22.12.12

Paralympics-Siegerin

Birgit Kobers bewegende Weihnachtsgeschichte

Die bewegende Geschichte der Birgit Kober: Wegen eines Ärztefehlers sitzt sie im Rollstuhl, die Feiertage verbrachte sie zuletzt allein. Auf dem Weihnachtsmarkt wird sie vom Weihnachtsmann erkannt.

Von Florian Kinast
Foto: Markus Götzfried (für Rückfragen: Telefon 0170 - 7702416)
Kober
Warme Worte für Birgit Kober vom Weihnachtsmann, der früher selbst Speerwerfer war: "Das haben Sie großartig gemacht in London"

Und dann, auf dem Weg zwischen Glühweinhütte und Kartoffelstand, erzählt Birgit Kober noch die Geschichte vom kleinen Silberglöckerl. Das Silberglöckerl, ein alter Christbaumschmuck, 80 Jahre alt, ganz leicht und zerbrechlich. Vier Generationen lang hing das Silberglöckerl bei der Familie Kober am Baum, jedes Jahr.

Ein Weihnachten ohne das Silberglöckerl, das wäre kein Weihnachten gewesen, und wenn sie den Baum am Dreikönigstag wieder abschmückten, dann achteten sie alle darauf, es behutsam einzupacken und gut eingewickelt wieder in seine Schachtel zu legen. Für die Kobers war es ein Glücksbringer, ein Talisman, ein kleiner Schatz.

Natürlich hat auch Birgit Kober das Glöckerl noch, sie hat auch jedes Jahr einen Christbaum bei sich zuhause in ihrer kleinen Wohnung in München-Neuperlach. Aber es an Heiligabend auszupacken und aufzuhängen, das traut sie sich nicht mehr seit einigen Jahren. Seit sie so schwer krank ist.

"Ich hab' einfach Angst", sagt sie. "Davor, dass ich das alte Glöckerl zerdrücke und kaputt mach' mit meiner Ataxie." Mit ihren Störungen in der Koordination, in der Motorik. Mit der fehlenden Feinabstimmung, nicht mehr fähig, die eigene Kraft richtig einzuschätzen.

In einem permanenten Zustand, von dem Birgit Kober sagt, es fühle sich so an, als sei man unentwegt in einem Dauer-Vollrausch, da ist es sicher besser, von einem so fragilen Silberglöckerl die Finger zu lassen. Mit schweren Kugeln, die drei Kilo wiegen, tut sich Birgit Kober leichter. Wie im September in London. Als sie paralympisches Gold gewann im Kugelstoßen. Und auch im Speerwerfen.

Behindertensportlerin des Jahres

Ein kalter Nachmittag auf dem Christkindlmarkt im Münchner Osten, Stadtteil Haidhausen. Birgit Kober hat eine dicke Mütze auf, und wenn der Fotograf Bilder macht und ganz oft auf den Auslöser drückt, an der Krippe oder am Lebkuchenstand, dann schauen die Menschen ein wenig irritiert. Auch ein kleines Mädchen ist verwundert, das Kind hat einen Schoko-Crepe in der Hand und fragt seine Mutter, wer das denn sei. Die da im Rollstuhl.

Aber die Mutter weiß es auch nicht. Dabei war die da im Rollstuhl schon einige Male im Fernsehen, bei ihren Triumphen in London, in Talk-Shows, in denen sie ihre Goldmedaillen zeigte. Oder als sie gewählt wurde, zur Behindertensportlerin des Jahres.

Behindertensportlerin. Sie hätte gerne darauf verzichtet. Sicher, ganz gesund war sie als Kind schon nicht. Birgit Kober, Jahrgang 1971, sie hatte epileptische Anfälle, und wenn Opa Karl, ein begnadeter Volksmusiker, auf seiner Zither spielte, dann klang das alles gedämpft, weil sie schon damals schwerhörig war.

Im Münchner Westen wuchs sie auf, Stadtteil Laim. Die Eltern hatten wenig Geld, und wenn das Silberglöckerl am Baum hing, gab es schöne gemeinsame Weihnachtstage, aber wenig Geschenke vom Christkind. "Als Kind hatte ich mir immer die große Ritterburg von Playmobil gewünscht", sagt Birgit Kober, "aber gekriegt habe ich einmal nur den Bauernhof." Der war billiger.

Später zog sie weg, nach Essen in den Ruhrpott. Da gab es ein Gymnasium für Hörgeschädigte, und dort oben, im Nordwesten, gefiel es ihr so gut, dass sie gleich dort blieb. Sie studierte und unterrichtete, sie brachte Ausländern Deutsch bei, aber dann wurde daheim die Mama krank. Krebs, unheilbar. Birgit Kober kam nach München zurück, zur Mutter. Die letzten Monate. Wochen. Tage. Dann starb Elisabeth Kober. April 2007. Eine traurige Zeit, drei Monate später wurde es eine tragische.

