10.12.12

THW

Handball-Deutschland jubelt über Kiels Patzer

Der deutsche Rekordmeister THW Kiel verliert nach 585 Tagen erstmals wieder ein Bundesligaspiel. Durch die Niederlage ist die deutsche Meisterschaft wieder spannend geworden.

Von Gunnar Meinhardt
Foto: dpa
THW Kiel - MT Melsungen
Die Spieler von Melsungen feiern ihren historischen Triumph. Die Nordhessen gewannen beim THW Kiel und fügten dem deutschen Rekordmeister die erste Niederlage in der Bundesliga seit 585 Tagen zu.

Es musste irgendwann passieren. Dass jede Serie einmal endet, ist schließlich eine Binsenweisheit. Doch dass dies ausgerechnet gegen die MT Melsungen geschehen würde – und nicht gegen einen Spitzenklub – und dann auch noch vor heimischem Publikum, besaß schon etwas sehr Spezielles, ja regelrecht Sensationelles.

585 Tage hatte der THW Kiel in der Handball-Bundesliga nicht mehr verloren, insgesamt 51 Spiele. Mit Ausnahme eines Unentschiedens gewannen die Stars von der Förde nach Belieben, beeindruckende 101:1 Punkte sammelten sie in dieser Zeit. Doch am Sonntagabend endete die scheinbare Unbesiegbarkeit des deutschen Rekordmeisters. Zur Halbzeit führten die Kieler gegen den Tabellensiebten aus Nordhessen noch 16:14. Nach 60. Minuten jubelten die Melsunger über ihren denkwürdigen Triumph. Fassungslosigkeit machte sich nach dem 25:29 nicht nur auf dem Parkett breit.

Auf den Rängen war es mucksmäuschenstill

Dort verharrten die Verlierer mit gesenkten Köpfen und verstanden die Welt nicht mehr. Auf den Rängen war es mucksmäuschenstill. Den 10.285 Zuschauern in der wie immer ausverkauften Arena hatte es die Sprache verschlagen. Lebenszeichen gaben lediglich die Helden des Abends von sich. Ausgelassen wie kleine Kinder tanzten die Melsunger um die gedemütigten Kieler Profis herum. "Wir haben einen historischen Erfolg gelandet", jubelte Trainer Michael Roth mit seinen Spielern. "Was meine Jungs heute auf die Platte gezaubert haben, werden wir erst in ein paar Tagen realisiert haben."

Sein Handy, erzählte Roth stolz, habe nach dem Spiel nicht mehr stillgestanden. 115 SMS erhielt er, auch von unmittelbaren Konkurrenten des THW Kiel, sogar aus der Schweiz und Österreich bekam er diverse Glückwünsche: "Da merkst du mal, welch eine Marke der THW Kiel in der Handballwelt ist."

Alfred Gislason, seinen Kollegen, tröstet das wenig. Er war "maßlos enttäuscht, denn wir hätten die Serie natürlich gern hinausgezögert. Doch wir haben nicht 100 Prozent gegeben, haben gedacht, es geht von allein." Der Isländer erwies sich trotz seiner Verärgerung als fairer Verlierer, sagte: "Mein Kompliment gilt den Melsungern. Sie haben sehr gut gespielt und verdient gewonnen."

Als erste Profimannschaft verlustpunktfrei durch die Liga

Der Knackpunkt der Partie lag zwischen der 34. und 46. Minute. Nachdem Gudjon Sigurdsson das 18:16 erzielt hatte, blieben die Hausherren zwölf Minuten ohne Torerfolg. Die Gäste bedankten sich auf ihre Weise und drehten den Rückstand in eine 21:18-Führung, die sie bis zum Schlusspfiff noch ausbauen konnten. Der Gastgeber hatte Melsungens Siegeswillen in der Schlussphase nichts mehr entgegenzusetzen – die vielen Wochen mit Spielen alle drei Tage haben offenbar Spuren hinterlassen.

Ihre bis dahin letzte Liganiederlage hatten die "Zebras", die in der vergangenen Spielserie als erste Profimannschaft im deutschen Sport verlustpunktfrei (68:0) durch die Liga spaziert waren, am 4. Mai 2011 beim 24:30 in Magdeburg kassiert. Die bis dahin letzte Heimniederlage hatte es sogar 613 Tage zuvor gegeben. Am 6. April 2011 war Kiel den Rhein-Neckar Löwen 31:33 unterlegen gewesen.

"Endlich wieder Spannung wie lange nicht"

Die scheinbar Überirdischen und Unbesiegbaren – Kiel hatte in der vorigen Saison das Tripel aus Meisterschaft, Pokalsieg und Champions-League-Triumph geschafft – sind endgültig wieder auf dem Boden gelandet. In der laufenden Spielserie hatten sie bereist zweimal in der Champions League verloren. Vorbei ist die Zeit der Übermacht und auch der Langeweile im Kampf um den nationalen Titel – bei aller Ehrfurcht vor den beispiellosen Erfolgen erwies sich die Dominanz der Norddeutschen auch als Gift für die Attraktivität des eigenen Produkts. "Jetzt haben wir endlich wieder Spannung wie lange nicht", sagt Ligachef Frank Bohmann und spricht vielen aus dem Herzen. "Sicherlich ist der THW noch immer die stärkste Mannschaft, aber es gibt zurzeit einige Teams, die dem Platzhirsch die Hölle heiß machen."

Kiel fiel in der Tabelle mit 27:3 Punkten auf Platz zwei hinter Spitzenreiter Rhein-Neckar Löwen (28:2) zurück. Dem Verlust der Spitzenposition misst THW-Manager Klaus Elwardt allerdings keine große Bedeutung bei: "Das ist nicht schlimm. Wir sind nicht mehr die Gejagten, haben die Meisterschaft aber noch selbst in der Hand."

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