16.11.12

Milliardär Lopez

"Das Geld ist knapp geworden in der Formel 1"

Von wegen, Geld spielt keine Rolle in der Formel 1! Gerard Lopez, Milliardär und Eigner des Lotus-Teams, über die finanziellen Probleme der Königsklasse und den Erfolg von Star-Pilot Kimi Räikkönen.

Foto: pa/DPPI Media
Räikkönen, Lopez
Lotus-Teambesitzer Gerard Lopez (r.) mit seinem Fahrer Kimi Räikkönen, der in der Saison 2012 sensationell einen Grand Prix gewann

Als Kimi Räikkönen das Formel-1-Rennen in Abu Dhabi gewann, atmete Gerard Lopez erleichtert durch. Der Milliardär aus Luxemburg ist Besitzer des Lotus-Rennstalls und sah sein Team endlich für dessen Mühen belohnt – derzeit liegt es auf Rang vier der Konstrukteurswertung. Viel wichtiger war für den 41 Jahre alten Investmentbanker jedoch: Der Premierensieg des neuformierten Lotus-Rennstalls verschaffte seinem Team eine immense Wertsteigerung.

Die Welt: Herr Lopez, waren Sie nach Räikkönens Sieg erleichtert?

Gerard Lopez (41): Wir haben das ganze Jahr schon mit einem Kimi-Sieg gerechnet. Gegen Ende der Saison wuchsen jedoch unsere Zweifel, weil die ganzen Teams, die um die WM kämpfen, extrem aufgerüstet haben. Wir haben zwar auch technisch nachgebessert, dass wir aber gerade zum Saisonende mit den Spitzenteams mithalten können, überrascht mich und macht mich sehr, sehr stolz.

Berliner Morgenpost: Warum besitzt eine Investmentgesellschaft wie Ihre überhaupt ein Formel-1-Team?

Lopez: Es gibt eine geschäftliche Motivation und einen emotionalen Grund. Die Formel 1 fasziniert mich seit meiner Kindheit.

Die Welt: Woher kommt diese Faszination?

Lopez: In keiner Sportart der Welt verändern sich die Dinge so schnell. Wir sind mit Mangrove Capital (Investmentfirma – d.R.) auch im Technologiebereich aktiv, und ich kenne nichts, was sich dynamischer, schneller, präziser und effizienter entwickelt als die Formel 1. Wenn wir heute bei Lotus ein Problem an unserem Auto haben, weiß die Firma zehn Minuten später Bescheid. 30 Minuten später wird schon nach der Lösung gesucht. In der Nacht wird das Problem dann gelöst, und am Morgen fährt der Fahrer auf die Strecke, als wäre nichts gewesen. Versuchen Sie mal, dieses Tempo mal auf eine normale Firma von 550 Mitarbeitern zu übertragen! Das ist unmöglich.

Die Welt: Inwiefern kann eine Firma wie Ihre auch anderweitig von der Formel 1 profitieren?

Lopez: Wir wollen, obwohl wir global arbeiten, nicht in jedem Land oder auf jedem Kontinent eine Administration aufbauen. Aber überall, wo die Formel 1 fährt, also im Mittleren Osten, in Asien, Südamerika und irgendwann auch garantiert in Afrika, wollen wir unsere Partner an die Rennstrecke einladen. Nur Sponsor zu sein, das haben wir schon seit Jahren verworfen.

Die Welt: Warum?

Lopez: Weil wir als Sponsor nur als Trittbrettfahrer aufgetreten wären. Ein Aufkleber auf einem Rennauto allein hätte uns keinen großen Nutzen gebracht. Also haben wir beschlossen, ein komplettes Team zu kaufen.

Berliner Morgenpost: Wie sieht dieser Nutzen konkret aus?

Lopez: Wir sind eine Geschäftsgruppe mit 65 Firmen. Bei einem Formel-1-Rennen, bei dem unser eigenes Auto am Start ist, organisieren wir Meetings zwischen unseren 65 Firmen und ihren Partnern.

Berliner Morgenpost: Also ist die Formel 1 eher ein Köder als ein Verkaufsargument?

