03.01.13

Skispringen

Der erstaunliche Absturz der "Super-Adler"

Nicht nur die deutschen Skispringer können die Erwartungen bei der Vierschanzentournee nicht erfüllen. Weit mehr noch enttäuschen die zuletzt dominierenden Österreicher. Selbst schuld.

Foto: dapd
Germany Ski Jumping Four Hills
Der Österreicher Martin Koch liegt nur auf Rang 45 der Gesamtwertung

Das Leben könnte für den Mann aus Österreich gerade nicht viel schöner sein. Dienstag hüpfte Alexander Stöckl ausgelassen mit Gleichgesinnten im Schnee herum, bildete mit ihnen einen verschworenen Kreis und jubelte. "Ich bin einfach überwältigt", sagte er danach. Freitag steht mit dem dritten Wettbewerb der Vierschanzentournee in Innsbruck auch noch ein Heimspringen für ihn an. "Und ein Sieg zu Hause wäre ein tolles Geschenk", sagt er.

Die Österreicher aber könnten sich Schöneres vorstellen. Denn ausgerechnet der Landsmann mit der besten Laune von allen hat nichts mit den österreichischen Skispringern zu tun. Jedenfalls nicht mehr: Stöckl trainiert mittlerweile erfolgreich die Norweger um den Tourneeführenden Anders Jacobsen.

Nicht bester, aber zumindest guter Laune ist Gregor Schlierenzauer, der zur Halbzeit auf Platz zwei der Tourneewertung liegt. Die anderen Springer aus dem Reich der Superadler schütteln aber schon den Kopf, da haben sie gerade erst den Telemark in den Schnee gesetzt. Danach schleichen sie zerknirscht davon, suchen nach Erklärungen und versuchen, sich wieder stark zu reden.

Nur Schlierenzauer springt vorn mit

"Es ist eine doch etwas andere Situation als in der Vergangenheit", sagt Schlierenzauer. Mit der einschüchternden Dominanz österreichischer Springer bei der Vierschanzentournee ist es jedenfalls vorbei. Auf ihrem schwarzem Luxusbus prangt zwar immer noch der Schriftzug "Die Superadler kommen", heraus trat in Innsbruck aber in Schlierenzauer nur einer, der sein Land wie erwartet vertritt.

Der 22-Jährige muss es jetzt allein richten, seine Teamkollegen sind chancenlos. Dabei war die Tournee in den vergangenen vier Jahren ein einziges österreichisches Freudenfest. 2009 gewann Wolfgang Loitzl, 2010 Andreas Kofler, 2011 Thomas Morgenstern und 2012 Gregor Schlierenzauer. Um die Konkurrenz vollends zu demotivieren, sprangen Kofler und Morgenstern im vergangenen Jahr auch noch auf die Plätze zwei und drei. Alle anderen Sportler waren nur Statisten im Konzert der "Superadler", die in vier Jahren 13 von 16 Tourneespringen gewannen.

"Uns ist bewusst, dass solche Zeiten wie in der Vergangenheit etwas ganz Besonderes sind und nicht jedes Jahr passieren", hatte Schlierenzauer schon vor dem Start der Vierschanzentournee gesagt. Dass sich die Kräfteverhältnisse aber gleich derart wandeln, ist dann doch eine Überraschung. Denn für Schlierenzauer ist es in den Top Ten recht einsam – als zweitbester Österreicher nimmt Manuel Fettner Rang elf ein. Kofler liegt auf Platz 22, Loitzl auf 23, Morgenstern nur auf 28 und Martin Koch auf 45. Zum Vergleich: Die Deutschen haben zwar keinen Springer, der im Kampf um den Gesamtsieg mitfliegen kann, aber drei Sportler in den Top Ten und weitere vier unter den besten 20.

Angriff auf die Punktrichter

Von einer Krise will in Österreich zwar niemand sprechen, aber ein unerwarteter Tiefflug ist es in jedem Fall. Doch während Bundestrainer Werner Schuster das Neujahrsspringen ganz klar als "Enttäuschung" einstufte, sprach Österreichs Alexander Pointner lediglich von "schwierigen Wettkämpfen" und griff die Punktrichter an: "Ich weiß nicht, ob da der eine oder andere Silvester zu lange weg war."