Im Krankenhaus vergiftet

Wegen eines epileptischen Anfalls kam Birgit Kober ins Krankenhaus Rechts der Isar, doch als sie die Infusion mit dem Arzneistoff Phenytoin gelegt bekam, da geschah dem Personal Folgenschweres. Wegen eines Schreibfehlers auf den Patientenunterlagen bekam Birgit Kober das Medikament mit dem 25-fachen der normalen Menge verabreicht. Eine toxische Dosis, der Körper wurde vergiftet. Als sie aufwachte, sagt sie, bekam sie das Gefühl des Vollrauschs nicht mehr los.

Die Ärzte diagnostizierten Ataxie, es kam der Rollstuhl, ein anderes Leben fing an, sie begann mit Leichtathletik. Die Kugel stieß sie im Keller ihres Neuperlacher Hochhauses, im Gang zur Tiefgarage vor dem Aufzug. Den Speer warf sie auf einer Wiese, zehn Rollminuten von ihrer Wohnung entfernt.

Und genau an diese Wiese, sagt sie, dachte sie dann auch in London. "Ich war so fürchterlich aufgeregt", sagt sie, "Speerwerfen war der letzte Wettbewerb an dem Abend, 80.000 waren im Stadion, alle schauen auf dich, grausam. Da hab ich die Augen zugemacht und mir vorgestellt, ich bin beim Training, und keiner schaut mir zu." Mit Neuperlach im Kopf warf sie den Speer 27 Meter und drei Zentimeter weit. Sie gewann Gold, genau wie drei Tage später im Kugelstoßen. 10,25 Meter. Da dachte sie dann an den Gang zur Tiefgarage.

Nach den Spielen folgten viele Ehrungen und Auftritte, sie war bei Beckmann im TV-Studio und bei Gauck im Schloss Bellevue. "Einzigartige Erlebnisse", sagt sie, aber sie meint auch, wenn eine gute Fee herbei fliegen und sie fragen würde, was ihr denn lieber wäre: diese Erfahrungen, diese Glücksmomente, zwei Goldmedaillen? Oder doch lieber ihr altes Leben? Sie würde nicht zögern. "Ich würde das alte Leben nehmen." Aber das alte Leben kommt nicht mehr.

Das Gericht vertagte sich

Manchmal steht sie auf aus dem Rollstuhl, dann torkelt sie ein paar Schritte, aber dann passiert es leicht, dass sie hinfällt. Einfach so. Sitzen ist sicherer.

Letztendlich war es ein gutes Jahr, sagt Birgit Kober, auch wenn sie das Juristische 2012 gerne noch abgeschlossen hätte. Den Prozess gegen das Rechts der Isar. Im Oktober kam es zur Verhandlung vor dem Landgericht München I. Seitens der Klinik wurde der grobe Behandlungsfehler ganz offen eingeräumt, allerdings, so die Argumentation, sei nicht erwiesen, dass auch Kobers heutiger Zustand tatsächlich noch auf die damalige Überdosierung zurückzuführen sei.

Das Gericht vertagte sich. "Das mit ins neue Jahr hineinzuschleppen, das belastet, ich hätte es gern hinter mich gebracht", sagt Kober gegen Ende des Marktbummels, als noch etwas Außergewöhnliches passiert. Als jemand des Weges kommt, der sie doch erkennt. Es ist der Weihnachtsmann.

Zeit nach vorne zu schauen

Ein großer Mann, mit seinem weißen Bart beugt er sich hinab zu Kobers Rollstuhl, und er sagt, das habe sie schon großartig gemacht in London. Weil er ja selbst großer Leichtathletik-Fan sei und außerdem habe er früher selber mal Speer geworfen. Über 72 Meter weit. Der Weihnachtsmann war nämlich einmal in der Leichtathletik-Abteilung beim MTV Ingolstadt, aber das ist lange her. Dann muss er weiter, Kinder bescheren, Als der Weihnachtsmann außer Speerwurfweite ist, erzählt Birgit Kober doch noch einmal von Weihnachten.

Die vergangenen Jahre, nach dem Tod der Mama, war sie Heiligabend immer allein. Zum Essen machte sie sich ein geräuchertes Wammerl, im Fernsehen schaute sie den kleinen Lord oder die Weihnachtsgeschichte, irgendetwas Stimmungsvolles. Dieses Jahr nun aber ist Weihnachten doch so schön wie lange nicht mehr, sie ist eingeladen bei Verwandten in Fischbachau.

Silvester steht ein Käsefondue mit ihren Nachbarn an, der Jahreswechsel, Zeit nach vorne zu schauen. Und Träume hat Birgit Kober noch viele. Im Frühjahr ein erfolgreiches Urteil im Gerichtsprozess. Im Juli 2013 den Titel bei der Behinderten-WM in Lyon. Natürlich 2016 dann Gold in Rio, bei den nächsten Paralympics.

Und irgendwann einmal noch die Ritterburg von Playmobil.

Foto: DAPD

Das war groß, Britannien! Mit einem famosen Feuerwerk gingen die paralympischen Sommerspiele in London zu Ende. Die Show vor 80.000 Zuschauern stand unter dem Motto "Fest der Flamme". Viele meinen: Es waren die besten Spiele überhaupt – was auf Olympia wie auch die Paralympics zutrifft. Diese waren einige der schönsten Momente:

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