14.11.12

Vendee Globe

Samantha Davies und die gefährliche Einsamkeit

Drei Monate, kaum Schlaf, keine Toilette – die härteste Regatta der Welt wird für Samantha Davies zur ultimativen Grenzerfahrung. Die 37-jährige Engländerin ist die einzige Frau im Feld der Skipper.

Von Jens Hungermann
Foto: AFP
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Samantha Davies posiert mit einem wichtigen Bordutensil: einem Wasserkocher, wahlweise für heißen Tee oder Instantkaffee

Einsamkeit kann philosophisch machen, und wenn Friedrich Nietzsche richtig liegt, darf Samantha Davies sich schon mal auf das Erreichen des Südpolarmeers freuen mit seinem tosenden Wind und den krachenden Wellen. Nietzsche fand: "Für den Einsamen ist schon Lärm ein Trost."

Am Wochenende ist die Britin Davies wie 19 weitere Skipper aufgebrochen, die Welt zu umsegeln. Vendee Globe heißt die Regatta für sogenannte Einhandsegler, deren Regeln im Kern so einfach wie prekär sind: Ein Mensch segelt auf einem Hightechboot der Open-60-Klasse (rund 18 Meter lang) einmal um die Welt, ohne zwischendurch festen Boden zu betreten. Reparaturen darf nur er selbst vornehmen, in allem ist er auf sich allein gestellt.

Wer nach dem Passieren bestimmter Wegmarken (u.a. gewisse Breitengrade, die Kanaren, Kap Horn) zuerst wieder am Startort Les Sables d'Olonne an Frankreichs Atlantikküste anlegt, hat gewonnen – nicht nur eine Regatta, sondern unvergleichliche Erfahrungen. Und Erkenntnisse, was Einsamkeit wirklich bedeutet. Zurückerwartet werden die Besten im Februar 2013.

Eine der Besten der Welt

Samantha Davies aus Portsmouth ist dieses Jahr die einzige Frau im Feld der Skipper. In Frankreich, und zumal in der segelsportverrückten Region Vendee, rufen sie die 37-Jährige "La Petite Anglaise", die kleine Engländerin. Wenngleich keineswegs abschätzig, sondern sehr wohlmeinend, nachdem sie 2009 bei der bislang letzten Ausgabe der Regatta den vierten Rang belegte. Nur ihre Landsfrau Ellen MacArthur war acht Jahre zuvor als Zweitplatzierte noch besser.

"Ich hatte beim vergangenen Mal nicht erwartet, so gut abzuschneiden", sagt Davies, zumal ihr Boot seinerzeit bereits acht Jahre alt gewesen sei. An die Erfahrung, die Herausforderung Vendee Globe bewältigt zu haben, erinnert sich aber umso lieber: "Du entdeckst, dass dein Körper fähig ist, über die Grenzen zu gehen. Wochenlang auf Tempo zu segeln so wie ich, oft in orkanartigem Wind und bei rauer See, liegt nicht jedem. Aber ich wurde in eine Segelfamilie hineingeboren und habe es genossen."

Genuss – ein Wort, das befremdlich klingen mag angesichts der Begleitumstände, die das Abenteuer mit sich bringt. Drei Monate lang vorwiegend tiefgekühlte Trockennahrung zu essen, einen Eimer als Abort zu nutzen, bloß viereinhalb Stunden täglich zu schlafen (verteilt auf mehrere Nickerchen) und ständiger Feuchtigkeit ausgesetzt zu sein an Bord, ist wahrlich nicht jedermanns Sache. Davies gesteht: "Klar werde ich manchmal auch Angst haben. Aber damit kann ich umgehen."

Unliebsame Begegnung mit einem Fischtrawler

Glücksritter mögen sie sich nicht gern nennen, die Wagemutigen, von denen nach wenigen Tagen nur noch 18 übrig sind: Marc Guillemot schied schon wenige Stunden nach dem Ablegen vor 300.000 Schaulustigen wegen eines Kielbruchs aus, sein französischer Landsmann Kito de Pavant musste wegen eines kaputten Bugs aufgeben – vorangegangen war die unliebsame Begegnung mit einem Fischtrawler.

Eine solche verschaffte auch Louis Burton bereits eine gehörige Schrecksekunde. Das Glück spielt also eine Rolle, niemand kollidiert gern in pechschwarzer Nacht mit Treibgut oder Packeis oder sieht seinen 30 Meter hohen Mast im Sturm brechen wie ein Streichholz. Doch gekennzeichnet sind die Kampagnen der Skipper durch minutiöse Vorbereitung, Budgets von mehreren Millionen Euro und großer seglerischer Erfahrung.

Jüngster im Feld ist der Franzose François Gabart (29), Ältester der Schweizer Dominique Wavre (57). Der "NZZ" sagte er: "Ich glaube daran, dass der Mensch leidenschaftlich sein muss, um etwas zu erreichen". Wavre schwärmt, die Berichterstattung vor allem der französischen Medien über die Vendee Globe lasse das große Publikum "unser Rennen und uns Segler als etwas Heroisches" ansehen.

Manchmal kommt erst nach Tagen Rettung

Befeuert wird der Mythos der beinharten Seeleute von Anekdoten aus der Historie der Regatta, die 1989 zum ersten Mal stattfand. Zwei Skipper kehrten nie wieder heim, schlimme Verletzungen in unwirtlichem Lebensumfeld können zudem schnell lebensbedrohlich werden. Der Franzose Yann Elies etwa brach sich bei der Ausgabe 2008 an Bord seiner Yacht den Oberschenkel. Erst nach mehreren Tagen rettete ihn eine australische Fregatte.

Bei jener Ausgabe der Vendee Globe erreichten nur elf von 29 Booten das Ziel. Durchschnittlich liegt die Ausfallrate bei 51 Prozent. Skipper Alessandro Di Benedetto (41) findet: "Die Vendee Globe ist ein Mythos, ein legendärer Parcours, eine Herausforderung."

Auch psychisch. Samantha Davies hat am Wochenende nicht nur ihren Ehemann Romain – er ist selber passionierter Segler – daheim zurückgelassen. Sie wird auch ihren 14 Monate alten Sohn Ruben rund ein Vierteljahr lang nicht in den Arm nehmen können. "Romains Vendee wird härter als meine", sagte sie lachend dem "Guardian", "ich habe beinahe Urlaub." Rubens erste Schritte oder Worte zu verpassen, das werde allerdings hart, dämmert ihr.

Immer gewannen Franzosen

Dass die männlichen Skipper – Frankreich stellte übrigens bislang noch jedes Mal den Sieger, wobei Michel Desjoyeaux 2009 in 84 Tagen, drei Stunden, neun Minuten und acht Sekunden den Rekord brach – bei der Weltumsegelung aufgrund von Kraft im Vorteil sind, sieht Davies entspannt. "Es geht nicht nur um Geschwindigkeit", sagt sie. "Es geht darum, das Boot in die richtige Position zu bringen, Situationen richtig zu bewältigen und Reparaturen am Boot selber vorzunehmen, damit es weitersegelt. Dabei hilft mir mein Uni-Abschluss."

Davies hat in Cambridge Maschinenbau studiert. Ihr Wissen konnte, oder besser: musste, sie bereits am dritten Tag dieser Vendee Globe einsetzen: Die erste knifflige Reparatur am Mast ihrer Yacht stand an. In einer Botschaft von Bord schrieb sie: "Als die Nacht hereinbrach, schien Jupiter durch die Cockpitluke ins Boot, und es war fantastisch. Leider gehen alle schönen Dinge irgendwann zu Ende…"

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