Schriftgröße: A A A
Logo der Berliner Morgenpost
http://www.morgenpost.de/sport/article1099324/Bei_Hertha_BSC_kracht_es_an_allen_Ecken_und_Enden.html
Link in E-Mail oder Instant-Message einfügen close

Fussball-Bundesliga

Bei Hertha BSC kracht es an allen Ecken und Enden

Nach dem enttäuschenden Saisonende und der verspielten Champions-League-Teilnahme brodelt es bei Hertha BSC: Es gibt Unstimmigkeiten in der Mannschaft und kein Geld für Transfers. Zwischen Trainer und Manager stimmt es nicht, und die Eiszeit in der Klubführung sorgt für Handlungsunfähigkeit.

Frustriert nach der 0:4-Pleite in Karlsruhe: Hertha-Verteidiger Josip Simunic
Foto: DPA
Frustriert nach der 0:4-Pleite in Karlsruhe: Hertha-Verteidiger Josip Simunic

Zu betrachten war die schöne heile Hertha-Welt. Der Saal 1 des ICC war festlich geschmückt. Wer zur Mitgliederversammlung des Berliner Bundesligisten gekommen war, spendete einer Mannschaft wohlwollenden Applaus, die die Saison auf Platz vier beendet hat und damit für die Europa League qualifiziert ist. Es waren die Stunden der warmen Worte. Manager Dieter Hoeneß dankte Christian Fiedler, der nach 19 Jahren im Hertha-Tor in den Trainerstab wechseln wird.

Anzeige

Erst recht emotional wurde es bei der Verabschiedung von Marko Pantelic. Der Torjäger und Publikumsliebling dankte nach vier Jahren „den Jungs dieser Mannschaft, dem Trainerstab und Hertha BSC“. Den Blick zurück tauschte Torwart Jaroslav Drobny mit dem Richtung Zukunft: „Ich möchte nur sagen: Nächste Saison müssen wir besser sein.“ Josip Simunic präzisierte dieses Versprechen nach enthusiastischem, minutenlangem Beifall: „Irgendwann wird Hertha BSC Deutscher Meister.“

So weit, so üblich verlief die Mitgliederversammlung unter dem Funkturm. Doch die Hochglanz-Oberfläche darf nicht täuschen. Darunter brodelt es. Das unbefriedigende Saisonende mit dem 0:0 gegen Schalke 04 und dem 0:4 am letzten Spieltag beim Karlsruher SC legt offen, wo es hakt. Die Kräfte, die da wirken, sind gewaltig. Es gibt Unstimmigkeiten in der Mannschaft. Zwischen Trainer und Manager stimmt es nicht, zwischen Manager und Präsidium stimmt es ebenso wenig. Um genauer zu sein: Hertha BSC steht vor einer Zerreißprobe.

Beispiele dafür gibt es genügend. Nicht immer sind sie so offensichtlich wie jener Brief, mit dem die Geschäftsstellen-Mitarbeiter im April das Präsidium scharf kritisiert hatten. Manchmal gewähren auch Kleinigkeiten Blicke auf die Klüfte, die sich zwischen den einzelnen Fraktionen aufgetan haben.

So soll es in der Halbzeitpause des KSC-Spiels einen Eklat um Cicero gegeben haben. Der Brasilianer beschwerte sich demnach heftig über einige Kollegen. Er schimpfte, er habe eine Gelbe Karte kassiert, weil ihn niemand unterstütze. Er ließ sich überhaupt nicht mehr beruhigen. Michael Preetz, Leiter der Lizenzspieler-Abteilung griff handfest ein und zog Cicero beiseite. Trainer Lucien Favre verfügte, Cicero werde ausgewechselt. Ein anderer Profi steuerte auf der Rückreise eine kaum glaubliche Aussage zum Schlüsselspiel in Karlsruhe bei: „Einige Spieler waren schon im Urlaub.“

Überhaupt lagen die Nerven nach dem Desaster blank. So erstaunte Vizepräsident Jörg Thomas dem Vernehmen nach beim Rückflug von Baden-Baden mit einer Attacke gegen Dieter Hoeneß. Der Anlass war auch hier vergleichsweise banal: Es ging um die Verteilung von Karten im Stadion. Doch so offene Kritik vor aller Augen und Ohren am Vorsitzenden der Geschäftsführung gab es bisher nicht.

Hoeneß will weitermachen

All das sind keine entscheidenden Sachverhalte, aber Indizien. Hinweise darauf, dass es ein erhebliches Potenzial für Unzufriedenheit gibt. Im Zentrum der Probleme steht Manager Dieter Hoeneß. Wer dachte oder hoffte, der 56-Jährige würde Herthas bestes Saisonergebnis seit dem Wiederaufstieg 1997 nutzen und auf dem Höhepunkt seines laut Vertrag im Juni 2010 endenden Wirkens vorzeitig von all seinen Ämtern und Aufgaben zurücktreten, der wurde enttäuscht.

