10.11.12

Mariusz Wach

Klitschkos Gegner verzichtet auf Sex und Alkohol

Der unbesiegte Pole Mariusz Wach übte sich in monatelanger Askese, um sich seinen großen Traum zu erfüllen. Er will den Schwergewichts-Weltmeister aus der Ukraine nach acht Jahren vom Thron boxen.

Von Gunnar Meinhardt
Foto: Bongarts/Getty Images

Box-Weltmeister Wladimir Klitschko präsentiert sich beim Wiegen vor seiner Titelverteidigung am Samstag in Hamburg gegen den Polen Mariusz Wach in blendender körperlicher Verfassung.

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Es ist ein ungewöhnliches Bild. Da steht nun dieser Mariusz Wach in voller Körpergröße, der nächste Herausforderer von Wladimir Klitschko, und schaut auf den Boxweltmeister herab. Das ist dem Champion in seiner Karriere noch nie widerfahren. Weder in seinen bisher 21 Kämpfen um die Weltmeisterschaft, noch in den restlichen 40 Duellen als Preisboxer. Bislang überragte Klitschko jeden seiner Gegner – manchmal um Haupteslänge, manchmal nur um wenige Zentimeter.

Wenn der Ukrainer nun am Samstag (22.45 Uhr, RTL) in der Hamburger Arena seine WM-Gürtel der World Boxing Association (WBA), World Boxing Organization (WBO) und der International Boxing Federation (IBF) verteidigt, muss er erstmals zu einem Rivalen aufschauen. Wach ist 2,02 Meter groß, vier Zentimeter größer als Klitschko.

Erinnert an Iwan Drago in "Rocky"

"Die Herausforderung für mich ist seine Körpergröße", sagt Klitschko dann auch. Wach besitzt zudem auch noch eine um zwei Zentimeter größere Reichweite als der Titelverteidiger. Die Frage ist allerdings: Wie effektiv kann er seine Größenvorteile einsetzen? Bislang gelang dies dem Polen, der in seinem Auftreten an Iwan Drago aus dem vierten Teil der "Rocky"-Filmreihe erinnert, recht passabel. Sein Kampfrekord weist noch keinen Makel auf. Echten Härteprüfungen unterzog er sich allerdings noch nicht.

Einziger namhafter Konkurrent in seiner Kampfbilanz ist Kevin McBride. Den Insidern des Metiers dürfte der Ire noch bekannt sein als Gegner der glücklosen deutschen Schwergewichtshoffung Axel Schulz, dem er vor 15 Jahren in der Berliner Max-Schmeling-Halle durch Technischen K.o. in der neunten Runde unterlag. Wirklich aufhorchen ließ McBride nur einmal, als er Mike Tyson im Juni 2005 ausknockte und damit die Laufbahn des jüngsten Schwergewichtsweltmeisters der Geschichte beendete.

Temporäre Trennung von der Verlobten

Dass Wach zu "100 Prozent auf den wichtigsten Kampf meines Lebens" vorbereitet ist, dürfte keine der in dieser Branche oft gängigen Floskeln sein. Er habe, wie er sagt, "seit zwei Jahren alles auf eine Karte gesetzt". Die Konsequenz, mit der er sich seiner Profikarriere verschrieb, ist in der Tat bemerkenswert.

Nicht nur, dass er angeblich seit fünf Monaten auf Sex, Alkohol und Süßigkeiten verzichtet. Der Asket trennte er sich auch temporär von seiner in Warschau beheimateten Verlobten und dem zweijährigen Söhnchen Oliver, dessen Porträt er als riesiges Tattoo auf seiner mächtigen Brust trägt, und zog in die USA, genauer in den US-Bundesstaat New Jersey. Dort gebe es für ihn wesentlich bessere Trainingsbedingungen und eine viel größere Auswahl an Sparringspartnern als in Europa.

Zeit für gemeinsame Stunden mit der Familie und Abkehr vom stressigen Trainingsalltag bot sich in den zurückliegenden Monaten nur zweimal für wenige Tage. Wachs Lebensgefährtin bemühte sich bisher vergeblich um das für einen längerfristigen Aufenthalt in Übersee notwendiges Visum. Ein Titelgewinn gegen Klitschko könnte die Türen der amerikanischen Behörden möglicherweise schneller öffnen.