Lopez: Ja und Nein. In erster Linie ist sie für uns eine Plattform. Wenn wir über die Formel 1 Geschäftsleute zusammenbringen, die große Motorsportfans sind, ist sie ein Köder. Aber wir bringen auch Leute an die Strecke, die überhaupt kein Interesse an der Formel 1 haben. Die reisen an, weil sie wissen, dass sie über unsere Vermittlung an einem Grand-Prix-Wochenende die richtigen Leute treffen können. Singapur ist ein gutes Beispiel. Dort haben wir dieses Jahr potenzielle Partner aus Malaysia, Hongkong und China zusammengeführt.

Berliner Morgenpost: Was denken Sie, abgesehen von Ihren Geschäften, über die Formel 1?

Lopez: Jedes Team kämpft um Sponsoren. Das Geld ist knapp geworden in der Formel 1. Als wir vor sechs, sieben Jahren als Teamkäufer unterwegs waren, wurden Teams mit Sponsorenverträgen verkauft. Das waren fast alles europäische Geldgeber. Das ist vorbei. Deshalb sollte man den Hebel bei Ländern ansetzen, deren Potenzial die Formel 1 bisher noch nicht genutzt hat. Ich spreche dabei in erster Linie von China und Indien. Das Hauptproblem der Plattform Formel 1 ist, dass in Europa Geschäfte austrocknen und in den Ländern, in denen das Potenzial da wäre, die Möglichkeiten der Formel 1 noch nicht genügend erschlossen sind.

Berliner Morgenpost: Warum ist das so?

Lopez: Alle Entscheidungsträger in der Formel 1 unterscheiden sich gerade in diesem Punkt gravierend voneinander. Die Formel 1 lebt nach einem Kalender mit 20 Rennen pro Saison. Jeder weiß: Heute ist ein Rennen, und wir denken auch schon mal an das nächste, vielleicht sogar an das übernächste Rennen. Aber wenn ein Rennen, gelaufen ist, gerät auch der Standort erst einmal in Vergessenheit – bis zum Rennen im nächsten Jahr. So kann man nicht an die Märkte herangehen, vor allem nicht an so große Märkte wie China und Indien.

Berliner Morgenpost: Was ist die Lösung?

Lopez: Das ganze Formel-1-System muss das wirtschaftliche Gesamtbild betrachten und dann eine Art Geschäftsprogramm entwickeln. Ein PR-Team müsste die Formel 1 in den Ländern, die wichtig sind, das ganze Jahr über auf das nächste Rennen vorbereiten. Und zwar überall dort, wo Wachstumsmöglichkeiten bestehen.

Berliner Morgenpost: Warum geschieht das nicht?

Lopez: Weil der Konkurrenzdruck innerhalb der Formel 1 sehr groß ist. Ein innerer Halt kommt nicht zustande. Es gibt ein stärkeres Gegeneinander als ein Miteinander. Die Erkenntnis, dass alle am Ende in einem Boot sitzen, fehlt vielen. Die Formel 1 befindet sich in einer Situation, in der jedes Team für sich sorgen muss. Aber niemand kann das exklusiv machen, weil alle nach einem Kalender im 20-Wochen-Rhythmus arbeiten und nicht darüber hinaus denken.

Berliner Morgenpost: Haben Sie schon einmal mit Chefpromoter Bernie Ecclestone über Ihre Ideen gesprochen?

Lopez: Wir sprechen oft über neue Ideen. Bernie ist nicht das Problem – der ist in seinem Kopf sehr jung und offen. Er würde positive Überlegungen zu mehr Wertschöpfung in der Formel 1 unterstützen.

Die Welt: Werden Sie – trotz aller Probleme – auch künftig in der Formel 1 bleiben?

Lopez: Wir möchten das schon.

Die Welt: Und wie sicher ist das?

Lopez: Das Engagement in der Formel 1 ist für uns nur denkbar, wenn die Rechnung aufgeht. Im Moment geht sie auf. Aber wenn das nicht mehr der Fall wäre, dann würden wir wie Geschäftsleute denken müssen und uns die Frage stellen: Ist es noch interessant für uns oder nicht?

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