30.12.12

Vierschanzentournee

Gregor Schlierenzauer liebt die stillen Momente

Österreichs Wunderkind Schlierenzauer ist zum Mann gereift und startet als Favorit in die Vierschanzentournee. Das Ereignis im Live-Ticker.

Foto: dapd

Gregor Schlierenzauer ist der klare Favorit bei der Vierschanzentournee
Gregor Schlierenzauer ist der klare Favorit bei der Vierschanzentournee

Er galt als Wunderkind, und er hat die Erwartungen erfüllt – tut dies bis heute. Der österreichische Skispringer Gregor Schlierenzauer gewann mit 16 Jahren sein erstes Weltcupspringen, es folgten 42 weitere Siege, er holte den Gesamtweltcup, WM-Titel, im vergangenen Jahr erstmals den Sieg bei der Vierschanzentournee und geht heute als Weltcupführender in den Tourneeauftakt von Oberstdorf (16 Uhr, Live-Ticker auf morgenpost.de). Schlierenzauer (22) ist immer noch jung, aber kein Junge mehr. Die kurzen braunen Haare hat er an diesem Tag lässig-cool etwas nach oben gegelt, er trägt Jeans und ein enges, kariertes Hemd. Er führt durch eine Galerie im Zentrum Wiens. Nicht irgendeine, sondern durch seine eigene Ausstellung. Schlierenzauer ist seit drei Jahren leidenschaftlicher Fotograf. 60 seiner Bilder zum Thema "Stille Momente" sind derzeit in der österreichischen Hauptstadt zu bewundern. Morgenpost-Redakteurin Melanie Haack besuchte ihn und die Ausstellung.

Verfolgen Sie die Vierschanzen-Tournee im Live-Ticker der Berliner Morgenpost

Berliner Morgenpost: Ihre Ausstellung heißt "Stille Momente". Nun sind Sie in Österreich schon als Teenager zum Star geworden. Wie still kann es da sein?

Gregor Schlierenzauer: Im Winter sind diese Momente sehr begrenzt, im Sommer und Frühjahr dafür umso häufiger – und da genieße ich sie. Ich spüre dann, wie alles abfällt. Für mich ist ein stiller Moment, wenn ich ich selbst bin, wenn ich das tun darf, was mir irrsinnig Spaß bringt, wenn ich mich weiterentwickeln kann.

Ist Fotografieren ein stiller Moment?

Ja, denn damit kann ich das Gegenteil zur Öffentlichkeit und zur Popularität genießen. Diese stillen Momente geben mir Energie und Kraft. Wenn es dir zu schnell ist im Leben, musst du einen Gang zurückschalten. Immer gelingt mir das nicht, das ist menschlich. Ich versuche, wenn es mir zu viel wird, zu sagen: Lasst mich in Ruhe. Es muss auch mal genug sein.

Gehen Sie anders mit Ihrer Zeit um als noch vor einigen Jahren?

Ich traue mich mittlerweile, nein zu sagen. Ich kann es nicht jedem recht machen – das habe ich gelernt. Und es ist auch nicht sinnvoll, es jedem recht zu machen; du musst auf dich selbst schauen. Schlussendlich zählt die Leistung auf der Schanze, und die will ich optimal angehen – dorthin führt ein bestimmter Weg. Wer es jedem recht macht, blutet aus.

Ist Fotografie auch eine Art Fluch?

Es ist eine Sucht – wie das Skispringen. Manchmal ist Fotografie vielleicht auch eine Flucht aus dem stressigen Alltag.

Die Vierschanzen-Tournee im Liveticker der Berliner Morgenpost

Für den ehemaligen finnischen Skispringer Matti Nykänen, der mit 46 Erfolgen als einziger mehr Weltcupsiege hat als Sie mit bislang 43, war Alkohol seine Art der Flucht.

