02.12.12

Bayern München

Kommt Hoeneß mit dem Basketball-van-Gaal klar?

Weil er genug vom Mittelmaß seiner Mannschaft hat, holt sich Bayerns Präsident Uli Hoeneß mit Trainer Svetislav Pesic den Louis van Gaal des Basketballs – und geht damit ein großes Risiko ein.

Foto: dapd
Basketball: Trainervorstellung FC Bayern Muenchen
Zweimal Pesic, einmal Hoeneß: Der neue Trainer Svetislav Pesic (M.), Vereinspräsident Uli Hoeneß (r.) und Sportdirektor Marko Pesic

In diesen modernen Zeiten bleibt einfach nichts mehr geheim. Nicht einmal Interna aus dem Training von Svetislav Pesic, bei dem er sich doch so ungern in die Karten schauen lässt. Das ist bei ihm immer noch so, nach über 30 Jahren als Coach. Aber kaum war die erste Übungseinheit bei seinem neuen Arbeitgeber Bayern München beendet, da veröffentlichte Nationalspieler Robin Benzing schon auf seiner Facebookseite: "Servus Ihr Lieben! Erstes Training mit Svetislav geschafft. Anstrengend, aber super Training..."

Aha. Weitere Details sind zum Glück nicht bekannt geworden. Trotzdem herrscht allgemein die felsenfeste Überzeugung, dass es dem 63-jährigen Serben bald gelingen wird, die Bayern-Basketballer wieder auf Kurs zu bringen, die in der Bundesliga vor dem Spitzenspiel an diesem Sonntag bei Alba Berlin (17 Uhr, Sport1) mit 10:10 Punkten nur auf einem enttäuschenden neunten Tabellenrang liegen.

Dafür haben sie ihn geholt, und nicht nur Bayern-Präsident Uli Hoeneß glaubt: "Der Trainer wird die Mannschaft ganz schnell in den Griff kriegen." Alba-Geschäftsführer Marco Baldi ist sicher, dass "Pesic ganz schnell für Stabilität sorgen wird". Wolfgang Heyder vom Deutschen Meister Baskets Bamberg pflichtet bei: "Pesic kriegt das ganz schnell hin, ich trau ihm das hundertprozentig zu." Die Marktführer im deutschen Basketball sind sich also schon mal einig.

Den Gelobten freut all der Respekt, "ich habe das schon erwartet". Nur bei der vorausgesagten Schnelligkeit hat er seine Bedenken. Die Leute würden zu oft erwarten, es sei wie beim Fußball. "Da denken alle an die Übermacht der Bayern, die immer in der Lage sind, Meisterschaften zu gewinnen. Die Basketball-Abteilung ist noch nicht so weit." Da müssten noch so viele Sachen entwickelt werden, "Resultate kannst du nicht kaufen". Es wirkt allerdings, als hätte Hoeneß genau das einkalkuliert, als er vor zweieinhalb Jahren beschloss, neben dem Fußball eine zweite Sportart im Verein auf Erfolg zu trimmen.

Kritik aus der Liga

Er verpflichtete den erfolgreichsten und teuersten deutschen Trainer Dirk Bauermann. Unter Einsatz finanzieller Mittel, die geeignet waren, jeden Bundesligisten vor Neid erblassen zu lassen, gelang mit ihm der Aufstieg. Als Bauermann im ersten Bundesligajahr trotz des mit rund acht Millionen Euro höchsten Etats der Liga im Play-off-Viertelfinale gegen die Artland Dragons scheiterte und sich äußerst kritikunfähig zeigte, folgten seine Entmachtung, Entlassung und eine Herabwürdigung seiner Arbeit durch Hoeneß per TV – was ihm erstmals seit seinem Basketball-Engagement Kritik aus der Liga einbrachte.

Den Zeitpunkt, sechs Tage vor Saisonstart, verstand niemand. Die ruppige Intonation ("Bauermann leidet unter Realitätsverlust") schon gar nicht. Ebenso wenig die Inthronisierung des überforderten und jetzt ebenfalls entlassenen Griechen Yannis Christopoulos als Headcoach. Der Bayern-Präsident, bisher in der Szene wohlwollend betrachtet, wurde nun belächelt, weil er in einem Interview von Standardsituationen wie Dreipunktewürfen im Basketball sprach. Und auch, dass Bauermann sich nicht zu einem Gegenschlag hinreißen ließ, wurde schmunzelnd zur Kenntnis genommen – schließlich hat der Mann bis 2014 Vertrag und durch vereinsschädigende Aussagen rund 1,5 Millionen Euro Restgehalt brutto zu verlieren.

Spätestens hier gefriert allerdings das Lächeln der Konkurrenz. Denn auch Pesic, der einen Vertrag bis zum Saisonende unterschrieben hat, ist sein Gehalt durchaus wichtig. Er war gewiss nicht billiger zu haben als Bauermann. Dazu die Ablösung von Cotrainer Denis Wucherer und der Abgang von Christopoulos – die Gesamtkosten der kompletten Selbstreinigungsaktion dürfte die Zwei-Millionen-Euro-Grenze locker überschreiten. Das ist keine große Sache für die Bayern. Aber mehr, als manche Bundesligisten wie der Mitteldeutsche BC oder Phoenix Hagen an Saisonetat zur Verfügung haben.

Erfahrene Stars

Hinzu kommt der teuerste Kader der Liga, mit Europaliga-erfahrenen Stars und einer Handvoll deutscher Nationalspieler, darunter Pesics Schwiegersohn Jan-Hendrik Jagla. Überhaupt ist das Bayern-Engagement des 63-Jährigen eine Art Familienzusammenführung. Denn der Mann, der ihn am vergangenen Sonntag zum Gespräch mit Uli Hoeneß lud, war sein Sohn Marko, in der zweiten Saison Sportdirektor in München.

