02.01.13

Darts

Phil Taylor, "der stolzeste Mensch der Welt"

Seine Ablösung war eigentlich schon beschlossene Sache. Doch dann schlug "The Power" zurück und holte sich in London seinen 16. WM-Titel im Darts. Nun fehlt ihm nur noch eine Trophäe zum Glück.

Foto: AFP

Einmarsch der Legende: Der 52-jährige Phil Taylor schickte sich in London an, zum 16. Mal Darts-Weltmeister zu werden.

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Die Legende wankte, dann schlug sie zurück. Und als Phil "The Power" Taylor nach dem Finale der Darts-Weltmeisterschaft schließlich die Siegertrophäe in die Luft reckte, sangen die 2500 Zuschauer sein Lied: "Walking along, singing a song, walking in a Taylor Wonderland".

Die Partie zwischen Altmeister Taylor (52) und dem Niederländer Michael van Gerwen (23) war als Duell der Generationen ausgerufen worden. Und es wurde der Ankündigung gerecht. Mit 2:0 und später 4:2 Sätzen führte der 29 Jahre jüngere van Gerwen, und "The Power" schüttelte den Kopf. Beinah schon resigniert wirkte er, als sein glatzköpfiger Herausforderer Pfeil um Pfeil die richtigen Felder der Dartsscheibe traf.

Er wankte – dann schlug er zurück

Doch wer Phil Taylor zu diesem Zeitpunkt bereits entmachtet sah, täuschte sich gewaltig. Der Mann, der über Jahrzehnte den Dartssport dominiert und bereits 15 Weltmeistertitel gewonnen hatte, trat nun den Beweis seiner Extraklasse an, schließlich ist er nicht durch Zaudern zum Tiger Woods des Darts geworden.

Wobei der Vergleich hinkt: Rastet der beste Golfspieler der Welt schon aus, wenn hinter ihm eine Kamera klickt, spielt Taylor in Hallen, in denen eine Stimmung wie auf dem Oktoberfest herrscht. Dort brauchst du gute Nerven, und die hat der Engländer wie kein Zweiter in der Branche.

Der Altmeister drehte das Spiel, und sein so unverwundbar wirkender Gegner bekam zittrige Finger. Unwiderstehlich zog Taylor davon, gewann fünf Sätze in Folge, bis am Ende ein 7:4-Sieg notiert wurde und der Triumphator um 200.000 Pfund (246.000 Euro) reicher war.

"Ich bin der stolzeste Mensch der Welt. Ich hätte nicht gedacht, dass der Junge noch einmal einbricht", sagte der Weltmeister anschließend und widmete den Sieg seinem Freund, dem Dartskommentator Sid Waddell, der im August im Alter von 72 Jahren gestorben war.

Beinahe-Schlägerei nach dem Halbfinale

Die große Wachablösung muss also noch warten. Noch nach dem gewonnenen Halbfinale gegen Raymond van Barneveld hatte Taylor mit einem Rücktritt geliebäugelt. Er hatte sich nach dem Sieg mit seinem Erzrivalen noch auf dem Podium so gezofft, dass ein Sicherheitsmann einschreiten musste. Angeblich, weil van Barnevelds Sohn ihn aus der ersten Reihe immer wieder provoziert haben soll.

Solche Dünnhäutigkeit ist ungewöhnlich für ihn. Es sei möglich, dass das Finale sein letztes Spiel sein werde, sagte Taylor anschließend.

Doch die nachrückende Generation muss noch eine Weile in Taylors Schatten darben. Nach dem Sieg über van Gerwen kündigte der Champion an, in einem Jahr seinen Titel verteidigen zu wollen. Keine gute Nachricht für die anderen Spieler. Die hatten schon ihre Chance gewittert, am Platzhirsch vorbeiziehen zu können, als der vor einem Jahr ungewohnte Schwächen zeigte.

In Runde zwei der Weltmeisterschaft war er damals gescheitert. "Der entzauberte Herr der Pfeile", titelte die "FAZ", und Taylor selbst haderte mit dem Alter: "Ich werde auch nicht jünger, und die Augen werden schlechter."

Taylor machte Darts zum Megaevent

Doch so kann niemand abtreten, der eine Kneipensportart zum Megaevent gemacht hat. 1992 hatte Taylor mit einigen Mitstreitern die Professional Darts Corporation gegründet und sich so von der etwas piefigen British Darts Organisation abgesetzt. Mittlerweile sind dort über sechs Millionen Euro pro Jahr allein an Preisgeld zu verdienen.

In Großbritannien haben Dartsübertragungen im Fernsehen die zweitbesten Einschaltquoten aller Sportarten – nur der Fußball hat mehr Zuschauer. Und die alljährliche Weltmeisterschaft im stets ausverkauften "Alexandra Palace" hat ihren Platz im internationalen Sportterminkalender sicher.

Nirgendwo sonst vermengen sich Karneval und Profisport derart explosiv wie im "Ally Pally". Wenn einem Spieler die "180" gelingt, also die maximale Punktzahl mit drei Würfen, rastet das bierselige Publikum aus. Vor allem, wenn "The Power" auf 180 ist.

"Und dann schlägst du hart zu"

Dabei sieht der Dominator ganz harmlos aus. Mit seinem Dackelblick und dem gemütlichen Bäuchlein wirkt Taylor, als könne jeder bei einem Bier gemütlich mit ihm plaudern. Doch an der Scheibe ist er unnachgiebig. "Du musst die Körpersprache deines Gegners lesen. Und wenn er sich einen Durchhänger leistet, schlägst du hart zu", beschreibt er seine Strategie.

Einst arbeitete Taylor als Gelegenheitsarbeiter und verdiente nach eigenen Angaben "vielleicht 50 Pfund die Woche". Als er 26 Jahre alt war, lernte er in der Kneipe des Dartsprofis Eric Bristow das Pfeilewerfen. Als er Talent bewies, lieh er sich 10.000 Pfund von Bristow und wurde Profidarter. In seinem ersten WM-Finale gewann Taylor 6:1 – ausgerechnet gegen seinen Lehrmeister.

Ein Multimillionär an der Scheibe

Mittlerweile treffen die üblichen Kneipenklischees nur noch begrenzt auf die Spieler zu. Okay, Adoniskörper sind vor den Dartsscheiben eher selten zu bewundern. Und selbst "König" Taylor neigt zu Doppelkinn und Haarausfall. Doch neben täglichem Training gehöre für ihn gesunde Ernährung mittlerweile dazu, sagt der Weltmeister, und eine Zigarette habe er noch nie in seinem Leben geraucht.

Auf mehr als zehn Millionen Euro wird sein Vermögen geschätzt, und wenn er irgendwann seinen Konkurrenten den Gefallen tut und wirklich aufhört, wartet eine Villa auf Teneriffa auf ihn.

Bis er 55 Jahre alt ist wolle er noch spielen, sagt Taylor. Das wäre 2015. Nur eines wird ihn dann wohl zu einem weiteren Aufschub des Karriereendes bewegen können. Taylor träumt davon, dass Darts eines Tages olympisch wird. Am liebsten schon zu den Olympischen Spielen 2016. Denn eine olympische Goldmedaille ist das einzige, was "The Power" in seinem Trophäenschrank noch fehlt.

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