28.12.12

Exklusiv

Claudia Pechstein reicht Millionenklage ein

Die einst wegen Dopings gesperrte Eisschnellläuferin aus Berlin fordert Schadenersatz vom Eislaufweltverband - in Millionenhöhe.

Von Marcel Stein
Foto: dapd

Claudia Pechstein bei den Deutschenb Meisterschaften im November in Berlin. Die Eisschnellläuferin reicht eine Millionenklage gegen den Verband ISU ein
Die Berlinerin Claudia Pechstein ringt beharrlich um Rehabilitation nach einem Dopingurteil gegen sie – und um materielle Wiedergutmachung

Für Aufregung sorgte Claudia Pechstein zuletzt vor allem sportlich. Mittlerweile ist sie nicht mehr ganz jung, als Leistungssportlerin darf man sie sogar ruhig auch als Oldie betrachten. Sie kokettiert ja selbst gern damit, in ihrer eigenen Altersklasse zu starten. Aber gerade das macht sie so besonders, dass sie mit 40 Jahren immer noch allen davonlaufen kann. Erst gut vier Wochen sind vergangen, seit sie im russischen Kolomna über 3000 Meter den 29.Weltcupsieg ihrer Karriere einfuhr.

Neben den sportlichen Ausrufezeichen fällt Pechstein vor allem durch bissige Attacken gegen den Eislauf-Weltverband ISU auf, der die Berlinerin 2009 für zwei Jahre wegen angeblichen Dopings verbannte. Diese Sperre hat ihren Ruf ruiniert, aber sie hat auch gezeigt, welch zähe Kämpferin die Eisschnellläuferin ist. Denn der Ausschluss war dubios, stand immer auf wackligen Beinen. Besessen focht sie um Rehabilitation, geben aber wollte ihr die niemand. Alle Revisionen scheiterten. Nun stürzt sich Claudia Pechstein in den finalen Akt der Auseinandersetzung: Am kommenden Montag wird eine Schadensersatzklage gegen die ISU beim Münchner Landgericht vorliegen.

Anwälte sehen Ähnlichkeit zum Fall Krabbe

Angekündigt war die schon lange. Bereits im Oktober 2011 sprach Deutschlands erfolgreichste Winterolympionikin von einer Millionenklage. Doch der Aufwand war enorm, die Vorbereitung musste sehr penibel geführt werden. Außerdem wurden Experten gesucht, die Erfahrung haben mit solch speziellen Fällen.

Deshalb führt nun Dr. Thomas Summerer das Anwaltstrio von Pechstein an, jener Jurist, der einst für Leichathletin Katrin Krabbe 1,5 Millionen Mark vom Weltverband IAAF erstritt. "Beide Fälle haben eine große Ähnlichkeit miteinander. Es geht um grobe Fehler eines internationalen Sportverbandes und um Grundrechte, die verletzt worden sind", sagt Summerer, der gemeinsam mit Simon Bergmann und Dr. Christian Krähe eine gut 150 Seiten umfassende Klageschrift aufgesetzt hat.

Die genaue Höhe der Schadensersatzforderungen will Summerer nicht beziffern. "Aber sie ist siebenstellig", so der Anwalt. Im mittleren einstelligen Millionenbereich dürfte die Summe liegen. Die erfolglosen Prozesse zuvor haben viel Geld verschlungen, Sponsoren sind abgesprungen, Prämien entgangen. "Die Erfolgsaussichten sind so gut wie bei Krabbe, ich bin zuversichtlich", sagt Summerer.

Jurist sieht sich als Robin Hood

Seit drei Monaten beschäftigt sich der Jurist fast ausschließlich mit diesem Fall. Er fühle sich inzwischen als kleiner Robin Hood, der für die Gerechtigkeit kämpft. "An Frau Pechstein sollte wider besseren Wissens ein Exempel statuiert werden", sagt der Anwalt. Gesperrt wurde sie, weil bei ihr die Anzahl der jungen roten Blutkörperchen (Retikulozyten) schwankte und teilweise auffällig hoch war. Ein Indiz, aber kein Beweis für Doping.

Doch es genügte der ISU, alle Hebel in Bewegung zu setzen und Pechstein aus dem Verkehr zu ziehen. Wobei die Vorgehensweise von Anfang an Kritiker auf den Plan rief. "Zweifel wurden einfach überhört. Die ISU kam zu einem überstürzten Schluss, das war höchst laienhaft", erzählt Summerer. Hier liegt sein Hauptansatzpunkt. Nicht nur gegen "ein Fehlurteil" will er vorgehen, sondern vor allem dagegen, "wie fahrlässig ein Verband mit der Bewertung von auffälligen Werten umgeht."

Blutanomalie als Ursache

Mittlerweile gilt die Expertise von Prof. Dr. Stefan Eber (München), der Pechstein eine vererbte Blutanomalie als Ursache für die auffälligen Blutwerte attestiert, als unantastbar. Diese lag anfangs nicht vor und wurde letztlich wie zuvor auch alle anderen für Pechsteins Unschuld sprechenden medizinischen Fakten nicht gewürdigt. "Alles Entlastende wurde einfach ignoriert. Der Kardinalfehler der ISU war, dass sie Claudia Pechstein trotz ungesicherten Wissens angeklagt hat. Wenn man bedenkt, welche brutalen Folgen so etwas haben kann, dann muss jeder Verband wissen, was er tut, wenn er eine Dopingklage führt. Das darf er nur, wenn er gesichertes Wissen hat", sagt der Jurist. Bei Sprinterin Katrin Krabbe ging es seinerzeit um den Missbrauch von Clenbuterol. Das stand damals noch nicht auf der Dopingliste, Krabbe wurde vom DLV für ein Jahr gesperrt, der Weltverband hängte noch zwei Jahre dran. Letzteres aber war unrechtmäßig.

Die Unrechtmäßigkeit der Sperre soll nun auch bei Pechstein festgestellt werden, im zweiten Schritt wird Schadensersatz und Schmerzensgeld eingefordert. Um an die ISU heranzukommen, muss Pechstein auch gegen die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) prozessieren. Die stand immer an ihrer Seite. "Mein Comeback habe ich neben meinem starken Willen und meinem tollen Umfeld vor allem der unterstützenden Haltung der DESG zu verdanken", schrieb sie kürzlich in einem offenen Brief an alle Verbandmitglieder. Darin bat sie um Verständnis für ihren Schritt. Aber da die DESG die Sperre der ISU in Deutschland umgesetzt habe, müsse sie Teil der Klage sein, so Summerer. "Mein Ziel ist es nicht, dem Eisschnelllaufsport zu schaden, sondern mein Recht zu bekommen", erklärt Pechstein in dem Brief.

Hoffen auf schnelle Einigung

Die Anwälte der fünfmaligen Olympiasiegerin hoffen nun, dass die ISU ein Einsehen hat und "sich zu ihrem Fehler bekennt". Einigen könne man sich weiterhin außergerichtlich. "Die Klage soll auch ein Appell sein an die ISU, wir wollen mit ihr den Druck erhöhen", sagt Summerer. Zwar ist ein Einlenken kaum zu erwarten, aber auch bei Krabbe habe sich die IAAF lange sehr arrogant verhalten, letztlich aber doch einem Vergleich zugestimmt.

Zustande kam der allerdings erst 2001 – nach sieben Jahren des Prozessierens. Diesen Zeitraum stellt Summerer nun auch Pechstein in Aussicht. Mitte des Jahres könnte die erste Gerichtsverhandlung anstehen, der Anwalt rechnet mit weiteren Instanzen über das Oberlandesgericht bis zum Bundesgerichtshof. "Ich werde diesen Kampf unter Aufbringung meiner letzten Mittel und unter Ausnutzung sämtlicher Möglichkeiten führen", teilt Claudia Pechstein mit. Ihre sportliche Karriere wird vermutlich eher beendet sein als diese letzte Runde im Kampf um Rehabilitation und wenigstens materielle Wiedergutmachung.

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