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22.10.12UCI-Präsident
McQuaid - "Armstrong verdient es, vergessen zu werden"
Der beispiellosen Karriere folgte ein beispielloser Absturz: Der Radsport-Weltverband erkennt Lance Armstrong alle sieben Tour-Titel ab.
Von Jens Hungermann
Foto: DAPD
UCI-Präsident Pat McQuaid
Pat McQuaid kann sich noch gut an den Beginn seiner Präsidentschaft im affärenumtosten Radsport-Weltverband UCI erinnern. 2005 war das, und der Job schien schon damals nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig. Der Ire war just im Amt, als er nach der Schlussetappe der Spanien-Rundfahrt zu einem Abendessen reiste. Mit Wonne ehrte McQuaid dort den Sieger Roberto Heras vom famosen Liberty-Seguros-Rennstall – um eine Woche später die Nachricht zu vernehmen, Heras sei positiv auf das Blutdopingmittel Epo gestestet worden.
"Ich hatte sieben ziemlich entsetzliche Jahre als Präsident", sprach McQuaid Montagmittag im "Hotel Starling" in Genf in die Mikrofone und zählte die prominentesten Dopingfälle im Radsport seit 2005 auf (was eine Weile in Anspruch nahm): "Aber ich bin immer noch optimistisch, dass sich die Dinge im Peloton verändert haben."
Den größten, den alles überstrahlenden Namen hatte die UCI wenige Minuten zuvor offiziell aus den Siegerlisten getilgt und seinen Träger lebenslang gesperrt: Lance Armstrong (41), zwischen 1999 und 2005 jedes Jahr Erstplatzierter der Tour de France, ist ab sofort nicht mehr siebenmaliger Sieger des bedeutendsten Etappenrennens der Welt. Er ist ein Nichts – zumindest, wenn es nach McQuaid und seinem Verband geht, der mit seiner Maßnahme jener der US-amerikanischen Antidopingagentur Usada folgte. "Lance Armstrong hat keinen Platz mehr im Radsport. Er hat es verdient, vergessen zu werden."
Vom Mythos zum Nichts
Die Aberkennung all seiner Titel, die ihn zu einem Mythos weit über den Radsport hinaus gemacht haben, ist der vorläufige Tiefpunkt in der exponierten Athletenkarriere des Texaners. Zu Fall gebracht hat ihn die Usada mit ihrer Hartnäckigkeit und ihrem mutigen Chef Travis T. Tygart an der Spitze, der sogar Morddrohungen erhielt. Nach dem Studium der Ermittlungsergebnisse ist nicht einmal die ihre Stars für gewöhnlich nach Kräften protegierende Union Cycliste Internationale (UCI) umhin gekommen, Armstrong mit einem satten Tritt aus der Radsportfamilie zu verstoßen.
Dabei bleiben viele Fragen offen. So nach der Rolle des Weltverbandes in jenen Jahren, in denen "Doping zur Kultur des Pelotons gehört hat". Zwar widerspricht der Präsident vehement einer Mitverantwortung oder gar Mittäterschaft der UCI, auch unter seinem dubiosen Vorgänger Hein Verbruggen. Dennoch wirkt es fast putzig, wenn er etwa in Armstrongs Spende an den Verband von weit mehr als 100.000 US-Dollar vor rund zehn Jahren nichts Anrüchiges erkennen mag.
Wie es um die Nähe bestellt gewesen ist, illustriert eine Aussage des früheren Armstrong-Helfers Tyler Hamilton (41). Hamilton berichtete der Usada von einem Telefongespräch, das der Fahrer Floyd Landis am 10. Juni 2004 belauscht hatte. Hamilton war an jenem Tag im Trikot des Armstrong-Konkurrenzteams Phonak bei der Dauphine Libere am Mont Ventoux Zweiter hinter dem Spanier Iban Mayo geworden, woraufhin Armstrong außer sich vor Wut den damaligen UCI-Boss Hein Verbruggen angerufen haben soll. Sinngemäß habe Armstrong gefordert: "Ihr müsst diese Kerle erwischen, die sind nicht normal!"
