Problem.

Berliner Morgenpost: Nach fast zwei Jahren als Trainer der russischen Frauen, wie geht es denn mit der Verständigung? Sprechen Sie besser Russisch oder Ihre Biathletinnen besser Bairisch?

Pichler: Die sprechen ein bisschen Englisch, und ich habe einen Übersetzer. In Schweden habe ich 16 Jahre ohne ein Wort Schwedisch hinter mich gebracht, mit der Sprache ist es auch bei den Russen kein Problem. Das könnte schlimmer sein.

Berliner Morgenpost: Sie hatten zu Beginn Ihres Engagements von einem spannenden Abenteuer gesprochen, in das Sie sich stürzen würden. Ist es immer noch aufregend?

Pichler: Mir gefällt es gewaltig, aber was brutal ist, ist der Druck, die Erwartungshaltung gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Sotschi. In Schweden waren die Leute schon mit einem vierten Platz zufrieden, bei den Russen zählt nur der Sieg. Die erwarten eine Medaille nach der anderen. Das heißt es bei den Deutschen auch immer, aber mit Deutschland kannst du das nicht vergleichen. In Deutschland machen die Medien den Druck, in Russland sind es die Minister aus der Regierung.

Berliner Morgenpost: Warum mischen die sich ein?

Pichler: Weil die mit verantwortlich gemacht werden, wenn es nicht läuft. Überall gibt es irrsinnige Widerstände. Wenn ich mitkriege, was da für ein Schmarrn läuft, was für Anfeindungen kommen, denke ich mir manchmal: Gar nicht verkehrt, dass ich Russisch nicht verstehe.

Berliner Morgenpost: Anfeindungen von wem? Gegen Sie, weil Sie kein Russe sind?

Pichler: Genau das. Dass ich der erste ausländische Biathlontrainer bin, passt vielen überhaupt nicht, gerade den Alteingesessenen. Wie die auf den Verband und mich draufhauen, das glaubst du kaum. Aber ich bin schon so lange Trainer, ich halte das gut aus. Meine Sportlerinnen kriegen das natürlich auch mit, meine Hauptaufgabe ist darum oft, einfach wieder Ruhe in den Laden zu bringen.

Berliner Morgenpost: Ruhe ist beim russischen Frauenteam zumindest in Sachen Doping eingekehrt. Ein Verdienst des alten Antidopingkämpfers Pichler?

Pichler: Da helfen alle zusammen. Ich kann in so einem riesigen Reich schlecht für jeden einzelnen Biathleten bis hinter nach Wladiwostok die Hand ins Feuer legen. Aber bei meiner Frauenmannschaft sind wir auf einem guten Weg. Auch Michail Prochorow ist als neuer Verbandspräsident auf ganz klarem Antidopingkurs. Der bricht die Strukturen auf, will den Verband auf ein modernes, westliches Niveau bringen.

Berliner Morgenpost: Dann hat der Biathlonverband der Regierung Putin einiges voraus. In Sachen Freiheit, Demokratie, Menschenrechte bekommst du immer mehr das Gefühl, Russland ist auf dem Weg zurück in einen totalitären Staat mit einem autokratischen Herrscher wie in alten Sowjetzeiten.

Pichler: Da müssen wir die Kirche im Dorf lassen. Wir dürfen Russland nicht mit unserem Land vergleichen. Du kannst nicht unsere Demokratie für Russland hernehmen. In Russland gibt es schon eine Art Demokratie, sie ist nur anders als bei uns. Wir müssen fair bleiben, bei uns wird viel zu einseitig berichtet, aber so richtig einseitig.

Berliner Morgenpost: Konkret?

Pichler: Zum Beispiel, dass das Klischee nicht stimmt, dass es in Russland nur Superreiche oder Superarme gibt. Wenn ich in manche Städte komme, da ist florierender Mittelstand. Und wenn Putin nicht mit harter Hand durchgreifen würde, gäbe es viel mehr Korruption. Was der Putin wahrscheinlich bräuchte, wäre ein guter PR-Berater. Der macht schon auch gute Sachen.

Berliner Morgenpost: Aber auch viele weniger gute. Massive Repressionen gegen Schwule etwa, in einer Regierung, in der Homosexualität als Krankheit gegeißelt wird.

Pichler: Ich sag das ja alles nicht, weil ich von denen da drüben bezahlt werde. Ich sehe gute Sachen und schlechte Sachen, wie überall. Gute Leute, schlechte Leute, gute Seiten, schlechte Seiten. Viele Dinge passen mir auch nicht, mit gefällt nur nicht diese Einseitigkeit. Mein Sohn ist Philosoph, mit dem diskutiere ich oft stundenlang darüber. Ich denke, es ist für Russland einfach ein sehr langer Weg in die Demokratieform, wie wir sie kennen.

Berliner Morgenpost: Dürfen wir erwarten, dass Sie eines Tages wie Gerard Depardieu, der französische Starschauspieler, in innigster Umarmung mit Wladimir Putin die russische Staatsbürgerschaft annehmen?

Pichler: Gar nicht. Ich bin Ruhpoldinger und bleibe Ruhpoldinger. Ich bleib bayerisch.

Berliner Morgenpost: Und was erwarten Sie als Ruhpoldinger beim ersten Heimweltcup nach dem Karriereende von Publikumsliebling Magdalena Neuner?

Pichler: Die Welt ist durch Neuners Rücktritt nicht untergegangen, und sie dreht sich auch ohne die Magdalena weiter. Sie war eine Ausnahmeerscheinung, ohne Frage. Aber in Oberhof waren auch ohne sie wieder 84.000 Fans da, und das bei dem Sauwetter. Ich erwarte in Ruhpolding die gleiche Stimmung wie sonst auch, ob mit oder ohne Neuner.

Berliner Morgenpost: Kommendes Jahr wird Ruhpolding einer der letzten Weltcups vor den Spielen in Sotschi sein. Wie geht es mit Ihnen nach Winterolympia 2014 weiter? Bleiben Sie bei der russischen Nationalmannschaft?

Pichler: Ich gehe zurück in meinen alten Beruf beim Zoll und konzentriere mich auf meine Tenniskarriere in der Ü60-Regionalliga. Im Ernst: Ich weiß es nicht. Es kann aber auch gut sein, dass ich gar nichts mehr tun werde.

Berliner Morgenpost: Sie wollen in Rente gehen?

Pichler: Ich bin jetzt 57, und der Job in Russland ist enorm anstrengend und verlangt sehr viel. Ich kann Ihnen nicht sagen, was nach Sotschi kommt. Vielleicht mag ich dann einfach mal meine Ruhe haben.

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