Nach außen bemüht sich Hoeneß um die Zurschaustellung einer intakten Fassade seines Verhältnisses zum Trainer. So sagte er am Sonntag: „Dank an den Trainer. Er hat exzellent gearbeitet. Er hat die hohen Erwartungen nicht nur erfüllt. Er hat eine Mannschaft mit Charakter geformt. Wenn es bei jemandem stimmt, dass er Spieler jeden Tag besser macht, dann ist es bei Favre.“

Dahinter sieht es jedoch anders aus. Es gibt wenige Themen, bei denen Hoeneß und Favre auf einen Nenner kommen. So lobte der Manager vor den Mitgliedern: „Wir haben hervorragende Scouts.“ Der Trainer sieht das anders. Hoeneß verabschiedete Pantelic mit Worten, die sonst eher bei Vertragsverlängerungen benutzt werden. „Meine Position zu Marko ist bekannt. Er ist ein Junge, der mich sehr beschäftigt hat, in jeder Hinsicht. Er ist ein außergewöhnlicher, unberechenbarer Typ. Er fasziniert die Massen. Danke Marko.“ Favre hingegen ist überzeugt, dass die Mannschaft mit Pantelic nicht sinnvoll zu entwickeln ist.

Noch steht kein Transfer

Die nächste Aufgabe ist die Zusammenstellung des Kaders für die Spielzeit 2009/10. Seit seinem Amtsbeginn mahnt der Trainer an, rechtzeitig genügend Informationen über potenzielle Neue zu sammeln. Mittlerweile ist Ende Mai, bisher steht kein einziger Transfer. Dieter Hoeneß hingegen verweist darauf, dass seit Jahren die Wechsel immer später in der Transferperiode zustande kommen.

Andrey Voronin ist ein Beispiel dafür, dass so etwas gut ausgehen kann. Andre Lima, im Sommer 2007 für 3,5 Millionen Euro geholt, ist ein Beispiel, dass so etwas schlecht ausgehen kann. Lucien Favre findet, dass sich der Verein mit Blick auf seine knappe Kasse solche Fehlgriffe nicht leisten kann. Hoeneß wird es öffentlich nie einräumen, aber die Durchsetzungsfähigkeit des Trainers ist ihm unheimlich.

Favre hingegen fragt sich, wie Hertha weiter entwickelt werden kann: Der Personaletat wird von 33,6 auf 28 Millionen Euro sinken. Dazu muss ein Transferüberschuss von fünf Millionen Euro erzielt werden. Parallel rüstet die Konkurrenz fleißig auf.

Zerbrochene Männerfreundschaft

Zwischen Präsident Werner Gegenbauer und Hoeneß ist die Männerfreundschaft zerbrochen an der Frage: Wie sieht die angemessene Außendarstellung für Hertha BSC aus? Seither wird zwar miteinander geredet. Das Vertrauen allerdings ist dahin. Hoeneß kritisiert, wie der Präsident seine Nachfolge in der Geschäftsführung vorbereitet. Misstrauisch registriert Hoeneß, dass Gegenbauer, Preetz und Favre längst eine Allianz gebildet haben.

So ist es in vielen Punkten. In der Summe verdammt diese Situation Hertha zur Handlungsunfähigkeit. Ein Zustand, den sich der Verein in der Liga aber überhaupt nicht leisten kann.

Die Mitgliederversammlung war mit Spannung erwartet worden. Hertha BSC hat eine heile Welt vorgezeigt. Die wirklich kritischen Themen sind jedoch gar nicht diskutiert worden. Das hat für einen gemütlichen Nachmittag gesorgt – die Zukunft ist darüber vertagt worden.

Doch der Hauptstadt-Klub darf sich nicht täuschen. Viel Zeit bleibt nicht. Stillstand in der Bundesliga bedeutet Rückschritt. Das wäre eine fatale Entwicklung, gerade nach der Euphorie, die der Verein diese Saison in der Hauptstadt hat entfachen können. In dieser schwierigen Zeit steht Hertha vor schwierigen Entscheidungen – die wichtigste ist die nach der Besetzung der Geschäftsführung. Die Antwort darauf muss das Präsidium geben.

Anzeige
Anzeige
Berliner Morgenpost
Berliner Morgenpost abonnieren
MORGENPOST.TV - Die Berlin-News
Erziehung
Viele Kinder wollen auf Sekundarschule
Kalenderblatt