08.11.12

Box-Weltmeister

Wladimir Klitschko – "Rocky Balboa lebt in mir"

Box-Weltmeister Wladimir Klitschko im Interview der Berliner Morgenpost: Vor seinem Kampf am Samstag gegen den Polen Mariusz Wach spricht er über sein Musical, über Frauen und die Liebe als große Motivation.

Foto: pa/dpa, Getty Images/dpa-Boris_Roessler, John Bryson/Time Life Pictures/Getty Images
Klitschko, Rocky
Beide haben Grund zum Jubeln: Schwergewichtler Wladimir Klitschko (l.) als wahrer Boxweltmeister und Schauspieler Sylvester Stallone, als Champion "Rocky" im gleichnamigen Film

Erst die Weltmeistertitel verteidigen und dann ab auf die Showbühne. An den nächsten beiden Wochenenden steht für Wladimir Klitschko in Hamburg gleich zweimal im Rampenlicht. Nach dem WM-Kampf am Samstagabend (22.45 Uhr, RTL) gegen den unbesiegten Polen Mariusz Wach (32) wird das vom Schwergewichtschampion der Verbände World Boxing Association (WBA), World Boxing Organization (WBO) und International Boxing Federation (IBF) mitproduzierte Musical "Rocky" seine Weltpremiere feiern.

Berliner Morgenpost: Herr Klitschko, wovor sind Sie mehr aufgeregt, vor Ihrer Titelverteidigung oder der Premiere des Musicals?

Wladimir Klitschko: Wir arbeiten seit drei Jahren an dem Musical, da wird die Aufregung natürlich immer größer, je näher die Uraufführung rückt. Aufgeregt bin ich aber vor beidem. Beides ist eng miteinander verbunden, zumal beides in einer Stadt stattfindet und es um den gleichen Sport geht. Der Kampf ist deshalb auch das Warm up fürs Musical. Beides passt wie die Faust aufs Auge.

Berliner Morgenpost: Wie kamen Sie und Ihr Bruder Vitali auf die Idee, "Rocky" als Musical auf die Bühne zu bringen.

Klitschko: Die Ursprungsidee hatten nicht wir, sondern Stage Entertainment, ein in Hamburg ansässiger Veranstalter. Die sprachen uns an, was wir von der Idee halten würden. Ich war sofort begeistert und habe daraufhin mit "Rocky" persönlich Kontakt aufgenommen.

Berliner Morgenpost: Sie meinen mit Sylvester Stallone, der die Filmfigur verkörpert.

Klitschko: Ja. Ich war damals noch mit Hayden (US-Schauspielerin Hayden Panettiere – d.R.) zusammen und deshalb oft in Los Angeles. Dadurch ergab er sich, dass ich mich mit Sylvester Stallone allein in dessen Büro traf. Fast auf den Tag genau vor drei Jahren saßen wir zum ersten Mal eine Stunde zusammen. Er sagte mir, dass er das schon immer machen wollte und auch mehrmals versucht hatte, Interessenten für ein Musical zu finden. Doch es funktionierte nie.

Berliner Morgenpost: Wie lief die Zusammenarbeit mit Stallone?

Klitschko: Unkompliziert von der ersten Sekunden an. Ich weiß nicht, warum, aber er sagte: "Das gefällt mir. Ich habe gewusst, das Rocky weiterleben muss in Form eines Musicals. Denn nach sechs Folgen ist der Charakter eigentlich tot. Durch das Musical kann er wiederbelebt werden." Zum Schluss sagte er: "Let's do it." Woraufhin ich erwiderte: "Let's do it." Wir kannten uns schon vorher, er wusste, mit wem er sprach, deshalb lagen wir auch gleich auf einer Wellenlänge.

Berliner Morgenpost: Warum starten Sie mit der Aufführung in Deutschland?

Klitschko: Weil Deutschland zu den größten Musicalmärkten der Welt gehört. Wenn das Musical ein Erfolg wird, soll es auch in London und am Broadway in New York aufgeführt werden.

Die Welt: Welchen Part übernehmen Sie und Ihr Bruder im Musical?

Klitschko: Mitspielen werden wir nicht. Das stand auch nicht zur Diskussion, denn um ernsthaft mitzuwirken, musst du schon ausgebildeter Schauspieler sein. Außerdem gibt es an manchen Tagen zwei Aufführungen, das wäre alles etwas viel.

Berliner Morgenpost: Wir haben Sie doch aber auch schon als Schauspieler erlebt – beispielsweise im US-Kinofilm "Ocean's Eleven" oder in den deutschen Produktionen "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken".

Klitschko: Nun gut, ich bin mal da, mal dort, teste verschiedene Möglichkeiten aus. In diesem Jahr war ich auch beim Dreh von "Pain and Gain" in Florida. Das ist eine Actionkomödie, die mein Freund Michael Bay produziert. Aber nein, große Pläne zu schauspielern, die habe ich nicht. Ich würde aber gern in einer Band spielen. Doch noch habe ich große Pläne als Boxer, und zwar möchte ich noch sehr lange Boxweltmeister bleiben.

Berliner Morgenpost: Wie sind Sie nun in das Musical involviert?

Klitschko: Wir sind Co-Produzenten und agieren als Boxexperten. Wir sind verantwortlich für die Authentizität der Aufführung aus boxerischer Sicht. Es geht bei "Rocky" ja nicht nur um Liebe und Leidenschaft, sondern auch um Sport. Die Technologie des Boxrings, der einmal die Decke eines Wohnzimmers ist, dann als Projektionsleinwand dient und schließlich ins Publikum gefahren wird, ist wirklich der Hammer. Die Zuschauer werden begeistert sein. Denn das Publikum sitzt rund um die Bühne, wie bei einem richtigen Boxkampf.

Berliner Morgenpost: Wie würden Sie die Lebens- und Liebesstory von "Rocky" beschreiben, dem Boxer, der aus dem Nichts kommt, sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzt und Erfolg hat?

Klitschko: "Fight for your heart" – das ist der Slogan. Das heißt, kämpfe für deine Liebe, für deinen Job, für dich selbst, für deine Kinder, deine Eltern. Und: Wenn du etwas machst, musst du es mit dem Herzen tun, dann wirst du erfolgreich sein. Wichtig ist aber auch: Ohne Liebe geht es nicht. Ohne die Liebe von "Rocky" zu seiner Adrianna hätte er es nicht bis ganz nach oben geschafft. Jeder von uns kennt das Gefühl, vor einer Aufgabe zu stehen, von der er glaubt, sie nicht bewältigen zu können, doch er schafft es, weil ihm die Liebe zu einer Frau zusätzliche Motivation gibt. Ich bin mir sicher, jeder Besucher des Musicals wird motiviert nach Hause gehen.

Berliner Morgenpost: Lenkte die Arbeit am Musical nicht von der Kampfvorbereitung ab?

Klitschko: Nein, überhaupt nicht. Ich war ja nicht in tägliche Prozesse involviert.

Berliner Morgenpost: Trotzdem ist der Erfolgsdruck nun noch größer? Sich bei der Premiere dieses Musicals als Verlierer zu präsentieren, das geht doch nicht.

Klitschko: Wissen Sie, ich trage große Verantwortung für meine Familie, für meinen verstorbenen Trainer Emanuel Steward, für die fünf Titel, die ich zu verteidigen habe, für mich selbst, dass ich unbeschadet aus dem Ring komme. Ich denke darüber nicht groß nach. Ich bin es gewohnt, mit viel Druck umgehen zu müssen.

Die Welt: Warum begeistern Sie sich so für die Idee dieses Musicals?

Klitschko: Weil ich ein Fan von "Rocky" bin. Noch heute bekommen ich Gänsehaut, wenn ich den Song "Eye of the tiger" höre. Da muss ich aufstehen und etwas tun. Die Geschichte ist ein Klassiker, die kennt doch, glaube ich, jeder. Ich trage den Rocky Balboa in mir. Das geht aber sicher nicht nur mir so. Denn jeder Mensch muss in seinem täglichen Leben Schwierigkeiten meistern. Ich habe alle sechs "Rocky"-Filme gesehen, der erste erschien, als ich geboren wurde.

Berliner Morgenpost: Die einst kommunistische Ukraine ist seit 1991 unabhängig. War es denn vorher schon möglich, in Ihrem Land die "Rocky"-Filme zu sehen?

Klitschko: Ja. Bei uns gab es Videotheken mit kleinen Räumen, wo wir heimlich die Filme anschauten. Das war verdammt spannend, denn offiziell erlaubt war das nicht. So haben Vitali und ich auch einige "Rambo"-Filme und Filme mit Arnold Schwarzenegger und Bruce Lee gesehen.

Berliner Morgenpost: Im ersten Film sagt "Rocky": "Wer boxt, muss ein Spinner sein."

Klitschko: Wahrscheinlich bin ich einer (lacht). Ein bisschen verrückt musst du auf jeden Fall sein, wenn du dir hohe Ziele setzt. Jeder Beruf hat unangenehme Seite. Journalisten lassen sich kaufen, Politiker sind Lügner, Sportler sind dumm, männliche Sänger sind schwul, weibliche Tennisspielerinnen sind lesbisch – also es gibt Klischees in jedem Job. Doch das ist geschenkt, ich kann nur sagen: "Tu etwas, was dir Spaß macht, und versuche, damit glücklich zu werden." Ich bin es.

Berliner Morgenpost: Motivierten Sie die "Rocky"-Filme, Boxer zu werden?

Klitschko: Nein, ich fand ihn nur cool. Mich faszinierte, was er für ein starker Kämpfertyp er war. Bei Vitali war das anders, er wurde durch "Rocky" zum Boxen verleitet.

Berliner Morgenpost: Sie sagten, dass "Rocky" in Ihnen lebt, das Gleiche behauptet Ihr nächster Gegner auch von sich.

Klitschko: Dann werden sich am Samstagabend zwei Rockys im Ring gegenüberstehen

Berliner Morgenpost: Und wer gewinnt?

Klitschko: Der Stärkere, der Schnellere, der Erfahrenere, der Schlauere. Meinen Sie, dass ich meinen Job einfach nur so ausübe, mich hinstelle, um zu verlieren? Ich habe genug verloren. Den bitteren Beigeschmack einer Niederlage werde ich nie verlieren, das motiviert mich. Ich muss siegen, dass bin ich auch Emanuel Steward schuldig.

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