14.12.12

Svetislav Pesic

"Hoeneß hat gefragt, wie viel ich verdienen will"

Svetislav Pesic spricht im Berliner Morgenpost-Interview über seinen Job als Trainer der Basketballspieler des FC Bayern, Deutschlands Fehler mit Dirk Nowitzki und den Lieblingssport seines Enkels Luka.

Foto: pa/Sven Simon
Svetislav Pesic
Svetislav Pesic gibt an der Seitenlinie immer alles, um sein Team zu unterstützen

Die Welt: Herr Pesic, denken Sie hier in München oft an 1993?

Svetislav Pesic (63): Ja. Ich habe immer daran gedacht, wenn ich in den vergangenen Jahren meine Kinder hier besucht habe. Da kamen die Erinnerungen jedes Mal hoch. Olympiahalle, die Europameisterschaft, unser Triumph. München habe ich schon lange in mein Herz geschlossen, und die ganze Stadt ist wunderschön.

Die Welt: Wie gefällt Ihnen das Rathaus?

Pesic: Gut, ein sehr schönes Gebäude. Meine Tochter Ivana wohnt ums Eck, manchmal gehen wir rund um den Marienplatz zum Essen.

Die Welt: Sie wissen, dass die Fußballer des FC Bayern am Rathausbalkon immer ihre Titel feiern.

Pesic: Ja. Habe ich mal im Fernsehen gesehen. Die Mannschaft oben, die Fans unten, tolle Bilder.

Die Welt: Bastian Schweinsteiger sagte kürzlich, es träume davon, dass Basketballer wie Fußballer beim FC Bayern Meister werden. Dann könne man vielleicht gemeinsam auf dem Rathausbalkon feiern.

Pesic: Der Rathausbalkon ist auch mein Traum. Träume sind im Sport wichtig. Träume sind der Antrieb, noch mehr zu investieren. Wenn du nicht glaubst, dass Träume wahr werden können, dann gewinnst du nie etwas. Nehmen Sie nur 1993, die EM. Keiner hat an uns geglaubt, eigentlich waren wir chancenlos. Aber wir hatten den Traum vom Titel, der alle motiviert hat. Und am Ende waren wir Europameister.

Die Welt: Ist es denn realistisch, mit dieser Mannschaft schon in dieser Saison Meister zu werden?

Pesic: Daran denke ich nicht. Es geht mir im Moment nicht um Titel, sondern darum, die Situation zu verbessern. Ich muss mich erst an die Mannschaft gewöhnen, an die Stadt, an die Bundesliga. Zwölf Jahre ist es her, dass ich in Deutschland Vereinstrainer war. Da ist vieles anders geworden. Wenn Sie mich nach einem ersten Ziel fragen, sage ich Ihnen: Platz sechs nach der Vorrunde. Damit haben wir die Chance, uns im Pokal für das Final-Four-Turnier in März in Berlin zu qualifizieren. Allein die Teilnahme wäre ein erstes kleines Erfolgserlebnis, das würde den Spielern Selbstvertrauen geben.

Die Welt: Eine sehr leise und bescheidene Zielvorgabe. Klingt gar nicht nach der tönenden "Mia san mia"-Mentalität eines FC Bayern, für den nur Titel zählen.

Pesic: Sie sprechen vom Fußball. Fußball ist nicht Basketball. Vor einigen Tagen habe ich die Mannschaft ins Museum mitgenommen, in die Erlebniswelt des FC Bayern in der Allianz Arena. Da haben die Spieler einmal gesehen, wie Fußball beim FC Bayern über Jahrzehnte gewachsen ist. Wie sich der Weg zum Erfolg entwickelt hat. Die Philosophie, die Kontinuität, ein sehr langer Prozess. Dann merkst du erst, dass wir Basketballer nur eine ganz kleine Abteilung des FC Bayern sind. Die Fußballer wissen, wie man Titel gewinnt. Wir noch nicht. Bitte, ich will nicht als Pessimist gelten, ich denke nur, man sollte sich Zeit lassen. Wie sagt man: Tee trinken und nachdenken.

Die Welt: Die Erwartungen sind also im Moment zu hoch?

