26.12.12

Doping im Radsport

Kronzeuge Hamilton fürchtet Armstrongs Rache

Dass Dopingsünder Lance Armstrong seit Monaten schweigt, hält dessen ehemaliger Teamkollege Tyler Hamilton, der ihn schwer belastete, für trügerisch: "Ich fürchte, Lance wird zurückschlagen."

Foto: pa/dpa/AFP
Lance Armstrong (l.) und Tyler Hamilton
Beim Rennen Dauphine Libere in Frankreich verfolgte Lance Armstrong (l.) im Juni 2000 seinen Teamkollegen Tyler Hamilton

Kronzeuge Tyler Hamilton hat Angst: Der Lance-Armstrong-Gegenspieler, der mit seinen Aussagen zur Demaskierung der einstigen Lichtgestalt des Radsports beigetragen hatte, rechnet mit einer Offensive seines früheren Team-Kapitäns. "Man hört kaum etwas von Lance, aber diese Ruhe halte ich für trügerisch. Ich fürchte, er wird zurückschlagen", sagte Hamilton dem "Stern". Hamilton fürchtet auch persönlich eine Racheaktion Armstrongs, der ihn schon einmal in einem Steakhaus übel beschimpft hatte: "Ich habe Schlafstörungen und Alpträume, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an Lance denke."

Zuletzt hatte der wegen Dopings auf Lebenszeit gesperrte Armstrong ein Foto von sich getwittert: Es zeigte den 40-Jährigen in unermesslicher Selbstzufriedenheit auf einem Sofa liegend. Er betrachtete die eingerahmten Gelben Trikots der Tour de France, die hell erleuchtet an der Wand hingen. Kurz zuvor waren Armstrong seine sieben Tour-Triumphe zwischen 1999 und 2005 vom Weltradsportverband UCI auf Druck der US-Anti-Doping-Behörde Usada aberkannt worden.

Begleiter bei drei Tour-Triumphen

Hamilton war von 1999 bis 2001 Armstrongs wichtigster Helfer beim Team U.S. Postal und begleitete ihn bei drei der sieben Tour-Triumphe. Über Armstrongs momentane Verfassung sagte Hamilton, der Doping selbst nach langem Leugnen eingestand: "Ich glaube, er leidet fürchterlich. Lance ist ein sehr stolzer Mensch, er glaubte, wie Atlas die Weltkugel auf seinem Rücken tragen zu können. Und nun ist alles weg, der Ruhm, die Ehre. Auch viel Geld, es kommen ja Schadensersatzklagen auf ihn zu. Es wird Lance zerreißen, dass er kein Held mehr ist."

Die "Sunday Times" reichte vor Weihnachten Klage gegen Armstrong ein. Die Londoner Zeitung will von dem Multimillionär aus Austin 1,2 Millionen Dollar zurück, die das Blatt 2004 nach einem Verleumdungsprozess zahlen musste. Sie hatte dem Texaner Doping unterstellt. Das Gericht gab Armstrong ("Ich habe nie gedopt") damals recht.

Hamilton fürchtet den langen Arm des einstigen Seriensiegers, der in der Wahl der Waffen oft nicht fein zu sein scheint. "Ich bin aus Colorado weggezogen. Colorado ist zu nah an Texas, und Texas ist Armstrong-Country", sagte der geständige Doper dem "Stern". Bei einem früheren Prozess gegen Armstrong hatten dessen Anwälte in der Verhandlung bekanntgemacht, dass der Belastungszeuge und dreifache Toursieger Greg LeMond als Kind missbraucht worden war.

"Meine Frau und ich wurden verfolgt"

Schon in den Wochen vor seiner Aussage gegenüber staatlichen Ermittlern habe es Einschüchterungsversuche gegeben, sagte Hamilton: "Armstrongs Anwälte haben meine Anwälte kontaktiert und kostenlosen juristischen Schutz angeboten. Ich habe abgelehnt." Wenig später hätte "dauernd ein fremder Wagen vor meinem Haus mit zwei Männern drin" gestanden. "Meine Frau und ich wurden verfolgt, das Telefon funktionierte nicht mehr richtig, mein E-Mail-Postfach wurde gehackt. Ich fühlte mich wie in einem Thriller, bloß war dieser Thriller plötzlich mein Leben", sagte Hamilton.

Wegen nachgewiesenen Dopings hatte Armstrong alle Tourtitel, fast alle Sponsoren und seinen Sitz an der Spitze seiner Anti-Krebs-Stiftung "Livestrong" verloren. Nach der Aberkennung seiner Siege durch den Weltverband UCI am 22. Oktober hat sich der Texaner zur Sache nicht mehr geäußert.

Quelle: dpa/jr
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