12.12.12

England

Nach Arsenals Pokalpleite wird es eng für Wenger

Die Blamage bei Viertligist Bradford City ist ein weiterer negativer Höhepunkt der enttäuschenden Saison Arsenals. Gegenüber den glorreichen Jahren der Wenger-Ära ist der Klub kaum wiederzuerkennen.

Foto: dapd
FC Arsenal
Für Per Mertesacker (M.) und seine Teamkollegen war Bradford City im Ligapokal Endstation

Viel können sie nicht bei Bradford City. Der einzig nennenswerte Titel datiert aus dem Jahr 1911, als der FA Cup in die nordenglische Industriestadt wanderte. Danach erlangte man Berühmtheit nur noch auf traurige Art, als Ort eines fatalen Stadionbrands mit 56 Toten, der 1985 die Abschaffung von Holztribünen im englischen Fußball einleitete. Momentan spielt Bradford City in der viertklassigen League Two – weiter unten als jeder andere Verein, der jemals zur Premier League gehörte.

Eines jedoch können sie ganz hervorragend in der verarmten Textilmetropole – Elfmeterschießen. Bei den letzten acht Gelegenheiten war Bradford jeweils als Sieger vom Platz gegangen. Das Schicksal der Gäste des FC Arsenal war also praktisch schon besiegelt, als das Viertelfinalspiel im Ligapokal nach 120 Minuten beim Stand von 1:1 abgepfiffen wurde.

Wenger spielte mit voller Kapelle

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Champions-League-Vertreter, den Trainer Arsène Wenger entgegen früherer Ligacup-Gewohnheit mit voller Kapelle, also auch den deutschen Nationalspielern Lukas Podolski und Per Mertesacker, auf den vereisten Rasen in Bradford geschickt hatte, schon einen Abend voller Peinlichkeiten hingelegt. Nach frühem Rückstand brauchte Arsenal 70 Minuten bis zum ersten Schuss zwischen die drei Torgestänge. Erst in der 88. Minute erzielte Verteidiger Thomas Vermaelen der Ausgleich und rettete sein Team in der Verlängerung. Und auch in der wurde der Viertligist keineswegs an die Wand gespielt.

Im Elfmeterschießen kam es dann wie vorbestimmt: Mit Cazorla, Chamakh und Vermaelen vergaben gleich drei "Gunners" und Arsenal war raus. Zum ersten Mal in 124 Jahren Klubgeschichte gescheitert an einem Viertligisten.

"How Brad can you get?", fragte anderntags die "Sun" in einem Wortspiel aus dem Spitznamen für die Einwohner Bradfords und der naheliegenden Frage: "Wie schlecht geht es noch?" Denn die schlappe Darbietung auf frostigem Geläuf war ja alles andere als ein Einzelfall in dieser Saison. In der Liga haben die Londoner den schlechtesten Start in der 16-jährigen Amtszeit von Arsène Wenger hingelegt und rangieren derzeit nur auf Platz sieben.

Nach dem Spiel entlud sich der Ärger

Selbst für einen eigentlich so unantastbaren Manager wie Wenger wird die Luft allmählich dünn. Zwar verteidigten ihn die mitgereisten Fans während der Partie mit Lobgesängen gegen den Spott der Bradford-Fans ("Morgen früh fliegst du raus"), aber nach Spielende entlud sich der ganze Ärger in den sozialen Netzwerken und Call-In-Shows. Unisono loben die Anhänger Wengers Verdienste um den Klub. Aber immer mehr halten jetzt endgültig die Zeit für seinen Abgang gekommen.

Gegenüber den glorreichen Jahren der Wenger-Ära ist der Klub tatsächlich kaum noch wiederzuerkennen. Arsenal versuchte unter dem Franzosen immer betont, für das Gute im Fußball zu stehen – stilistisch mit seinem "One-Touch"-Stil und ideologisch mit der Absage an teure Transfers und einer Priorität für Spieler aus dem eigenen Nachwuchs. Nichts war Wenger wichtiger, als dass seine Mannschaft jederzeit mit einer klaren (Arsenal-)-Identität auftrat.

Wild zusammengekaufter Haufen Profis

Genau die fehlt der aktuellen Truppe aber an allen Ecken und Enden. Neben den schon ritualisierten Protesten gegen sieben titellose Jahre, hohe Ticketpreise und sehr hohe Vorstandsgehälter, die zuletzt Arsenals Heimspiele prägten, müssen viele Fans auch an der Seelenlosigkeit der Mannschaft verzweifeln. Mit den Ausnahmen der Jugendspieler Jack Wilshere, Aaron Ramsey und Alex Oxlaide-Chamberlain erscheint das Team wie ein wild zusammengekaufter Haufen von Profis, die – wie Mertesacker oder Podolski – wenn auch keine absolute Weltklasse, so doch schon beträchtliche Klasse haben. Aber Wenger will es einfach nicht gelingen, sie zu einem harmonischen, verlässlichen Ensemble zu formen.

Lange musste der Franzose gedrängt werden, die beachtlichen finanziellen Ressourcen des Vereins in die Mannschaft zu investieren. Jetzt, wo er es zunehmend tut, wird alles bloß noch schlimmer. Trotz zahlreicher Einkäufe hat er die Abgänge der vergangenen beiden Jahre – Cesc Fàbregas, Samir Nasri, Robin van Persie – nicht einmal annähernd kompensiert bekommen.

Einer der neuen Schlüsselspieler, Santi Cazorla, leitete am Samstag in der Liga gegen West Bromwich Albion einen der wenigen Siege in jüngster Zeit ein, indem er mit einer dreisten Schwalbe einen Elfmeter schindete. Als er nun in Bradford verschoss, vergingen nur wenige Sekunden, bis der genarrte West-Brom-Verteidiger Steven Reid twitterte: "Karma"

Das ist vielleicht das auffälligste an der Arsenal-Krise: Nicht nur die Titel bleiben aus. Der Klub verliert auch, was ihn jahrelang jenseits aller Resultate zu einer der stärksten Marken des Fußballs machte: seine moralische Aura.

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