12.12.12

Schwimmen

"Michael Phelps zu besiegen, war nur der Anfang"

Schwimmer Chad le Clos vergoss die schönsten Tränen der Olympischen Spiele von London. Im Berliner Morgenpost-Interview spricht der 20 Jahre alte Südafrikaner über neue Ziele und deutsche Mädchen.

Foto: REUTERS
Chad le Clos
Wohin nur mit all der Energie und Freude? Kein Schwimmer jubelte in London so emotional wie Chad le Clos

Zwei Armzüge zu Olympiagold über 200 Meter Schmetterling hatte Michael Phelps noch vor sich. Dann geschah das Unfassbare: Chad le Clos, 20 Jahre jung und aus Südafrika, hatte auf den letzten Metern mehr Fahrt aufgenommen als Phelps. Ihm glückte der perfekte Anschlag, und der US-Star war besiegt.

Da stand er also auf einmal. Ganz oben auf dem Podest bei seinen ersten Olympischen Spielen. Nichts hatte sich dieser 20 Jahre alte Südafrikaner jemals mehr herbeigesehnt als diesen einen Triumph – mit nichts hatte er gleichzeitig weniger gerechnet als mit diesem Sieg über sein großes Idol Michael Phelps. Er wollte sein wie Phelps, so schnell, so stark, so unschlagbar über 200 Meter Schmetterling. Und dann auf einmal blickte dieser Chad le Clos auf den größten Sportler der olympischen Geschichte herab – Phelps, der Geschlagene, stand eine Stufe unter ihm. Die Nationalhymne Südafrikas erklang, le Clos begann zu weinen, und Phelps klopfte ihm fast väterlich auf die Schulter. Über 100 Meter Schmetterling gewann le Clos anschließend Silber hinter Phelps.

Chad le Clos geht in die Geschichte ein als der letzte Mann, der Phelps im Wasser besiegte. Als jene Legende fährt er nun zur Kurzbahn-WM nach Istanbul. Vom 12. bis 16. Dezember treten dort auch die deutschen Vorzeigeschwimmer Britta Steffen und Paul Biedermann an. Le Clos erwartet nach einer Bronchitis und einer Schulterverletzung zwar keinen Weltrekord von sich, will aber dennoch einen Titel holen. Ein Gespräch über seine Olympiatränen, sein großes Idol und Weiße Haie.

Berliner Morgenpost: Herr le Clos, hat Ihnen Michael Phelps seine Niederlage wohl verziehen?

Chad le Clos: (lacht) Als wir gemeinsam zur Medaillenzeremonie gingen, war Michael verdammt nett zu mir. Er hat mich behandelt wie seinesgleichen, nicht von oben herab. Die Art und Weise, wie er mir gratuliert und Glück für die Zukunft gewünscht hat, war unfassbar und berührend. Ich bin verdammt stolz darauf, dass jemand wie er mich so behandelt.

Berliner Morgenpost: Phelps war Ihr großes Idol. Verlor er durch die Niederlage an Ansehen?

Chad le Clos: Nein, auf keinen Fall. Ich war zwölf Jahre alt, als ich ihn bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen bewundert habe. Ich war total inspiriert von ihm und wollte so sein wie er. Es ist unglaublich, daran zurückzudenken. Ich habe mein ganzes Leben zu ihm aufgesehen, und dann besiege ich ihn. Das ist das großartigste Gefühl überhaupt. Vielleicht fühlt es sich größer an, als es tatsächlich ist.

Berliner Morgenpost: Warum glauben Sie das?

Chad le Clos: Für mich ganz persönlich hat es einfach eine besondere Bedeutung. Schon seit Athen 2004 habe ich von diesem olympischen Rennen über 200 Meter Schmetterling geträumt. Michael ausgerechnet über diese Strecke, die er seit 2001 nie verloren hatte, zu besiegen, ist das Größte. Ich bin natürlich stolz darauf und werde das für den Rest meines Lebens in Erinnerung behalten.

Berliner Morgenpost: Haben Sie das alles schon verkraftet?

Chad le Clos: Selbst als die Spiele vorbei waren, konnte ich noch nicht realisieren, was da passiert war. Vor London war ich ein ganz normaler Typ. Und dann hat sich mit einem Rennen mein ganzes Leben verändert. Erst als ich nach Südafrika zurückkam, habe ich wirklich gespürt, wie verdammt groß dieser Erfolg ist. Am Flughafen in Johannesburg gab es einen riesigen Empfang für Cameron van der Burgh (Sieger über 100m Brust, d.R.) und mich. Nur für uns beide kam gefühlt die ganze Nation – unglaublich! Ich bin weiter in meine Heimatstadt Durban geflogen, wo noch mal 8000 Leute warteten.

Berliner Morgenpost: Das klingt nicht, als könnten Sie noch entspannt einkaufen, oder?

Chad le Clos: Es dauert jetzt ein bisschen länger, bis ich durch bin.

Berliner Morgenpost: In Ihrer Heimat sind Sie jetzt ein Star. Fühlen Sie sich auch so?

Chad le Clos: Nein, nein. Ich bin einfach Chad. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich immer noch denselben Typen, den ich da auch vor London gesehen habe. Ich tue dieselben Dinge wie vorher, bin einfach nur verdammt stolz, dass ich diese olympische Goldmedaille habe. Es ist aber auch die Olympia-Teilnahme an sich. Du gehst in die Kantine, und dort sind 20.000 Topsportler. Roger Federer ist darunter, Neymar. All diese großartigen Athleten zu sehen, versammelt an einem Ort, mit demselben Ziel, führt dir vor Augen, welche Dimension die Spiele haben. Mitten unter den Größten zu sein, war eine unglaubliche Ehre für mich.