Die Österreicher geraten in Erklärungsnot. "Aber trotz oder gerade wegen der Situation halten wir als Mannschaft eng zusammen", betont Schlierenzauer, und Trainer Pointner sagt schon fast trotzig: "Das zieht uns überhaupt nicht runter." Die Suche nach den Gründen ist schwierig. "Wir dürfen uns im Moment nichts mehr erlauben", sagt Pointner und meint damit gleichermaßen die dichter gewordene Weltspitze als auch die neuen Anzüge.

Sie müssen enger anliegen als zuvor, bieten dadurch weniger Auftrieb und machen das Skispringen somit noch sensibler. Da kann auch ein Favorit schnell mal den zweiten Durchgang verpassen, wenn er sowieso schon nicht perfekt drauf ist und sich mit dem neuen Anzug noch nicht angefreundet hat.

Absturz von Morgenstern

Genau das passierte Thomas Morgenstern in Oberstdorf. Seine Saison war bereits bis Weihnachten durchwachsen verlaufen, aber die Geburt seiner Tochter Lilly, so hofften viele, sollte ihm bei der Tournee Auftrieb geben. "Er ist ein aggressiver Springer, jetzt muss er mit den neuen Anzügen mehr mit Gefühl springen", sagt Heimtrainer Heinz Kuttin. Das klappt bisher noch nicht nach Wunsch.

Andreas Kofler hatte ganz andere Probleme. Er wurde in Oberstdorf disqualifiziert, weil sein Anzug zu weit war. Zudem hatte er über die Weihnachtspause seine Form verloren. Da gab die Disqualifikation zusätzlich Unsicherheit für das Neujahrsspringen.

Und dann ist da diese Innovation der Norweger, der neue Sprungschuh. Während Schlierenzauer in Garmisch noch vor Wut über den vermeintlichen Nachteil schnaubte, bemühen sich die Österreicher jetzt um Ruhe. Denn fest steht zwar, dass Jacobsen und Hilde mit einem veränderten Schuh springen.

Vorsprung der Norweger

Fest steht aber auch, dass er regelkonform ist und auch ein Schuh nicht allein fliegt. Die Norweger haben einfach besser getüftelt. "Wir haben versucht, den Schuh steifer zu machen. Es ist im Prinzip eine Verlängerung der Zunge", erklärt Stöckl, "das hilft im Flug."

Nicht ganz wegzudiskutieren lässt sich ein anderer Grund für die Aufholjagd der Deutschen und Norweger: Sie haben österreichische Trainer. "Wissenstransfer" nennt Pointner das. Auch für die Deutschen wäre ein Triumph in Innsbruck unter Schusters Führung deshalb irgendwie ein Heimsieg.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Bei den Lohnverhandlungen gab es eine Einigung bei den BVG
09:05Lohnverhandlungen
Einigung im Tarifstreit bei den BVG - Streikgefahr abgewendet

Am frühen Mittwochvormittag gab es einen Kompromiss in den festgefahrenen Tarifverhandlungen bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Damit sind mögliche Streiks im öffentlichen Verkehr nun abgewendet. mehr...

Rechtsanspruch: Bis 2017 müssen insgesamt 11.000 Betreuungsplätze geschaffen werden
09:47Erfolgloses Konzept
"Ein-Euro"-Kitas werden wieder abgeschafft

Viele Berliner Kitas müssen dringend saniert werden, den Bezirken fehlt jedoch das Geld. Das zur Lösung des Problems geplante Ein-Euro-Programm wird nun beendet - der Senat hält es für gescheitert. mehr...


Rocket-Internet-Geschäftsführer Alexander Kudlich in der Firmenzentrale in Mitte
11:03Rocket Internet
100 Millionen Dollar für Zalando-Klon Zalora

Der von Rocket Internet im vergangenen Jahr nach dem Zalando-Vorbild in Südostasien gegründete Modeversender Zalora geht auf Expansionskurs. Finanziert von Kinnevik, Summit Partners und Tengelmann mehr...

Gefährlicher Zwischenfall am U-Bahnhof Kurfürstendamm: Zwei Schläger flüchteten nach einer Prügelattacke auf einen Passanten in den Tunnel der U-Bahn
11:06Gewalt
Schläger vom Kudamm flüchten vor Polizei in U-Bahn-Tunnel

Nachdem drei Schläger einen Mann auf dem Berliner U-Bahnhof Kurfürstendamm überfallen hatten, flüchteten zwei der Täter in den Schacht der U-Bahn-Linie 9. Ein 19-Jähriger wurde festgenommen. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Multimedia
Erste Bilanz

Die Tops und Flops von Oberstdorf

Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
Iran Rafsandschani darf bei Wahl nicht antreten
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote