03.01.13

Skandal in Italien

Rassistische Sprechchöre! Boateng bricht Spiel ab

Kevin-Prince Boateng platzt in einem Testspiel des AC Mailand der Kragen. Weil er rassistisch beleidigt wird, marschiert er mit seinen Kollegen vom Feld. Von den Rängen erntet er dafür Applaus.

Gerade einmal 4200 Zuschauer passen ins "Stadio Carlo Speroni" in Busto Arsizio. Die Kleinstadt liegt in der Lombardei, ihr ganzer Stolz ist der Fußballklub Aurora Pro Patria. In den 50er-Jahren spielte der Verein in der Serie A, inzwischen ist er jedoch in die vierte Liga abgestiegen. Dennoch erlangte er jetzt landesweit Aufmerksamkeit.

Auch Boatengs Kollegen werden beleidigt

Auslöser dafür war Kevin-Prince Boateng. Der Ex-Profi von Hertha BSC und Borussia Dortmund gastierte mit seinem derzeitigen Arbeitgeber AC Mailand zu einem Testspiel bei dem Provinzverein. Keine halbe Stunde war in der ersten Hälfte gespielt, da nahm der 25-Jährige den Ball in die Hand und drosch ihn in Richtung einiger Dutzend Pro-Patria-Anhänger.

Die hatten ihn vom Anpfiff an mit rassistischen Rufen verunglimpft – bis Boateng der Kragen platzte. Nach seinem Frustschuss riss er sich entnervt das Trikot vom Leib und stürmte in die Kabine. Nach kurzer Diskussion mit Schiedsrichter und gegnerischen Spielern folgten ihm seine Kollegen. Auch Boatengs Teamkollegen M'Baye Niang und Sulley Muntari hatten sich rassistischen Beschimpfungen ausgesetzt gesehen. Das Spiel war zu Ende, bevor es richtig begonnen hatte. Sehen Sie hier das Video.

Applaus von den Rängen

"Wir sind enttäuscht und traurig über das, was passiert ist", sagte Mailand-Trainer Massimiliano Allegri. Für die anderen Fans sowie den Klub und die Spieler von Pro Patria täte es ihm leid, so der 45-Jährige, aber sein Team habe keine andere Entscheidung treffen können: "Milan spielt für das Recht aller Spieler auf Respekt. Wir müssen dieses unzivilisierte Gehabe stoppen. Ich hoffe, dass wir heute ein wichtiges Zeichen gesetzt haben."

Was als Partie des Jahres für Pro Patria (zu Deutsch: für das Vaterland) gedacht war, endete in einem Eklat. Immerhin goutierten die Zuschauer, die nicht in den fremdenfeindlichen Chor eingestimmt hatten, die Aktion mit Applaus.

Präsident zeigt Verständnis

Auroras Präsident Pietro Vavassori verurteilte die rassistischen Rufe und zeigte Verständnis für Boatengs Reaktion. "Ich bin verbittert, verstehe aber Milans Entscheidung", sagte Vavassori. Seinen Angaben nach gehörten die Störenfriede nicht zu den Fanklubs des Vereins: "Die Herrschaften wurden ermittelt. Sie gehören nicht zu den Ultras von Pro Patria."

Busto Arsizios Bürgermeister Gigi Farioli beklagte, dass seine Stadt durch einige wenige Zuschauer in ein falsches Licht gerückt worden sei: "90 Prozent der Zuschauer haben applaudiert, als die Spieler das Feld verließen", berichtete Farioli.

Immer wieder Zwischenfälle

In den italienischen Fußball-Stadien kommt es immer wieder zu rassistischen Sprechchören gegen farbige Spieler. Auf den Tribünen waren auch schon Spruchbänder mit Hakenkreuzen und faschistischen Parolen zu sehen. In Rom zeigten radikale Lazio-Fans vor einigen Jahren sogar einmal ein Spruchband mit der Aufschrift "Auschwitz ist Eure Heimat, die Öfen Euer zu Hause".

Als Reaktion auf diese und zahlreiche weitere rassistische Zwischenfälle weitete die Regierung die Befugnisse der Polizeichefs in den Stadien aus. Neben den Schiedsrichtern können auch die Polizeichefs Spiele im Falle von Ausschreitungen oder Gesetzesverstößen abbrechen.

Pressestimmen aus Italien zum Fall Boateng

 

Gazzetta dello Sport

"Rassistische Schande. Wir sind alle Boateng! Wir beneiden ihm nicht das Talent, den Ruhm, das Gehalt oder die schöne Freundin: Seine Geste, seine Revolte gehören uns allen. Wir sind schwarz wie er, schwarz im Gesicht, in der Seele, schwarz vor Wut wegen einer riesigen Beleidigung gegen die Vernunft und das zivile Verhalten."

 

 

Repubblica

"Das ist ein Rekord der Schande, der uns bisher noch fehlte. Rassismus wächst in Italien und in Europa. Jetzt hat der AC Mailand auf eine Weise reagiert, die vorbildhaft ist."

La Stampa

"Jetzt ist keine Rückkehr mehr möglich. Jetzt gibt es kein Alibi mehr für Klubs, die sich in der Meisterschaft aus Angst, oder aus Bequemlichkeit bei rassistischen Schmährufen taub stellen. Von jetzt an kann man nicht mehr so tun, als würde es Rassismus im Fußball nicht geben."

 

 

Tuttosport

"Der AC Milan verdient größtes Lob. Der Klub zeigt, dass man keine Aggressionen, nicht einmal verbale, seitens von Personen tolerieren darf, die sich in der Gruppe stark machen, um ihre unakzeptablen Meinungen auszudrücken. Der Beschluss Milans, das Spiel abzubrechen, ist vorbildhaft."

 

Corriere dello Sport

 

"Ein großer Klub, eine große Lehre. AC Milan ist nicht nur der italienische Klub, der auf internationalem Gebiet am meisten gewonnen hat. Er ist jetzt auch der erste Klub Italiens, der auf dem Spielfeld eine Gruppe von rassistischen Idioten besiegt hat. Milan ist ein großer Verein und er hat es auch bewiesen, indem er gestern seinen Spieler Boateng vor rassistischen Beleidigungen in Schutz genommen hat."

Quelle: DW/sip
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