Auch deshalb steigt Wach bis über beide Ohren motiviert in den Ring, denn mittlerweile kann er sich ein ständiges Leben in den Vereinigten Staaten durchaus vorstellen. Dafür habe er sich auch gequält wie einst Rocky Balboa in dem gleichnamigen Kultfilm, dessen Hauptdarsteller Sylvester Stallone den Kampf am Samstag aus der ersten Reihe verfolgen wird.

Klitschko als Attrappe im Schlafzimmer

Fünf Uhr klingelte bei Wach jeden Morgen der Wecker, dreimal täglich verordnete ihm sein Trainer Juan DeLeon schweißtreibende Übungen. Klitschko war dabei immer allgegenwärtig – als Pappkamerad. Die Attrappe schaute ihm beim Essen über die Schulter, zog mit im gar ins Schlafzimmer und fehlte natürlich auch nicht beim Training.

"So habe ich ihn immer gesehen, es war eine ständige psychische Auseinandersetzung, die meiner mentalen Einstellung auf den Kampf sehr gut tat", versicherte der Mann mit dem extrem ausladenden Kinn. Höhepunkt seiner Klitschko-Manie war das öffentliche Abschlusstraining in Hamburg, als er auf Gesicht des Weltmeisters einprügelte, das sein Trainer als Fotokopie auf seine Pratzen geklebt hatte.

Mit markigen Sprüchen hält sich der der gebürtige Krakauer ansonsten zurück, was äußerst ungewöhnlich für das vom Ballyhoo lebende Boxbusiness ist. Wach gibt sich eher bescheiden und höflich. Er sei schließlich nicht nur von seinen Eltern gut erzogen worden, begründete er seine verbale Besonnenheit, sondern es sei ja auch niemand aus dem Umfeld von Klitschko da, der die Atmosphäre anheize. Als einziges ging dem Hünen im pastoralen Ton über die Lippen, dass "Klitschko viele harte Treffer kassieren wird, bis ich ihn schließlich ausknocke. Ich werde der erste Schwergewichtsweltmeister aus Polen sein".

Die Größe allein reicht nicht für ein Wunder

Drei seiner Landsmänner versuchten in der Königsklasse bislang vergeblich, den begehrtesten aller Titel im Preisboxen zu erkämpfen. Andrzej Golota scheiterte gleich viermal, Albert Sosnowski und Tomasz Adamek wurden jeweils einmal gestoppt. Für die beiden Letzteren erwies sich Wladimirs fünf Jahre älterer Bruder Vitali – Weltmeister des Verbandes World Boxing Council (WBC) – als unüberwindlicher Bremsklotz.

Mariusz Wach möchte natürlich die Niederlagenserie beenden. Groß genug im metrischen Sinne ist er dafür. Mit seinen 32 Jahren ist er auch vier Jahre jünger als der seit Herbst 2004 unbesiegte Weltmeister. Und mit 113,8 Kilogramm wiegt er auch knapp vier Pfund mehr als Wladimir Klitschko.

Das allein genügt aber ganz sicher nicht, das Wunder von Hamburg zu vollbringen. Denn nichts anderes wäre es, sollte er Klitschko vom Thron stoßen. Über Nacht würde er dann genauso ins Rampenlicht rücken wie einst der Amerikaner James "Buster" Douglas. Bis heute gilt dessen K.o.-Triumph gegen Mike Tyson vor 22 Jahren in Tokio als die größte Sensation im Profiboxen. Douglas übrigens überragte "Iron Mike" auch – allerdings gleich um 14 Zentimeter.

Quelle: Reuters
06.11.12 1:29 min.
Box-Weltmeister Wladimir Klitschko trifft bald auf seinen Herausforderer Mariusz Wach. Der Pole weist eine perfekte Bilanz von 27 Siegen in 27 Kämpfen vor. Für den Kampf ist er sehr dankbar.
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