13.12.12

Ulli Wegner

"Abraham hatte 21 Berufe, Boxen war einer davon"

Auch mit 70 Jahren steht Trainer-Legende Ulli Wegner noch voll im Saft. Im Berliner Morgenpost-Interview verrät er, wie er Arthur Abraham wieder zum Box-Weltmeister machte und warum die Klitschkos schlagbar sind.

Foto: dpa
Presse-Training Arthur Abraham
Sparring: Trainer Ulli Wegner (l.) testet seinen Schützling Arthur Abraham

Arthur Abraham kämpft am Samstag gegen den Franzosen Mehdi Bouadla um die WM. Nach einer schwierigen Zeit findet der Profiboxer auch dank seines Trainers Ulli Wegner zu alter Form zurück. Im Berliner Morgenpost-Interview spricht Wegner darüber, wie er das geschafft hat. Der 70-Jährige verrät darüber hinaus, warum er sich momentan um seine Weltmeister Marco Huck und Yoan Pablo Hernandez sorgt und weshalb er seinem Schwergewichtler Robert Helenius 2013 einen ganz großen Schritt nach vorn zutraut. Wegner sieht sich selbst in der Verantwortung, den Stellenwert des deutschen Profiboxens hoch zu halten.

Berliner Morgenpost: Herr Wegner, hätten Sie am Anfang des Jahres gedacht, dass Sie im Dezember mit Arthur Abraham wieder zu einer WM-Titelverteidigung antreten werden?

Ulli Wegner: Gedacht nicht, gehofft schon. Oder besser, ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass wir die Durststrecke nach Arthurs Niederlagen im Super-Six-Turnier beenden werden.

Die Welt: Woher kam der Optimismus?

Wegner: Das ist eine lange Geschichte. Also muss ich ein bisschen ausholen. Der Start ins Super-Six-Turnier war perfekt. Arthur hat Jermaine Taylor k.o. geschlagen. Dann folgte sein sportlicher Absturz in Form von drei Niederlagen gegen Andre Dirrell, Carl Froch und Andre Ward. Da bist du als Boxer in der Weltspitze natürlich ganz schnell weg vom Fenster. Und ich habe ziemlich schnell festgestellt, dass er ein paar sportliche, aber viel mehr persönliche Defizite hatte, die zu der Pechsträhne geführt hatten.

Berliner Morgenpost: Sie haben, wenn man so will, bei der Vorbereitung seine Fäuste, aber nicht seinen Kopf erreicht?

Wegner: Genau das war unser Problem. Arthur ist ein Boxer, der schnell Dinge umsetzt, die im körperlichen Bereich liegen. Er hat eine enorme Härte und er hat ein extremes Leistungsvermögen. Aber er hatte zeitweise ganz einfach nicht die nötige Hingabe an den Sport. Er war sich manchmal seiner Sache einfach zu sicher und hat dadurch seine Gegner nicht auf dem Level gesehen, auf dem sie ihm dann begegnet sind. Ich habe mal gesagt, Arthur habe 21 Berufe und nur einer davon sei Boxen.

Berliner Morgenpost: Sie mussten Ihm 20 Jobs vermiesen?

Wegner: Na vielleicht eher 18. Die Jungs sollen und müssen sich schon ein wenig orientieren. Irgendwann ist die Karriere beendet, und dann sollten sie wissen, wohin sie ihr Weg führt.

Berliner Morgenpost: Abraham ist wieder obenauf. Was kann er noch erreichen?

Wegner: Da muss ich gleich mal warnen. Eines nach dem anderen. Mehdi Bouadla ist keiner, der zum Geld abholen nach Deutschland kommt. Wenn etwas sicher ist, dann, dass wir es uns nicht leisten können, irgendeinen Gegner zu unterschätzen. Bouadla ist stark, und Arthur muss zeigen, dass er stärker ist. Dann können wir erst neue Ziele anpeilen.

Berliner Morgenpost: Revanche-Kämpfe gegen die Boxer, gegen die Abraham verloren hat?