Kurz nach dieser Etappe erhielt Hamilton nach eigenen Angaben Post von der UCI mit einer Vorwarnung: Es seien bei ihm, Hamilton, "abnormale Blutprofile" festgestellt worden. Man werde ihn im Auge behalten.
"Wenn du Stars hast, nutzt du sie"
Auch Jörg Jaksche (36) hat seine ganz speziellen Erfahrungen gemacht mit dem Radsport-Weltverband. Nachdem der deutsche Profi Anfang Juli 2007 seine Karriere als Doper via "Spiegel" minutiös offenbart und der österreichische Verband als Lizenzgeber ihn für ein Jahr gesperrt hatte, legte die UCI Einspruch ein und lud Jaksche in die Zentrale nach Aigle. Hören mochten sie dort allerdings nicht alles und vor allen Dingen nicht tiefer graben, so kam es Jaksche vor.
"Ich glaube, dass die Konsequenz daraus, mich mundtot zu machen und sich einen Einzelnen herauszupicken als Schuldigen, für die UCI deutlich weniger aufwendig war, als gegen Ärzte, Teamverantwortliche und Funktionäre vorzugehen", sagte Jaksche der "Welt". Er sieht auch die plötzliche Offenheit vieler früherer oder aktueller Profis kritisch: "Mir kommt es so vor, als versuchten Leute wie Millar oder Vaughters, an die Spitze einer Antidopingbewegung zu gelangen, um möglichst wenig selber hinterfragt zu werden." Die Entscheidung zu dopen hätten all jene, die es unter Armstrong getan haben, nicht treffen müssen, sagt er: "Jeder hat ein Gehirn. Aber jeder hat auch ein Bankkonto."
Pat McQuaid unterdessen will die Nähe zu den Stars der Szene auch weiterhin suchen, denn: "Wenn du Stars hast in einem Sport, dann nutzt du sie, um den Sport zu promoten. Wenn einer sich dann als Betrüger herausstellt, ist das sehr traurig, sehr enttäuschend."
Präsident denkt nicht an Rücktritt
Immerhin eines versuchte McQuaid in seinen von Trotz durchmischten Statements ("Ich habe nicht die Absicht, als UCI-Präsident zurückzutreten") nicht zu kaschieren: dass der Straßenradsport unter den Nachwirkungen einer zweifelsfrei vorhandenen Dopingmentalität ächzt. Heute, glaubt der Ire beobachtet zu haben, hätten die Fahrer grundsätzlich eine gänzlich andere Einstellung als seinerzeit in der Armstrong-Ära. Profis wie David Millar würden bezeugen, dass sich die Kultur geändert habe.
McQuaid wähnt den Profiradsport auf einem guten Wege und warb um Unterstützung für einen "Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Der Radsport hat viele Fortschritte gemacht. Es ist ein schmerzhafter Prozess, mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden. Aber unsere Stakeholder und Fans können versichert sein, dass wir einen Weg für die Zukunft finden werden". Der Radsport sei, so der Präsident, "zu weit gekommen im Antidopingkampf um in die Vergangenheit zurückzukehren. So etwas soll nie wieder vorkommen".
McQuaids Behauptung, der Weltverband bewege sich an der Spitze der weltweiten Antidopingbewegung, mögen nicht alle Experten so stehen lassen.
Der Australier Michael Ashenden etwa gehörte bis zum Frühjahr zu einem Gremium von Antidopingexperten der UCI (das sich gleichwohl nur sporadisch traf). Vor ein paar Jahren hätte er den Verband noch als weltweit führend eingeordnet, sagte Ashenden dem "Telegraph", "aber heute, denke ich, sind sie weit zurückgefallen". Natürlich habe die UCI das Instrument des Blutpasses eingeführt, "das sonst nur eine Handvoll anderer Sportarten haben. Das ist ihr Glaubwürdigkeitspfand. Doch auf der anderen Seite haben sie nicht einen Ermittler, um Dopingverdachtsfälle zu auszuwerten und nachzuverfolgen. Nicht mal eine Hotline haben sie, soweit ich weiß. Sogar die Major League Baseball hängt die UCI auf diesem Gebiet ab".
Vielleicht mag das daran liegen, dass McQuaid und sein Verband glauben: "Eine solche ausgeklügelte Dopingszene wie damals gibt es heute nicht mehr." 7,5 Millionen Euro pro Jahr gebe die UCI für Antidopingmaßnahmen aus. Dennoch sei an dem Fall Armstrong "sehr deutlich zu sehen, dass es ohne die Hilfe der Polizei nicht möglich gewesen wäre. Wir von der UCI haben nicht die gleichen Instrumente".
24. Juli 2005
Armstrong gewinnt zum siebten Mal die Tour de France und beendet danach seine Karriere.
23. August 2005
Die französische Sportzeitung "L'Equipe" berichtet, dass in sechs Urinproben Armstrongs aus dem Jahr 1999 das Dopingmittel Epo nachgewiesen wurde. Die Proben waren eingefroren worden und konnten dem Bericht zufolge eindeutig Armstrong zugeordnet werden. Epo ist erst seit 2001 nachweisbar.
31. Mai 2006
Eine vom Weltverband UCI eingesetzte Kommission spricht Armstrong von den 1999er Doping-Vorwürfen frei. Die weltweite Anti-Doping-Agentur Wada nennt den UCI-Bericht "fast schon lächerlich".
9. September 2008
Armstrong kündigt sein Comeback an, verpasst im folgenden Jahr als Drittplatzierter aber den erhofften achten Triumph. 2010 wird er gar nur enttäuschender 23.
2. Oktober 2008
Die französische Anti-Doping-Agentur AFLD schlägt Armstrong vor, die sechs Proben der Tour 1999 nochmals zu testen. Der US-Amerikaner lehnt das ab.
20. Mai 2010
Armstrongs ehemaliger Teamkollege Floyd Landis gibt öffentlich zu, die meiste Zeit seiner Karriere gedopt zu haben und beschuldigt Armstrong des Dopings. Der nennt Landis einen "Lügner".
26. Mai 2010
Die US-Behörden kündigen an, die Ermittlungen gegen Armstrong auszuweiten. Es geht nicht nur um die Einnahme unerlaubter Mittel, sondern auch um die Frage, ob Sponsorengelder des Postdienstleisters US Postal für Dopingmittel missbraucht wurden.
16. Februar 2011
Armstrong erklärt sein endgültiges Karriereende.
20. Mai 2011
Tyler Hamilton ist der nächste Ex-Teamkollege, der schwere Doping-Vorwürfe erhebt. "Ich sah Epo in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat", sagt der Zeitfahr-Olympiasieger von 2004 dem TV-Sender CBS.
4. Februar 2012
Die US-Staatsanwaltschaft stellt ihre Doping-Ermittlungen gegen Armstrong überraschend ein.
12. Juni 2012
Die US-Anti-Doping-Agentur Usada erhebt schwere Vorwürfe. Proben Armstrongs von 2009 und 2010 sollen "vollkommen mit Proben übereinstimmen, an denen Blutmanipulation, inklusive Epo und/oder Blut-Transfusionen vorgenommen wurden." Armstrong, mittlerweile Triathlet, wird für alle Wettbewerbe gesperrt.
20. August 2012
Armstrong scheitert mit einer Klage gegen das Vorgehen der Usada, ein Gericht in Austin erklärt die Ermittlungen für rechtens.
24. August 2012
Armstrong teilt mit, dass er den Kampf gegen die Anschuldigungen aufgibt und sich auf seine Stiftung Livestrong konzentrieren will. Die Usada sperrt ihn daraufhin lebenslang.
10. Oktober 2012
Die Usada veröffentlicht mehr als 1000 Seiten Anschuldigungen gegen Armstrong. Enthalten sind 26 Zeugenaussagen, 15 von früheren Fahrern. Auch Ex-Teamkollegen sagten aus. Die Usada spricht vom "ausgeklügelsten, professionellsten und erfolgreichsten Dopingprogramm, das der Sport jemals gesehen hat".
12. Oktober 2012
Tour-Chef Christian Prudhomme spricht sich dafür aus, Armstrongs Tour-Siege nicht neu zu vergeben.
22. Oktober 2012
Die UCI erkennt Armstrong alle sieben Siege bei der Tour de France ab.
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