Berliner Morgenpost: Phelps beschreibt Sie als starken Wettkampftypen, als sehr hart arbeitendes, hungriges Kind. Was sagen Sie selbst?

Chad le Clos: Ich weiß, was ich will. Und wenn ich mich erst mal auf eine Sache konzentriere, kann mich nichts mehr stoppen. Ich glaube an mich und meine Rennen, bin mir auf der anderen Seite aber sehr wohl bewusst, dass es auch andere gute Schwimmer gibt. Ich bin gleichzeitig ein ganz normaler Typ und liebe meine Familie über alles.

Berliner Morgenpost: Ich habe gehört, dass Sie und Phelps sich zum Käfigtauchen mit Haien treffen wollen. Ist da etwas dran?

Chad le Clos: Wir haben es noch nicht geschafft, weil Michael ziemlich beschäftigt ist. Ich denke aber, dass es 2013 klappen wird. Er hat versprochen, zu uns nach Südafrika zu kommen. Das ist ziemlich cool, und ich bin ein bisschen nervös.

Berliner Morgenpost: Wegen Phelps oder wegen der Haie?

Chad le Clos: Wegen beidem. Ich lebe in Südafrika direkt an der Küste, surfe jedes Wochenende – und bin kein großer Fan von Haien. Ich wollte so etwas aber schon immer einmal machen. Michael hat sogar gesagt, dass er seine Mutter mitbringen möchte. Es wäre großartig, wenn sich unsere Familien kennenlernen.

Berliner Morgenpost: Ihren Vater wird die Familie Phelps schon kennen. Er gab nach Ihrem Sieg im britischen Fernsehen völlig glückstrunken und überwältigt ein Interview, wurde damit in England und im Internet riesig bekannt.

Chad le Clos: Ja, das ist unglaublich. Besonders in England lieben sie ihn, aber das Video ging um die Welt. Er hat sogar gerade einen TV-Spot gedreht.

Berliner Morgenpost: Ihr Vater kam in dem Interview verdammt stolz und herzlich rüber. Aber war es Ihnen auch etwas peinlich, dass er sich öffentlich so sehr freute?

Chad le Clos: Nein, auf keinen Fall. Mein Vater ist einfach sehr stolz – wie meine gesamte Familie. Seine Freude zeigt perfekt die Leidenschaft, die wir Südafrikaner haben.

Berliner Morgenpost: Ihr Vater war den Tränen nahe. Sie selbst haben bei der Siegerehrung geweint. Was ging da in Ihnen vor?

Chad le Clos: Das ultimative Ziel ist doch, die eigene Nationalhymne zu hören. Wenn du dann auf dem Podium stehst und die Hymne erklingt, realisierst du nicht nur, was du für dich selbst erreicht hast, sondern auch, was du für dein Land und deine Familie geschafft hast. Das hat etwas mit Nationalstolz zu tun. Das Olympiagold bedeutet für mich nicht, dass ich der weltbeste Schwimmer bin.

Berliner Morgenpost: Sondern?

Chad le Clos: Die Medaille repräsentiert die Opfer, die meine Familie, mein Team und ich dafür gebracht haben. Es zeigt, dass alles möglich ist. Die Olympischen Spiele inspirieren Generationen. Und vielleicht habe ich an diesem einen Tag selbst einige junge Menschen inspiriert, das zu tun, was sie lieben und dafür alles zu geben. All diese Gedanken gingen auf dem Podium in mir vor.

Berliner Morgenpost: Der Sieg, all die Emotionen – kann es überhaupt noch besser werden?

Chad le Clos: Ich habe noch andere Ziele. Michael Phelps zu besiegen, war nur eines davon.

Berliner Morgenpost: Was wollen Sie erreichen?

Chad le Clos: Ich hoffe, dass ich nächsten Sommer mit dem Sieg über 200 Meter Schmetterling von den Weltmeisterschaften heimkehre. Hoffentlich kann ich auch die 100 Meter gewinnen. Danach fange ich vielleicht ein Studium an.

Berliner Morgenpost: Was wollen Sie studieren?

Chad le Clos: Sportwissenschaft oder Marketing. Ich werde aber natürlich weiterhin schwimmen. Bei den Olympischen Spielen 2016 möchte ich mein Programm erweitern und über mehr Strecken starten – Lagen zum Beispiel und 200 Meter Freistil. Ich möchte nicht derjenige bleiben, der ein einziges Mal Olympiasieger wurde. Ich möchte mehrere olympische Goldmedaillen gewinnen. Das wird hart, aber ich habe ein gutes Team um mich herum.

Berliner Morgenpost: Lassen Sie uns am Ende zu einem ganz anderen Thema kommen: Es gab dieses Mädchen, einen Fan, der unbedingt mit Ihnen zum Abschlussball der Schule gehen wollte. Sie sagten zu. Haben Sie Wort gehalten?

Chad le Clos: Ja, natürlich. Das war vor etwa zwei Monaten. Sie stand bei diesem großen Empfang in Südafrika am Flughafen und hielt ein Schild hoch, darauf stand: "Begleitest Du mich zu meinem Abschlussball?" Ich bin kein guter Tänzer, aber es hat Spaß gebracht.

Berliner Morgenpost: Das klingt wie eine Hollywood-Geschichte. Sind sie jetzt ein Paar?

Chad le Clos: Nein, wir sind nur Freunde. Ich bin Single. Und ich mag deutsche Mädchen – die sind wirklich nett.

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