31.12.2012, 14:34

Dopingkönig Der tiefe Fall der Radsport-Legende Armstrong

Die Dopingaffäre um Lance Armstrong ist einer der größten Sportskandale: Er verlor alle Toursiege und die Posten in seiner Krebs-Foundation. Ihm drohen Millionenverluste und eine Gefängnisstrafe.

Sein früherer Konkurrent Rolf Aldag skizzierte die Lage ganz treffend. "Ich bin schockiert und überrascht, dass alle schockiert und überrascht sind", sagte der einstige Jan-Ullrich-Helfer aus Ahlen, nachdem schwarz auf weiß nachzulesen war, wofür es jahrelang Indizien, sogar wissenschaftliche Belege, aber keine belastbaren Beweise gab: Lance Armstrongs phänomenaler sportlicher Erfolg basierte auf einem ausgeklügelten Dopingsystem.

Darin waren Teammitglieder eingebunden, Teamchef Johan Bruyneel und Ärzte assistierten mit krimineller Energie. Die öffentlich zur Schau gestellte Erregung der Verantwortungsträger, die jahrelang nichts gemerkt haben wollen, und anderer Protagonisten war enorm.

Sieben Siege bei der Tour de France zwischen 1999 und 2005 im Anschluss an eine 1996 diagnostizierte Hodenkrebs-Erkrankung – alles Makulatur. Im Rückblick hat das größte Wunder der Sportgeschichte wohl nicht wirklich stattgefunden.

Stattdessen wurde wahrscheinlich einer der größten Betrüger der Sportgeschichte entlarvt. Die kompromisslos und effektiv gegen Armstrong ermittelnde US-Anti-Doping-Agentur Usada bezeichnete die aufgedeckte Manipulation als das "ausgeklügelste, professionellste und erfolgreichste Dopingsystem, das der Sport jemals gesehen hat". Die Fallhöhe vom Sockel hätte für den jetzt 41-jährigen Texaner mit dem Werdegang à la Hollywood nicht größer sein können.

Der selbst in höchsten Komplizen-Verdacht geratene Weltverband UCI konnte am 26. Oktober gar nicht anders, als Armstrong wie von der Usada gefordert alle Tour-Siege abzuerkennen.

Nachrücker wurden vorsichtshalber nicht benannt. Beim Durchforsten der infrage kommenden Kandidaten war man schnell beim "who is who" des Dopings im Radsport: Alle ungeeignet für die nachträgliche Ernennung zum Toursieger. Um zu suggerieren, jetzt ist alles vorbei, wurde die Armstrong-Zeit zur "Schwarzen Ära" erklärt.

Armstrong gibt sich unbeeindruckt

Die Talfahrt des einstigen Tour-Patrons aus Austin, der mit vielen Politikern gut konnte, Renn-Organisatoren und Verbands-Chefs in die Tasche steckte, hätte nicht heftiger ausfallen können. Die Nachbeben in der Problem-Branche – Schuldzuweisungen in viele Richtungen, Fahrer-Entlassungen, Funktionärs-Rücktritte und Sponsoren-Rückzüge - halten an.

Der Fall Armstrong hat dem Profiradsport einen Spiegel vorgehalten und viele erschraken oder taten so. Ähnliche Reflexe waren schon nach dem Festina-Skandal 1998 zu beobachten.

Der Hauptdarsteller des größten anzunehmenden Sportskandals, einst ein begnadeter PR-Stratege in eigener Sache, gibt sich weiter relativ ungerührt. Zwei Wochen nach der Aberkennung aller Toursiege twitterte Armstrong ein Foto von sich: In scheinbar größter Selbstzufriedenheit fläzt er sich auf einer Couch und betrachtet die sieben eingerahmten Gelben Trikots der Tour de France. Die Werke an der Wand sind hell erleuchtet, der Raum ansonsten dunkel.

Geständnis fehlt weiterhin

Die Affäre wird den ehemals Bewunderten und Umworbenen weiter teuer zu stehen kommen – abgesehen von den angefallenen Kosten für das Heer seiner Anwälte. Versicherungen, der Tour-Organisator Aso, und die von Armstrong einst verklagte Zeitung "Sunday Times" fordern Geld in zweistelliger Millionenhöhe zurück. Wegen zuvor möglicherweise geleisteter Meineide ("Ich habe nie gedopt") droht Multimillionär vielleicht sogar eine Gefängnisstrafe.

Selbst das Engagement für seine Herzensangelegenheit Krebsbekämpfung wurde in Mitleidenschaft gezogen. Mitte November trat Armstrong von allen Ämtern in seiner "Livestrong"-Stiftung zurück, "um der Organisation die negativen Auswirkungen der Debatten rund um seine Radsport-Karriere zu ersparen", wie der neue Livestrong-Chef und Armstrong-Nachfolger Jeff Garvey wissen ließ.

Die von dem Radprofi 1997 ins Leben gerufene Foundation, die laut "Handelsblatt" bisher rund 250 Millionen Dollar einnahm, ließ den Namen des Gründers streichen.

Ein Geständnis – da bleibt der ohne Vater aufgewachsene Lance Edward Armstrong hart – hat er immer noch nicht abgelegt.

(dpa/fb)
Do, 11.10.2012, 14.44 Uhr

Auf 1000 Seiten der Akten der US-Antidoping-Agentur finden sich Beweise für die Schuld von Lance Armstrong. Demnach hat der siebenmalige Tour-de-France-Sieger systematisch betrogen und gedopt.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen
Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter