18.12.12

Noch sieglos

Pleiten, Pech und Pannen bei deutschen Bobpiloten

Noch nie starteten die erfolgsverwöhnten deutschen Bobfahrer so schlecht in eine Saison, die bereits verhängnisvoll begann. In 15 Weltcuprennen bei Frauen und Männern gelang noch kein Erfolg.

Von Gunnar Meinhardt
Foto: dpa
Siegreich
Auch die erfahrenen Thomas Florschütz (l.) und Kevin Kuske konnten beim Weltcup in La Plagne den Bann nicht brechen und den deutschen Bobfahrern den ersten Saisonsieg bescheren. Nach zwei Läufen belegten die Vizeweltmeister von 2011 nur Rang sechs.

Es war irgendwie symptomatisch für den Ist-Zustand der deutschen Bobfahrer. Wenn es schon nicht läuft, kommt auch noch Pech hinzu. So wie am vergangenen Wochenende beim Weltcup in La Plagne, als Pilot Maximilian Arndt in den französischen Alpen mit seinem Anschieber Martin Putze den Zweierbob aus der Startspur schob und noch vor der ersten Kurve brachial gegen die Bande knallte. Eine vordere Platzierung, geschweige denn den Sieg konnte das Oberhofer Duo somit schon abschreiben, bevor es in seinem kleinen Schlitten richtig Platz genommen hatte.

"Es ist wie verhext, momentan geht aber auch alles schief. Ich kann es nicht begreifen, nichts läuft zusammen", klagte Bundestrainer Christoph Langen hernach nicht nur über dieses Missgeschick. Nichts läuft zusammen – wie wahr. Das gilt für die gesamte bisherige Saison.

Nur Gratulanten

Was ist nur mit den deutschen Bobfahrern los? Diese bange Frage stellen sich nicht nur die Protagonisten selbst. Noch immer warten die erfolgsverwöhnten Kufencracks auf ihren ersten Saisonsieg. Dabei war La Plagne nach den US-Städten Lake Placid und Park City sowie Whistler in Kanada und Winterberg bereits die fünfte Weltcupstation des Winters. 15 Rennen insgesamt wurden bei den Männern und Frauen ausgetragen, doch jedes Mal preschten die deutschen Besatzungen am obersten Treppchen des Siegerpodests vorbei.

Dass deutsche Mannschaften nach fünf Weltcupveranstaltungen nur zu den Gratulanten der siegreichen Russen, Amerikaner, Schweizer oder Kanadier gehören, gab es in noch keinem Winter zuvor. Seit 1983 werden Weltcuprennen ausgetragen. Die Statistik verrät, dass deutsche Teams bis zur Vorsaison durchschnittlich wenigstens jedes zweite Rennen gewannen – in 403 Wettfahrten gab es respektable 207 Triumphe.

Startschwierigkeiten allein sind aber nicht der Grund, weshalb die deutschen Bobs aus der Erfolgsspur geraten sind. Die Probleme seien vielschichtig, sagt der Bundestrainer, und sie lassen bei ihm und seinen Athleten keine rechte Vorfreude auf das Weihnachtsfest aufkommen.

Rotation wie bei Bayern München

Die Saison hatte schon verhängnisvoll begonnen, weil Weltklasse-Anschieber wie die Olympiasieger und Weltmeister Kevin Kuske, Mark Putze oder Andreas Bredau verletzungsbedingt lange ausfielen. Die Besatzungen mussten so immer wieder neu zusammengestellt werden. "Ich habe aber auch bewusst viel rotieren lassen, ähnlich wie Bayern München in der Fußball-Bundesliga, um zum wichtigsten Saisonwettkampf die optimalen Besatzungen zu haben", erzählt Langen. Höhepunkt sind die Weltmeisterschaften in St. Moritz vom 21. Januar bis 5. Februar. Bis dahin gilt es nicht nur Teams zu finden, die harmonieren, sondern auch Defizite in der Athletik und beim Fahren wettzumachen.

Dass schon am Start wertvolle Hundertstelsekunden gegenüber der Konkurrenz eingebüßt werden, begründet Langen einerseits damit, dass es nicht möglich ist, die verletzten Anschieber gleichwertig ersetzen zu können. Ein Handicap sei zudem, "dass wir fahrerische Talente förderten, die athletisch nicht so top waren". Mit anderen Worten: Seine Piloten besitzen nicht die Schnellkraftfähigkeiten eines Steven Holcomb (USA), Lyndon Rush (Kanada), Beat Hefti (Schweiz), Alexander Subkow (Russland) oder einer Kaillie Humphries (Kanada). Die teilten sich Weltcupsiege bisher auf.

Außerdem finden weder Maximilian Arndt noch Thomas Florschütz oder Manuel Machata derzeit die Ideallinie in der Eisrinne – obwohl alle drei erfahrene Piloten sind. Langen erklärt: "Die Jungs wollen jede denkbare Kleinigkeit ausnutzen und machen dabei Fehler, die sie vermeiden wollen. In ihrem Streben nach Perfektion geht ihnen die Leichtigkeit verloren, die sich einstellt, wenn du Selbstvertrauen hast."

Viele Hausaufgaben über Weihnachten zu erledigen

Nicht weniger Sorgen bereitet auch das Material. Der vom Weltverband FIBT geforderte Umbau der Geräte ist den Tüftlern vom Berliner Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) offenbar noch nicht richtig gelungen. Die Anschläge im Bereich der Hinterachse zwischen Haube und Fahrwerk müssen jetzt einen Minimalabstand von fünf Millimeter haben. Die Schlitten wurden dadurch steifer.

Langen und Co. haben über die Festtage viele Hausaufgaben zu erledigen. Ob ihnen das gut gelingt, zeigt sich schon vom 4. bis 6. Januar, wenn im Kunsteislabyrinth von Altenberg wieder um Weltcuppunkte gefahren wird. Am Start wird dann auch Francesco Friedrich stehen. Der 22 Jahre alte Oberbärenburger bewies am Wochenende in Innsbruck eindrucksvoll, dass deutsche Piloten doch noch siegen können. Mit dem Zweier- und Viererbob wurde er souverän Junioren-Weltmeister.

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