03.12.12

Bundesliga

Markus Babbel scheitert auch in Hoffenheim

Der Bundesligist reagiert auf den sportlichen Absturz und entlässt den einstigen Hertha-Trainer. Sein Nachfolger wird U23-Coach Kramer.

Von Jens Bierschwale
Quelle: SID
03.12.12 0:29 min.
Markus Babbel ist als Trainer von Hoffenheim entlassen worden. Nach der schlechtesten Hinrunde der Vereinsgeschichte zog der Verein nun die Konsequenzen. Die 1:4-Pleite gegen Bremen war der Auslöser.

Der sportliche Absturz bringt manch Novum mit sich. Erstmals seit dem euphorisch gefeierten Aufstieg 2008 und einer rasanten Entwicklung bis hin zur Tabellenführung in der Fußball-Bundesliga haben sie nun in Hoffenheim einen Aufstand der Fans erlebt. 300 aufgebrachte Anhänger verschafften ihrem Ärger nach dem 1:4 (0:2) gegen Werder Bremen am Sonntagabend Luft, erst der Manager konnte die Meute ein wenig beruhigen. "Ich habe ihnen gesagt, dass wir nicht abgestiegen sind und dass wir alle nur gemeinsam da rauskommen", erklärte Andreas Müller.

Dem Wörtchen "gemeinsam" in Müllers beschwichtigendem Satz kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, denn nur einen Tag nach der Niederlage entschied der Manager gemeinsam mit Mäzen Dietmar Hopp, dass nicht das komplette Personal der Kraichgauer am erhofften Umschwung mitwirken darf. Trainer Markus Babbel, erst seit Februar im Amt, wurde nach dem neuerlichen Offenbarungseid seiner Profis auf dem Feld entlassen. Bis zur Winterpause springt U23-Trainer Frank Kramer ein, danach soll ein neuer Übungsleiter präsentiert werden.

Babbel konnte den "Bock nicht umstoßen"

"Ich bin nach dem Spiel zu der Überzeugung gekommen, dass wir im Trainerteam etwas verändern müssen", sagte Müller am Montagnachmittag im Trainingszentrum in Zuzenhausen. "Wir haben sehr lange mit den Geschäftsführern und dem Präsidenten diskutiert. Letztlich ist es auch in meiner sportlichen Verantwortung wichtig, einen Cut zu machen. Den Eindruck, den ich noch mal durch die erste Hälfte gegen Werder Bremen bekommen habe, hat dazu beigetragen, dass ich der Überzeugung bin, dass wir einen Neuanfang starten müssen. Es fällt einem nicht leicht."

Er habe eine tolle Zeit mit Babbel und dessen gleichsam entlassenen Assistenten Rainer Widmayer gehabt, er schätze beide sehr, "aber ich habe die Verantwortung für die TSG Hoffenheim, in dieser schwierigen Situation zu sagen, wir müssen jetzt den Resetknopf drücken und neu beginnen". Babbel und Widmayer sei es zuvor nicht gelungen, "den Bock noch umzustoßen".

Ob dies dem unerfahrenen Kramer (40) gelingt? Immerhin heißen die nächsten Gegner HSV und Meister Dortmund. "Ich traue ihm alles zu", sagte Müller, während Kramer erklärte: "Nachdem der Verein auf mich zugegangen war, wollte ich mich nicht aus der Verantwortung stehlen. Es wird sehr viel Zusammengehörigkeitsgefühl und Teamgeist erforderlich sein, die nächsten Aufgaben zu bewältigen." Vor allem, sich vom 16. Tabellenplatz zu lösen.

Läuft es nicht, wird der Trainer ausgetauscht

Seit Langem schon greifen auch in Hoffenheim, diesem Klub, der der Bundesliga noch vor Jahren eine sportliche Revolution verpasst hat und so erfrischend anders daherkam, die üblichen Reflexe der Branche. Läuft es nicht, wird der Trainer ausgetauscht.

Binnen knapp zwei Jahren durften sich nach der Ära Ralf Rangnick schon Marco Pezzaiuoli und Holger Stanislawski mehr oder minder erfolgreich versuchen. Inklusive des Abgangs von Babbel, der vor ziemlich genau einem Jahr auch bei Hertha BSC und davor beim VfB Stuttgart entlassen worden war, ist die Verweildauer für Trainer in Hoffenheim seit 2011 mit inzwischen nur noch acht Monaten äußerst gering. Das nachhaltig angelegte Projekt des smarten Dorfvereins mit Understatement-Attitüde und schier unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten ist zu einem Schleudersitz für Übungsleiter mutiert, die TSG 1899 Hoffenheim im Herbst 2012 nur noch ein ganz gewöhnlicher Bundesligaklub.

Babbels Entlassung, die Mäzen Hopp im Urlaub in Florida absegnete, ist allerdings nur eine Facette in der Geschichte des seltsam rasanten TSG-Absturzes, denn es begann alles schon viel früher. Hopp, der mit etlichen Millionen eine namhafte Mannschaft ermöglichte und in schöner Regelmäßigkeit für die Unterdeckung des Etats und kräftige Minus-Abschlüsse geradestand, hatte sich 2010 eine neue Marschroute auferlegt. Aus Angst vor der angekündigten Financial-Fair-Play-Umsetzung des europäischen Verbandes Uefa forderte der Chef die Seinen auf, mit mehr Augenmaß zu handeln und Transferüberschüsse zu erzielen, da sonst bei einer etwaigen Europapokalteilnahme ehedem der Ausschluss drohen würde.

Nur die Kasse bei Hoffenheim stimmt

Also verkaufte die TSG Spielgestalter Carlos Eduardo für 20 Millionen Euro nach Kasan, kurz darauf ging dessen Kumpel Luiz Gustavo für 17 Millionen Euro zu den Bayern. Rangnick, bis dato erfolgreicher Trainer des Projekts, gab entnervt auf. Immerhin stimmt nun die Kasse. Im Geschäftsjahr 2011/2012 erwirtschaftete der Verein bei einem Rekordumsatz von 83,9 Millionen Euro 1,73 Millionen Euro Gewinn. In den Jahren zuvor hatte es noch ein kräftiges Minus gegeben: 18 Millionen Euro in 2010/2011 und gar 29 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2009/2010.

Von der einst gefeierten Mannschaft, die vor Jahren sogar die Bayern das Fürchten lehrte und die Hinrunde 2008/2009 als Erster abschloss, sind wenige Profis verblieben. Die fantastische Offensivreihe mit Chinedu Obasi, Demba Ba und Vedad Ibisevic ist Geschichte, Talente wie Gylfi Sigurdsson, Peniel Mlapa oder Isaac Vorsah sind von der Gehaltsliste verschwunden. Am Ende hat der Verein sorglos seine Seele verkauft. Das bundesweit anerkannte Millionenprojekt ist dort angekommen, wo es herkam: in der Provinz.

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