Es ist traurig, dass solche genialen Sportler derart absumpfen. Ich habe einmal eine Dokumentation über ihn gesehen, und da erkennst du, dass ihm in manchen Situationen einfach alles zu viel war und er immer wieder von anderen Menschen hineingedrückt wurde. Immer wieder dieser Druck. Und irgendwann ist es eine Spirale nach unten.

Kennen Sie dieses Gefühl des Absturzes?

Das würde ich nicht sagen. Es waren manchmal Anzeichen da, aber ich bin weit weg von einem Absturz. Ich habe zum Glück ein Topumfeld. Für mich war und ist es enorm wichtig, mit meinem Onkel Markus Prock (Olympiazweiter im Rodeln, d.R.) einen ehemaligen Leistungssportler in der Familie zu haben. Er wusste, wie es läuft, wenn ein 16-Jähriger in den Winterzirkus kommt. Da ist es wichtig zu sagen: Cool down, little brother.

Zurück zur Fotografie: Sie haben 2009 angefangen. Wie hat das Ihren Blick auf das Leben verändert?

Ich gehe viel offener durchs Leben, weil ich meine Umgebung bewusster wahrnehme. Ich suche nach Kleinigkeiten, die das Große ausmachen. Oft machen es ja im Leben die Kleinigkeiten aus. Alles im Leben ist Ansichtssache – wie die Fotografie. Ich versuche einfach Fotos zu machen, so wie ich die Welt um mich herum sehe.

Diese Suche nach Details – ist das auch im Leben und im Sport so?

Schon, ich bin ein sehr genauer Mensch. Das ist manchmal auch für mich anstrengend, weil ich mich oft selbst dabei erwische. Manchmal muss ich einfach mehr drauf schei…, das Leben nehmen, wie es kommt und es genießen.

Im vergangenen Jahr war viel die Rede von Ihrer neuen Lockerheit. Welchen Anteil daran hat Ihr Leben neben dem Sport – die Fotografie, Ihre Modekollektion?

Beides gibt Inspiration, und durch beides ist mir bewusster geworden: Skispringen ist nicht alles, es gibt ein Leben danach – und das ist wichtiger als die Karriere. Deshalb sollte ich mit Freude das erleben, was ich im Sport erleben darf, denn das ist ein Privileg. Aber es gibt Wichtigeres als zu gewinnen. Ich meine, ich war 16 Jahre alt, als ich in diesen Weltcupzirkus gekommen bin – da war ich noch ein Kind. Ich war von Null auf 100 ein Star. Jetzt habe ich eine gewisse Routine. Dass ich viel erreicht habe, spielt auch mit hinein. Ich bin einfach reifer und erwachsener geworden und sehe gewisse Dinge anders. Das hilft mir schon.

Welche gewissen Dinge meinen Sie denn genau?

Ich bin sehr sensibel. Früher sind bei einem fünften Platz vielleicht Tränen geflossen. Jetzt bin ich relaxter, denke mir: Mit einem fünften Platz bin ich immer noch in der Weltspitze – vier Springer waren heute besser. Sehr vieles im Leben hat einen Grund, du kannst nicht immer ganz oben stehen. Es gibt ja auch verschiedene Phasen im Leben, in denen unterschiedliche Dinge wichtig sind.

Ein Blick in die Zukunft: Noriaki Kasai springt als 40-Jähriger noch gut mit. Machen Sie bis 40 weiter, wenn Ihnen bis dahin noch der Olympiasieg fehlt?

Olympiagold ist eines der größten Dinge, die ein Sportler haben kann. Wie ich aber speziell in meiner Familie durch Markus Prock weiß, kannst du noch so sehr der Topfavorit sein und dennoch nie gewinnen. Ich verspüre null Druck, weil ich bereits drei Olympia-Medaillen habe – davon eine goldene im Team. Aber natürlich ist jetzt der Punkt da, an dem ich es wissen will und sage: Olympiasieger zu sein, wäre genial. Druck mache ich mir nicht, aber ich werde alles daran setzen.

Erleben Sie die Vierschanzentournee live auf morgenpost.de

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