WM-Qualifikation
Wie Kanzlerin Merkel der Nationalelf zur Seite steht
Die Regierungschefin wird auch beim Schweden-Spiel zu Deutschlands erstem Fan. Für das Team ist das jedes Mal ein besonderes Erlebnis.
Die Krise in Europa wird auch ein Thema sein. So ist das nun mal, wenn Regierungschefs in diesen Zeiten zusammentreffen. Daher kommt es Bundeskanzlerin Angela Merkel sicher entgegen, dass sie bei ihrem Treffen mit Schwedens Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt am heutigen Dienstagabend die Chance für ein wenig Abwechslung hat. Merkel und Reinfeldt schauen sich im Olympiastadion das WM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Schweden (20.45 Uhr, ARD) an.
Für Merkel ist der Besuch des Länderspiels quasi ein Muss. Spielt doch direkt vor ihrer Haustür jene Mannschaft, die sie seit sechs Jahren regelmäßig besucht.
Die Kanzlerin hat großen Gefallen an der deutschen Nationalmannschaft gefunden. Sie sucht die Nähe zu den Botschaftern in kurzen Hosen und tauscht sich von Zeit zu Zeit mit Bundestrainer Joachim Löw, Teammanager Oliver Bierhoff oder DFB-Präsident Wolfgang Niersbach aus. Mal auf einem Empfang, mal per SMS.
Klinsmann gab den Anstoß
Die Liebe zum Fußball und insbesondere zur Nationalmannschaft entdeckte Angela Merkel während der WM 2006 im eigenen Land. Ihr gefiel die nonchalante Art des damaligen Bundestrainers Jürgen Klinsmann. Der Wahl-Kalifornier war zwei Jahre zuvor nach Deutschland gekommen und hatte dem Nationalteam neues Leben eingehaucht. Klinsmanns positive Art und der begeisternde Fußball, den er mit seiner jungen Elf spielen ließ, zogen Deutschland in den Bann.
Die Menschen schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen und stellten ein neues Nationalgefühl zur Schau. Die Soziologin Dagmar Schediwy nannte den Sommer 2006 ein "nationales Coming-out". Und mittendrin statt nur dabei: die Kanzlerin.
Erste Fotos gingen um die Welt, auf denen Merkel jubelnd im Stadion zu sehen war. Wie sie aufsprang, die Arme hochriss und Freudenschreie ausstieß. Merkel hatte sichtlich Spaß. Es wurde zur lieben Gewohnheit, ihrer Elf auch bei den anschließenden Turnieren die Daumen zu drücken. Mit der wohl beliebtesten Nationalelf der vergangenen 30 Jahre suchte sie warmherzige Begegnungen, die mitunter allerdings etwas inszeniert wirkten.
Keine Dummheiten mehr
Bei der Europameisterschaft 2008 saß Merkel beim letzten Vorrundenspiel gegen Österreich auf der Tribüne neben dem gesperrten Bastian Schweinsteiger, der in der Partie gegen Kroatien eine Rote Karte kassiert hatte – und später dann im Viertelfinale gegen Portugal auftrumpfen sollte. "Sie", und damit meinte Schweinsteiger die Bundeskanzlerin, habe ihm gesagt, was er tun müsse, erzählte Schweinsteiger nach dem 3:2 gegen die Portugiesen.
"Das war ehrlich so", entgegnete Schweinsteiger den verdutzten Journalisten in den Katakomben des Stadions von Basel: "Sie hat mir gesagt, dass ich nicht wieder so eine Dummheit tun soll. Und sie hat gesagt, ich soll wieder so spielen wie damals."
Damals, damit meinte Merkel die Weltmeisterschaft 2006. "Und wenn die Bundeskanzlerin etwas sagt, dann muss man es tun", erklärte der Mittelfeldspieler von Bayern München abschließend. 2010 bei der WM in Südafrika sah die Bundeskanzlerin ihn und seine Kollegen dann live vor Ort beim Viertelfinale gegen Argentinien in Kapstadt. Für die 90 Minuten war Merkel extra elf Stunden hin und wieder zurückgeflogen.
Gespräche "nicht nur über Fußball"
Bei der EM in diesem Jahr kam Merkel noch vor dem ersten Vorrundenspiel bei der Mannschaft vorbei. Es gab Fotos und Videos, wie Kapitän Philipp Lahm die Kanzlerin durch das Teamhotel führte und später alle beim Abendessen zusammen saßen. Bundestrainer Löw bezeichnete dem Besuch als die richtige Einstimmung.
"Es ist für uns immer eine große Ehre, wenn Frau Merkel bei Turnieren oder Länderspielen bei uns zu Gast ist. Wir wissen es zu schätzen, dass es ihr ein Herzensanliegen ist, unser Team zu unterstützen." Die Begegnungen seien auch für die Spieler "immer sehr interessant, weil sich stets gute Gespräche entwickeln – nicht nur über Fußball".
Die Kanzlerin mag durchaus großes und ernsthaftes Interesse am Spiel haben. Natürlich weiß sie aber auch, dass sie von der hohen Aufmerksamkeit der DFB-Auswahl profitiert. Es sind die gemeinsamen Fotos mit den Spielern, die sie reizen. Der Fußball liefert herausragende Bilder. Fußballer sind moderne Helden. Neben modernen Helden steht es sich gut.
Adenauers Missgeschick
Insofern verlebt Merkel ihre Kanzlerschaft in einer perfekten Zeit. Also rein fußballerisch. Im November 2005 kam sie an die Macht, also ziemlich genau zu der Zeit, in der auch durch Fußball-Deutschland ein Ruck ging. Die deutsche Elf spielt seitdem fast immer schön und kommt in Turnieren weit. Gerhard Schröder, ihr Vorgänger und schon vor Amtsantritt bekennender Fußballfan, hatte da weniger Glück.
In seiner Amtszeit von 1998 bis 2005 spielte die DFB-Auswahl oft schlecht. Nur nach dem 0:2 im WM-Finale 2002 gegen Brasilien hatte Schröder die Chance für eine Botschaft im Namen des Fußballs: "Deutschland kann stolz sein auf diese Mannschaft."
Angela Merkel hat es im Hinblick auf den sportlichen Erfolg da schon besser erwischt. Wenn auch ihre bislang letzte Begegnung mit der deutschen Nationalmannschaft in Berlin kurzzeitig für Irritationen gesorgt hatte.
Nach dem 3:0 gegen die Türkei im Oktober 2010 war die Bundeskanzlerin mit dem damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und dessen Tochter in die deutsche Kabine geeilt. Dabei entstand ein gemeinsames Foto mit Mesut Özil, der darauf mit freiem Oberkörper neben der Kanzlerin zu sehen war. Das ganze Land diskutierte damals darüber.
Bundeskanzler Konrad Adenauer verpasste es übrigens, 1954 zum Weltmeisterschafts-Finale von Bern zu reisen. Er hatte es mehr mit Boccia. Ein Missgeschick, das Angela Merkel ganz gewiss nicht unterlaufen wäre.