Es heißt, er habe ihn telefonisch auf der Autofahrt nach Berlin erreicht. Daraufhin habe der Trainer erst einmal an der nächsten Raststätte einen Kaffee mit seiner Frau Vera getrunken und über die Lage beraten. Kann das gut gehen, wenn der Vater mit dem Sohne?

Als Marko (35) noch Spieler war, hatte es in der Zusammenarbeit vor allem bei Alba Berlin und später bei Lottomatica Rom manches Mal gekracht, "was an mir lag", wie Pesic junior heute sagt. Nun ist er quasi der Vorgesetzte seines Vaters. "Das ist so. Aber es ist überhaupt kein Thema. Der Trainer ist in dieser Situation die wichtigste Person." Er habe gelernt, sachlich mit "solchen Sachen" umzugehen: wenig Emotion, viel Rationalität. "Ich arbeite für den Verein. Meine Arbeit ändert sich nicht. Ich muss das Umfeld und die Möglichkeiten schaffen, dass Trainer und Mannschaft am besten arbeiten können."

Gewisse Divenhaftigkeit

Bleibt die alles entscheidende Frage, wie sich wohl Hoeneß und Pesic senior vertragen. Beide umgibt eine gewisse Divenhaftigkeit. Direkt, selbstbewusst, in gewissem Maße arrogant. Louis van Gaal war so einer, der niederländische Fußballtrainer, mit dem Hoeneß heute kein Wort mehr spricht. Pesic ist ein Gegenstück zu van Gaal im Basketball. Ein absoluter Fachmann und Kenner, der selbst weiß, dass er es ist.

Hoeneß und Pesic werden kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn ihnen eine Laus über die Leber gelaufen ist. Bislang spricht Pesic nur wohlwollend über seinen Präsidenten: "Uli Hoeneß hat gefragt, ob ich helfen kann, ich sehe überhaupt kein Problem darin. Ich bin dafür zuständig, so schnell wie möglich die Mannschaft in den Griff zu bekommen."

Sieben Trainingseinheiten standen ihm dafür vor dem Spiel in Berlin zur Verfügung, zu wenige, um eine neue Taktik zu vermitteln. Doch darum geht es auch nicht in erster Linie. Hoeneß wünsche sich von den Spielern, die zu Bauermanns Zeiten immer wieder durch nächtliche Eskapaden auffielen, vor allem mehr Disziplin und Identifikation. Mit dem Namen Pesic wird verbunden, dass er das auch tut.

Pesic weist Hoeneß den Platz zu

Die ersten Eindrücke sind positiv. Benzings Trainingsanalyse wurde schon erwähnt. Bei seinen ersten Auftritten vor der gespannten Münchner Presse wirkte Pesic gelassen, wo Christopoulos nervös aussah. Er machte Scherze, wo Bauermann unnahbar keine Miene verzog. Es ging schon gut los bei seiner Präsentation, als er dem verdutzten Hoeneß auf der Bühne zuraunte, beim Basketball sitze der Trainer immer in der Mitte, woraufhin der Präsident weiterrückte und sein Namensschild gleich mitnahm.

Eine nette Episode und ein Indiz dafür, dass es dem Coach, der mit der deutschen und der jugoslawischen Nationalmannschaft Europameister wurde, Jugoslawien in den USA zum WM-Titel führte, den FC Barcelona zum ersten Euroleague-Triumph und Alba Berlin unter anderem zu vier Deutschen Meisterschaften, an Selbstbewusstsein nicht mangelt.

So lange er auch sportlichen Erfolg hat, wird ihm in München kein Spaß übel genommen. Doch was, wenn aus der Truppe von Söldnern nicht bald eine Einheit wird? "Es stimmt nicht", sagt Marko Pesic, "dass hier alle mitreden wollen. Seit ich hier bin, hat jeder Trainer in Ruhe arbeiten können und 150 Prozent Vertrauen bekommen." Hoeneß habe sich in den Basketball nie eingemischt, "aber natürlich diskutiert man auch mit dem Präsidium – das ist doch völlig normal!"

Nur einmal gefeuert

Mal abwarten. Hoeneß hat jedenfalls bei der Vorstellung des neuen Trainers bekannt: "Es wird sehr viel schwieriger, als das am Anfang ausgesehen hat. Aber wir haben unsere Ziele, um die Meisterschaft mitzuspielen, nicht verändert." Eine hohe Vorgabe an den Übungsleiter, der jedoch nichts anderes erwarten konnte. Bei einem wie ihm werden immer besondere Erfolge vorausgesetzt.

Meist hat Pesic das erfüllt, nur einmal in seiner langen Karriere wurde er gefeuert, 2008 von Dynamo Moskau. Auffällig ist dennoch, wie kurzläufig seitdem seine Engagements waren, ob bei Roter Stern Belgrad, in Valencia, bei der deutschen Nationalmannschaft, mit der er sich im vergangenen Sommer mit acht Siegen in acht Spielen für die EM 2013 in Slowenien qualifizierte.

Sein Geduldsfaden scheint kürzer geworden zu sein, immer gab es einen Haken, länger zu verweilen, obwohl das Angebot dafür überall vorlag, bei jeder der genannten Stationen. Svetislav Pesic wirkt etwas gehetzt auf seine alten Trainertage. Zu alt geworden für den Job ist er trotzdem nicht, auch nicht in diesen modernen Zeiten. Den Benzing-Spruch bei Facebook konnte er als einer der Ersten lesen. Svetislav Pesic ist nämlich selbst in dem sozialen Netzwerk unterwegs und hat 1426 Freunde. Nicht schlecht für einen 63-Jährigen.

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