Pesic: Ich sehe einfach keine Argumente für solche Erwartungen. Mir gefällt auch nicht, dass viele in München von den Starspielern bei uns sprechen. Wo sind denn die Stars? Wir haben keine. Viele von den Jungs haben jahrelang keinen Titel gewonnen. Ob sie Stars werden können, müssen sie erst einmal zeigen.

Die Welt: Baute Uli Hoeneß also zu Beginn des Profi-Projekts Basketball zu viel Erfolgsdruck auf mit seiner Forderung, bald um Titel mitspielen zu können?

Pesic: Nein. Hoeneß ist Präsident. Ein Präsident muss hohe Ziele haben. Er kann ja schlecht sagen, er baut ein Basketball-Profiteam auf, damit wir uns alle treffen und Händchen halten und nett beim Kaffeekränzchen miteinander plaudern. Natürlich hat er ein Konzept mit hohen Ansprüchen. Sonst wäre er auch kein guter Präsident.

Die Welt: Schon unmittelbar nach dem Rauswurf von Dirk Bauermann Ende September gab es Spekulationen, Hoeneß wolle Sie sofort holen. Gab es damals schon Kontakt?

Pesic: Gab es nicht. Spekulationen sind ganz normal in diesem Geschäft.

Die Welt: Als die Bayern Ende November dann Bauermanns Nachfolger Yannis Christopoulos entließen, hat Hoeneß sich persönlich bei Ihnen gemeldet?

Pesic: Das war ganz interessant. Passen Sie auf. Die Geschichte beginnt am 23. November. Ein Freitag. Ich fahre mit meiner Frau von Berlin nach Burghausen. Da lebt mein Bruder, er wurde gerade Opa. Ein neuer Pesic für die Familie. Wir feiern, essen, trinken. Wir sind in Burghausen, da beschließen wir, nach München zu fahren. Zum Basketball, das Spiel am Samstag. Bayern gegen Braunschweig. Vor dem Spiel treffen wir kurz Marko.

Berliner Morgenpost: Ihren Sohn, den Sportdirektor beim FC Bayern.

Pesic: Wir machen aus: Sonntag gehen wir zum Brunch. Aber Bayern verliert, Sonntagvormittag rufe ich Marko an, ich frage: "Wo bist du?" Sagt er: "Brunch fällt aus, bin in einer Sitzung, fahrt ruhig heim nach Berlin." Meine Frau und ich fahren los, eine Stunde sind wir unterwegs, plötzlich ruft Marko an. Er sagt: "Wo seid ihr?" Ich sage: "Kurz vor Nürnberg." Er: "Komm zurück." Ich: "Warum?" Marko: "Hoeneß will mit dir sprechen." Ich: "Hoeneß?". Er: "Ja, du kannst dir schon denken, warum." Ich überlege, denke mir, was soll ich jetzt tun. Da sagt er noch: "Was willst du jetzt bitte auch in Berlin, an einem Sonntag? Sonntagnachmittag in Berlin. Komm zurück." Ich sage: "Okay." Also, ich fahre raus, trinke an der Raststätte einen Kaffee mit meiner Frau, dann drehen wir um und fahren zurück.

Die Welt: Was sagte Ihre Frau?

Pesic: Nicht viel. Sie kennt mich.

Die Welt: Haben Sie sich mit ihr auf der Rückfahrt besprochen?

Pesic: Nein. Manchmal frage ich sie bei Entscheidungen, manchmal nicht. Ich bin mit dem Auto und zwei Koffern in München geblieben, meine Frau flog nach Berlin zurück.

Die Welt: Und dann haben Sie Hoeneß getroffen.

Pesic: Ja. Ein echter Sportler. Offen, deutlich, spricht Klartext. Er hat mich gefragt, was ich verdienen will, da habe ich gesagt, er soll einen Betrag nennen. Dann sagte er mir eine Summe und fragte, ob ich damit zufrieden bin.

Berliner Morgenpost: Waren Sie es?

Pesic: Ich sagte: "Zufrieden oder nicht, ich akzeptiere. Wichtig ist, dass ich so schnell wie möglich anfangen kann, die Mannschaft in den Griff zu kriegen." Und dann haben wir ausgemacht, dass ich bis Saisonende bleibe.

