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Internationales Stadionfest

Warum Leichtathletik die Königin des Sports ist

Heute treffen sich Leichtathleten aus aller Welt in Berlin zum Istaf. Immer wieder ist im Sport von Doping und Geldgier die Rede. Doch es gibt gute Gründe, die Leichtathletik so zu lieben wie unser Autor Knut Teske. Er würde heute am liebsten selbst antreten.

Huerdenlaeufer machen Werbung fuer Stadionfest ISTAF
Foto: ddp/DDP
Leichtathletik - die demokratischste aller Sportarten

Im Lauf ist es der Triumph des Siegers über die gegnerische Meute, im Sprung das Empfinden des Losgelösten, im Zehnkampf das Herkules-Gefühl. Es ist das Individuelle, das Spiel mit dem Spiel der Rasanz – das Gänsehautgefühl. Es ist das Unbedingte, der unbestechliche, weil messbare Versuch jedes Einzelnen, in sein persönliches Absolutum vorzudringen. Die Genugtuung darüber, wenn es geschafft ist. Was für den einen 6.50 Meter im Weitsprung bedeuten, ist für den anderen die 9-Sekunden-Marke. Beides zählt. Es ist die Freude an der Ästhetik – nicht umsonst bleibt die Leichtathletik die Königin der Olympischen Spiele. Ein Hochsprung über 2,40 Meter entwischt einen Augenblick der Schwerkraft. Hinter der Eleganz eines 90-Meter Speerwurfs steckt die PS-Gewalt eines VW Käfers. Keiner kam Gott aus eigener Kraft bisher näher als der Atheist Sergej Bubka – mit seinen 6,14 Metern im Stabhochsprung.

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Leichtathletik ist die natürlichste aller Sportarten – es gibt unter den 82 Millionen Deutschen kaum jemanden, der die 100 Meter nicht gelaufen ist, der nicht das Süße des Sieges und das Schale des Verlierens kennen gelernt hat. Wiewohl der Fußball als Massenphänomen unbestritten die Nummer 1 ist, steht es nach der Frequenz der 100-Meter-Läufe 1:0 für die Leichtathletik. Sie begeistert Individualisten, der Fußball die Menge, die er zugleich verkörpert. Der Leichtathlet, der im Kampf untergeht, ist in gewisser Weise persönlich haftbar; der Fußballspieler, dem Ähnliches widerfährt, verschwindet in der Mannschaft wie Lothar Matthäus 1990 im WM-Finale von Rom beim verweigerten, indes entscheidenden Elfmeter.

Der Fußball trägt – die Leichtathletik sondiert. Ihre Faszination liegt vornehmlich in der Einzelleistung, wie übrigens überall, nicht nur im Sport, aber da sogar im Fußball. Ein Ribéry in Glanzform schmückt Bayern München ganz ungemein; die Mannschaft kann dennoch verlieren. Ein ausgeschiedener deutscher Sprinter bei den Weltmeisterschaften demnächst in Berlin schmückt niemanden. Das ist die Härte dieser Sportart. Es gibt kein Verstecken. Dafür gibt es nach oben keine Grenzen. Ikarus muss Leichtathlet gewesen sein; sein Fall ist Teil der Hybris, die dem Genie verführerischer Weise innewohnt.

Sieger reißen jeden mit

Wer Usain Bolt in Peking hat laufen sehen, wie er den Rest der Welt geschlagen, nein, gedemütigt hat, konnte sich – allen Unbehagens zum Trotz – diesem Hurrikan nicht entziehen, nicht seiner Ästhetik, nicht seiner zerschmetternden Überlegenheit. Es sei denn, er leugnet alles Irdische. Der Mensch liebt Sieger. David ist der Beweis. Verlierer zählen nur in Form tragischer Ausnahmen.

Der Mensch liebt den Kampf Mann gegen Mann. Sogar Theodor Heuss, gewiss nicht der Urvater des Sports, sprang 1955 bei den Deutschen Meisterschaften in Frankfurt am Main mit der Zigarre in der Hand zweimal auf, als Heinz Fütterer und Manfred Germar höhengleich die 100 Meter in 10,4 Sekunden herunterrasten. Und noch einmal während der 200 Meter. 100.000 Amerikaner sprangen 1932 in Los Angeles wie im Delirium von ihren Sitzen, als ihr (unbekannter) Landsmann Ralph Hill dem finnischen Favoriten über 5000 Meter Schritt für Schritt näher rückte und doch zeitgleich geschlagen wurde. Hill gehört seitdem unter den Verlierern zu den Ikonen.

Der Mensch liebt den Kampf bis zum Umfallen, bis zur Selbstaufgabe. Es war nicht die Goldmedaille im Zehnkampf, die Holdorf 1964 in Tokio unsterblich machte – es war die Art, wie er sie auf den letzten 30 Metern über 1500 Meter torkelnd verteidigte. Wer unter den Augenzeugen vergisst je Bob Beamons 8,90 Meter 1968 in Mexiko, den „Sprung ins nächste Jahrtausend“? In der Schweiz zerbrach eine Ehe daran. Er ertrug ihr Desinteresse nicht länger. Wer erinnert sich nicht an Beyers spielerisch vollendeten 8,71-Satz vom März dieses Jahres?

Unvergessliche Glücksgefühle

Leichtathletik ist demokratisch; für alle da. Für die Langen der Hochsprung, für die Leichten die Langstrecke, für die Gedrungenen der Kurzsprint. Die Männer mit den Praxiteles-Figuren werden Diskuswerfer oder Zehnkämpfer – als Krone des Olympischen Sports. Wer die Dimension dieses Fights bei Wind und Wetter (1956 bei den Sommerspielen in Melbourne schneite es) erfassen will, muss erst mal einen „Jedermann-Zehnkampf“ in den Knochen haben. Zehn unterschiedliche Übungen (100 Meter, Weit, Kugel, Hoch, 400 Meter – 110 Meter Hürden, Diskus, Stabhoch, Speer, 1500 Meter) in 36 Stunden unter einen Hut zu bringen, gleicht in seinen Emphasen und Enttäuschungen einem Parforceritt durchs ganze Leben. Um der Vergleichbarkeit wegen müssen die einzelnen Leistungen in Punkte umgerechnet werden. Für Fans eine Spielwiese – für Fußballtrainer, die schon beim Einsatz ihrer drei Ersatzspieler ins Grübeln gekommen sind, ein Trauma.

So vielseitig und differenziert die Leichathletik ist – in einem eint sie ihre Adepten: in der individuellen Sucht nach dem Absoluten. Der innere Jubel des 15-Jährigen, der zum ersten Mal unter 12 Sekunden gerannt ist und jetzt unter elf laufen will, ist nicht geringer als Usain Bolts herausposaunter Stolz über seine unheimlichen 9,69. Falls es nicht eher umgekehrt ist. Die Leichtathletik hat ihre Unschuld verloren.

Aus der „Gemeinde des neidlosen Ehrgeizes“ (Heuss) ist in den höchsten Etagen längst ein raffgieriges Geschäft geworden. Was dennoch bleibt, ist die Freude an der natürlichen Bewegung. In seiner raubtierhaften Geschmeidigkeit auch die eines Usain Bolt. Und „last, not least“ das unvergessliche Glücksgefühl nach dem ersten, eigenen Sechs-Meter-Sprung!

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