27.12.12

Winterspiele 2014

Ein Erdbeben erschüttert Putins Olympia-Pläne

In Sotschi, wo 2014 Winterolympia stattfindet, wackeln wiederholt die Wände. Zwar bestätigen sich Schäden an den milliardenteuren Baustellen zunächst nicht. Doch es gibt weit größere Probleme.

Von Jens Hungermann
Foto: pa/dpa/RIA Novosti POOL
Dimitri Medwedew und Wladimir Putin
Werbewirksam testeten die beiden mächtigsten Männer Russlands, Dmitri Medwedjew (l., seinerzeit Staatspräsident) und Wladimir Putin im März 2012 das kaukasische Wintersportzentrum "Krasnaja Poljana"

Superlative gehen dem mächtigsten Mann Russlands leicht von den Lippen, was in einem Teil der Welt, wo Gas und Öl scheinbar nie versiegen, leicht nachzuvollziehen ist. Als Anfang des Monats die besten Skispringer der Welt zum ersten Mal die Olympia-Schanzen in Sotschi testeten, mahnte Staatspräsident Wladimir Putin, sich auf den Baustellen für die Winterspiele in gut einem Jahr "nicht zu verzetteln", weil sie so bedeutend seien für das ganze Land: "Die Infrastruktur wird Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte bleiben!"

Sotschi 2014 ist Putins sportliches Premiumprojekt, die Kosten sind horrend. Längst ist der Etat von ursprünglich neun Milliarden Euro ausgeufert in Dimensionen von mehr als dem Dreifachen. Möglichst nichts soll auf dem Weg zum Prestige-Ereignis Olympia stören. Ausgerechnet in die empfindliche finale Bauphase hinein müssen Putin nun aber Meldungen von einem neuerlichen Erdbeben sorgen, das Menschen in der mondänen Stadt in Panik versetzt hat.

Gegen viertel vor drei am Morgen des 26. Dezember zeichneten Seismografen die Erschütterungen in einer Stärke von 5,5 auf, das Epizentrum lag rund 150 Kilometer entfernt südlich. Putin ließ laut Nachrichtenagentur Interfax sogleich anordnen, die Baustellen auf mögliche Schäden hin zu untersuchen.

Offizielle in Sotschi riefen die Bewohner auf, "nicht in Panik zu verfallen". Es heißt, wer Gerüchte über Erdbeben streue, habe mit polizeilichen Maßnahmen zu rechnen. Es ist im Dezember gleichwohl nicht das erste Mal gewesen, das in Sotschi die Erde bebte.

Mehr als 60.000 Arbeiter im Einsatz

Ersten Angaben der Behörden zufolge wurden keine Schäden an Brücken, Leitungen oder Bauten festgestellt. Das fehlte auch noch – beinahe 550 Kilometer neuer Straßen und Zugstrecken entstehen ja derzeit in der Gegend, die die "wahrscheinlich größte Baustelle der Welt ist mit mehr als 60.000 Arbeitern", wie der Präsident des Organisationskomitees, Dimitri Tschernyschenko, sagt.

Etwa 5,7 Milliarden Euro kostet allein schon der sogenannte "Kombinierte Weg" aus Autobahn und Bahntrasse, der die Stadien in Sotschi mit den Wettkampfstätten im Wintersportzentrum "Krasnaja Poljana" in den kaukasischen Bergen verbinden soll. Fahrtzeit für knapp 50 Kilometer: unter einer halben Stunde. Putin hat den neuen Schnellzug erst Anfang des Monats selbst getestet.

Die Dauerbaustellen allerdings, das ist vor Ort unübersehbar, nerven jeden. Weniger wegen der Umweltfrevel, die das Ökosystem im Tal zu verkraften hat und die Funktionäre wie der Eishockey-Weltverbandschef Rene Fasel im Schweizer TV mit dem Hinweise kontern: "Haben Sie schon mal einen Naturschützer gesehen, der zufrieden ist? Die müssen auch nicht zufrieden sein. Das ist ja ihre Aufgabe, dass sie nicht zufrieden sind."

"Ein Buckingham Palace neben dem anderen"

Nicht auszudenken, würde demnächst ein weiteres Erdbeben die teure Infrastruktur vor den Winterspielen in gut 13 Monaten beschädigen. Zumal wo sie doch so lange halten und wo alles so adrett aussehen soll. "Da entsteht ein Buckingham Palace neben dem anderen", witzelte kürzlich der Präsident des Skiweltverbands, Gian Franco Kasper.

All jene, die die olympischen Wettkampfstätten vorab bereits testen durften, äußerten sich zufrieden mit ihnen. Auch wenn, wie Anfang Dezember anlässlich des Skisprung-Weltcups, das abstruse russische Versprechen "grüner" Spiele eine ganz eigene Bedeutung erhielt: Weil bis dato kein Schnee gefallen war, musste aus unterirdischen Reservoiren welcher hergeschafft werden.

"Wir hatten damit gerechnet, dass es wenig Schnee geben kann, deshalb hatten wir Schnee aus der letzten Saison eingelagert", sagte der Wettkampfleiter Nikolaj Petrow dem "Deutschlandfunk" und bestätigte: "Auf den anderen Olympia-Anlagen gibt es diese Lager auch. Wir haben genügend Schneevorräte für irgendwelche unvorhersehbaren Fälle."

Russlands Weg zu einer Sportgroßmacht

Während etwa im Skigebiet "Rosa Schutor" schon diverse Probewettkämpfe wie ein alpiner Skiweltcup oder ein Snowboard-Europacup stattfanden, testen andere Wintersportdisziplinen erst in den kommenden Monaten. Unter ihnen die Langläufer (1. bis 3. Februar), die Bobfahrer (11. bis 17. Februar), die Rodler (23./24. Februar) und die Biathleten (6.bis 10. März).

Mit einer Serie weiterer hochkarätiger Großereignisse sucht Putins Russland den Weg (zurück) zu einer Sportgroßmacht. Nach der Universiade in Kazan im Juli folgen im August 2013 die Leichtathletik-WM in Moskau, dann die Winterspiele sowie im selben Jahr das erste Formel-1-Rennen in Sotschi, 2016 die Eishockey-WMsowie, als Krönung des Strebens, 2018 die Fußball-WM. Sie soll in elf russischen Städten stattfinden – darunter natürlich Putins Sommerresidenzort: Sotschi.

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