Wegner: Im Idealfall ja. Aber im Boxen kommt der Idealfall ja nicht mit Garantie. Gut ist, dass er als Champion sein Schicksal wieder selbst in der Hand hat.

Berliner Morgenpost: Was ist das Besondere an Abrahams erster Titelverteidigung seit dem Sieg im August gegen Robert Stieglitz?

Wegner: Der Druck ist anders gelagert. Arthur war Weltmeister und hat alles kennengelernt, was damit an Annehmlichkeiten verbunden ist. Dann hat er versagt und war unten. Jetzt ist er wieder in einer Position, in der er etwas zu verlieren hat. 'Trainer', hat er einmal gesagt, 'das Scheißgefühl brauche ich nicht noch einmal'. Er hat begriffen, worum es geht.

Berliner Morgenpost: In diesem Punkt sind Sie sich bei Ihren beiden anderen Weltmeistern nicht ganz sicher. Sowohl Marco Huck als auch Yoan Pablo Hernandez gehören zu den stärksten Boxern im Cruisergewicht, aber in ihren letzen Kämpfen gab es umstrittene Ergebnisse. Sie haben definitiv nicht souverän gewonnen.

Wegner: Nicht souverän ist nett ausgedrückt. Ich bin zwar sicher, dass sich die knappen Punkturteile (Hernandez gegen den Kanadier Troy Ross, Huck gegen Firat Arslan; d. Red.) bei einer genauen Videoanalyse bestätigen, aber wir dürfen die Fans nicht aus den Augen lassen. Die waren nicht zufrieden, und damit dürfen wir nicht leben. Denn wir sind auch von TV-Quoten abhängig, und die Fans schalten aus, wenn sie sich nicht gut unterhalten sehen. Da haben wir, auch ich, eine Riesen-Verantwortung. Ganz klar!

Berliner Morgenpost: Woran hapert es bei Huck und Hernandez?

Wegner: Ehrliche Antwort? Es muss beiden klar werden, dass Kämpfe nicht allein mit den Muskeln entschieden werden. Marco hat eine fantastische physische Stärke. Daraus leitet er seine Eignung für das Schwergewicht ab. Warum tut er das? Unter Umständen, weil ihm Außenstehende sagen, wie stark er angeblich ist. Die Leute verkennen die Realität. Marco ist ein toller Kerl und sollte sich in seinem Limit durchsetzen. Was mit den Jahren kommt, wird sich zeigen. Klar ist jedenfalls, dass er bei allem Erfolg noch viel Arbeit vor sich hat.

Berliner Morgenpost: Und Hernandez?

Wegner: Bei Pablo ist es ähnlich. Mein bester Boxer vom Bewegungstalent her. Aber er ist Kubaner und denkt lässig wie ein Kubaner. Das ist meistens gut für ihn, manchmal aber auch nicht. Manchmal ist das in einem WM-Kampf zu viel. Pablo muss während der zwölf Runden einfach mehr arbeiten und weniger glänzen wollen. Und beide müssen wissen, dass sie für viele Nachwuchsboxer Vorbilder sind. Das zu erfüllen ist schwer.

Berliner Morgenpost: Der ganz große Glanz gehört dem Schwergewicht. Diese Gewichtsklasse dominieren die Klitschko-Brüder. Warten Sie darauf, dass Vitali und Wladimir endlich abtreten?

Wegner: Auf keinen Fall. Auch wenn es bei Vitali sicher nicht mehr sehr lange dauert. Aber für jeden Schwergewichtler ist dann Wladimir das attraktivste Ziel.

Die Welt: Um verhauen zu werden?

Wegner: Wladimir ist bärenstark, aber nicht fehlerfrei. Ich denke, dass ein Boxer wie Robert Helenius die Mittel hat, ihn zu gefährden. Er hat sich nach seiner Schulteroperation in sensationell guter Verfassung bei mir wieder vorgestellt. Er hat die Zeit zum Nachdenken genutzt, und er arbeitet an seiner Athletik. Helenius ist manchmal ein Grübler. Und bislang hat er das immer in Erfolge umgesetzt.

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