Berliner Morgenpost: Warum so kurz? Wollen Sie hier nicht langfristig etwas aufbauen wie vor knapp 20 Jahren in Berlin? Kann der FC Bayern nicht ein zweites Alba werden?

Pesic: Du kannst keine zwei Spieler vergleichen und zwei Vereine auch nicht. Alba ist anders als Bayern.

Die Welt: Trotzdem gibt es Parallelen. Alba war damals auch ein ganz neues Profiteam in einer Großstadt, daraus wuchs ganz schnell etwas Großes.

Pesic: Das stimmt, Parallelen gibt es. Nur, hinter Alba standen damals nur Sponsoren. Es gab keine großen Erwartungen. Und die gibt es in München eben schon. Viel mehr als damals in Berlin.

Die Welt: Es gab in München sogar schon Erwartungen, Dirk Nowitzki könnte eines Tages beim FC Bayern spielen.

Pesic: Warum sollte er? Das ist unrealistisch. Er wird 35, er hat noch zwei Jahre in Dallas Vertrag, dann ist er 37. Er braucht keine Bundesliga mehr. Man sollte es dann dabei belassen und Nowitzki dankbar sein, weil er mit seiner Persönlichkeit Basketball in Deutschland so populär gemacht hat.

Berliner Morgenpost: Zwingend erfolgreich wurde das deutsche Basketball aber nicht, auch nicht mit Nowitzki in der Nationalmannschaft. Der EM-Triumph mit Ihnen als Bundestrainer ist bald 20 Jahre her.

Pesic: Mein Eindruck ist, dass man sich im deutschen Basketball zu sehr auf Nowitzki verlassen hat. Alle haben gedacht, jetzt kommt Nowitzki, nimmt sich den Ball, wirft, trifft, und wir gewinnen. Das war nicht intelligent. Es braucht eine große Basis junger Spieler, eine gezielte Förderung von Jugendlichen aus dem eigenen Land. Auch da muss Basketball vom Fußball lernen, viel lernen. Fußball ist unser großes Vorbild. Schauen Sie nur die Leistungsträger beim FC Bayern. Schweinsteiger, Neuer, Müller, Lahm. Alles deutsche Spieler, die früh gefördert wurden, drei davon im eigenen Verein.

Die Welt: So etwas aufzubauen, dauert aber.

Pesic: Ja, aber irgendwann muss man anfangen damit. Basketball ist nach Fußball die populärste Sportart in der Welt und hat sich sehr gut weiterentwickelt. Die Methodik des Trainings, die Lebensweise, die Ernährung. Was wir brauchen ist ein System wie im Fußball, wo die Vereine Internate haben. Die Verbindung von Schule und Sport, ein Konzept, bei dem sich die Persönlichkeit entwickeln kann. Ein großes Projekt für die Zukunft.

Die Welt: Reden wir noch über eine ganz nahe Zukunft, über Weihnachten. Sie sind orthodox, Ihre Frau katholisch. Wie wird bei Familie Pesic gefeiert?

Pesic: Die unterschiedliche Konfession ist unser Glück, so können wir zweimal feiern. Das katholische Weihnachten am 24. Dezember, das orthodoxe zwei Wochen später. Was wir Heiligabend machen, fragen Sie meine Frau. Ich bin nicht zuständig für die Organisation. Viel Zeit haben wir eh nicht.

Die Welt: Am zweiten Feiertag spielen Sie schon wieder zu Hause gegen Bremerhaven.

Pesic: Darum trainieren wir an Heiligabend vormittags, am 25. am Abend. Aber sicher werden wir in der Familie alle beisammen sein. Meine Frau, Marko, Ivana und ihr Mann, mein Schwiegersohn Jan Jagla, der auch bei uns spielt, und natürlich mein Enkel, Markos Sohn Luka.

Die Welt: Der ist jetzt sieben, und auch schon ein großer Basketballer?

Pesic: Leider nein. Seit er in München ist, spielt er nur Fußball. Letzte Woche hat er für seine Mannschaft vier Tore geschossen. Jetzt hat er einen Pokal zu Hause. Aber ich habe noch Hoffnung. In seinem Alter habe ich auch noch Fußball gespielt, das ging, bis ich 14 war. Also, sieben Jahre darf Luka noch Fußballer sein. Dann wird er eh Basketballer.

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