14.10.12

Ironman

Krimi im Paradies – Raelert feiert Platz zwei

Andreas Raelert läuft nach furioser Aufholjagd beim Ironman auf Hawaii erneut auf Platz zwei. Beim härtesten Triathlon der Welt schaffen vier Deutsche den Sprung in die Top Sechs.

Foto: DAPD
Ironman auf Hawaii
Mit Kranz und deutscher Fahne: Andreas Raelert (l.) feiert seinen zweiten Platz beim Ironman auf Hawaii zusammen mit Sieger Pete Jacobs (M.) und dem Dritten Frederik van Lierde (r.)

Er hatte sich schwimmend durch die Wellen des Pazifiks gewühlt, war der enteilten Konkurrenz auf seinem Rennrad hinterher gejagt, lag fast aussichtslos zurück und rauschte beim Marathon doch noch im leichten Laufschritt an fast allen Gegnern vorbei. Mehr als acht Stunden hatte sich Triathlet Andreas Raelert bei Wind und Hitze in Kailua-Kona bereits geschunden. Silber beim Ironman auf Hawaii war eigentlich schon seins.

Und dann das: Auf einmal tauchte Frederik van Lierde neben ihm auf, frech und unbekümmert, einen Kilometer vor dem Ziel. Der Belgier schickte sich an, Raelert im letzten Moment Platz zwei zu entreißen. Der Deutsche kämpfte, musste eine Lücke reißen lassen und schien geschlagen. Er lief wieder heran – und vorbei. Ein faszinierender Krimi im Paradies.

Mit einem Grinsen, das nicht mehr aus seinem Gesicht entschwinden wollte, lief Andreas Raelert die letzten Meter bis zur rettenden Ziellinie. Keinen Schritt weiter. Dann sackte er in sich zusammen – und auf den Boden. "Ich zwar fix und fertig, aber auch wahnsinnig emotional", sagte der 36-Jährige später. Er scheiterte erneut an seinem Ziel, denn der Sieg beim legendären Ironman auf Hawaii bleibt weiterhin nur ein Traum.

Auch als Zweiter gewonnen

Und doch hat Raelert gewonnen. "Ich bin überglücklich und stolz auf mich. Ich habe nicht Platz eins verloren, sondern Platz zwei erkämpft", sagte der Rostocker. Vor allem hat er im Kampf mit sich selbst gesiegt und diesen gigantischen Willentest – denn nichts anderes ist der Ironman – wieder einmal mit Bravour bestanden.

Schneller als Raelert brachte nur der Australier Pete Jacobs die Tortur im Paradies hinter sich. Nach 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,195 km in Laufschuhen trudelte er in 8:18:37 Stunden glückstrunken ins Ziel. Die Emotionen hatten ihn schon Minuten vorher so überrollt, dass er die Strapazen nicht mehr spürte und die letzten drei Kilometer jubelnd an den applaudierenden Zuschauern vorbeilief und jeden zweiten von ihnen abklatschte.

Raelert lag nach 8:23:40 Stunden ausgepumpt im Ziel. Zwar reichte es wieder nicht zum fünften Hawaii-Sieg eines Deutschen in der Geschichte des Rennens, doch das Gesamtergebnis ist beeindruckend: Sebastian Kienle überraschte bei seinem Debüt als Vierter, der frühere Hawaii-Sieger Faris Al-Sultan wurde Fünfter, Timo Bracht Sechster. Bei den Frauen kam Sonja Tajsich beim Sieg der US-Amerikanerin Leanda Cave auf Rang vier.

Mehr als ein einfaches Rechenspiel

Soweit zu den nüchternen Zahlen. Doch Hawaii ist jedes Jahr an diesem einen Samstag im Oktober viel mehr als ein einfaches Rechenspiel. Es ist Schauplatz unzähliger Dramen – bei den Profis genauso wie bei den 1900 Altersklassenstartern. Raelert spielte jetzt schon zum vierten Mal eine der Hauptrollen in dem Drama in drei Akten. Der Mann aus Rostock ist die Konstanz in Person. Wer ihn abschreibt, unterschätzt entweder seine unglaublichen Lauffähigkeiten oder seine mentale Stärke. "Ich bewundere Andy in vieler Hinsicht", sagt sein vier Jahre jüngerer Bruder Michael, der dieses Mal sein Hawaii-Debüt gab, "aber ganz besonders hinsichtlich seiner Geduld, Ruhe und positiven Ausstrahlung. Ich habe selten einen Menschen kennengelernt, der trotz Stresssituationen, die besonders im Rennen oft entstehen, einen kühlen Kopf bewahren kann."

Damit das Mentale aber überhaupt zur Geltung kommen kann, halsen sich die Triathlon-Brüder wöchentlich Unglaubliches auf: 35 Kilometer im Wasser, 700 km auf dem Rad, 150 km zu Fuß. Einen freien Tag gibt es nicht – sie sind Profis, und der Sport ist ihre Passion. Dreimal war der ältere Raelert bis zu diesem Samstag bereits auf Hawaii gestartet, dreimal kam er aufs Treppchen: Dritter, Zweiter, Dritter – so klang seine Bilanz.

Stets dicht dran

Im vergangenen Jahr war er mit einer blutenden Wunde aus dem Wasser gestiegen, hatte sich später nach vorn gearbeitet, um dann beim Laufen von Krämpfen und Magenproblemen gequält durchzuhalten. Er war stets dicht dran, aber mindestens ein anderer Sportler hatte das bessere "Risikomanagement", wie Raelert es nennt. Jetzt ging er wieder als einer der Topfavoriten ins Rennen.

Aber wo war er nur, der Sieganwärter aus Rostock? Schon beim Schwimmen entwischte er den Beobachtern, weil er nicht mit der Topgruppe mithalten konnte. "Ich hatte noch nie so ein schlechtes Schwimmen", sagte Raelert später ratlos. Sein Bruder Michael und vor allem der 28 Jahre alte Kienle machten es besser. Kienle, Weltmeister auf der Halbdistanz, raste sogar zu dem Führenden Belgier Marino Vanhoenacker heran und lieferte das Rennen seines Lebens ab. Dann stand er am Straßenrand: Plattfuß.

Beim Überholtwerden wünschte der Bruder ihm Glück

Der jüngere Raelert wurde derweil immer schwächer – und trug vielleicht gerade damit zur famosen Aufholjagd seines Bruders bei. "Als ich ihn überholte, wünschte er mir viel Glück. Das gab mir Energie, und ich dachte: Jetzt muss ich alles aus mir herausholen", so Andreas Raelert. Dennoch startete er den Marathon 13:41 Minuten nach Vanhoenacker, aber immerhin schon auf Platz zehn. Al-Sultan, Kienle und Bracht lagen vor ihm. Während Vanhoenacker irgendwann ging, dann stand, später saß und aufgab, flog Raelert über den glühenden Asphalt. Zumindest bis Kilometer 35. "Dann lief ich gegen eine Wand. Der Rest war harte Arbeit."

Raelert könnte einer dieser tragischen Helden werden. Einer der ganz großen einer Sportart, der immer das Potenzial für den einen, besonders bedeutenden Sieg hatte – dem aber stets das letzte Quäntchen Glück fehlte. Ein Unvollendeter wie Tennisidol Ivan Lendl, der nie in Wimbledon triumphierte. Raelert will das verhindern. "Ich komme wieder und versuche, dieses Rennen zu gewinnen", sagte er – und klang dabei nicht verbissen, sondern einfach nur euphorisch.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
US-German investor Nicolas Berggruen add
20.05.13Karstadt
Nicolas Berggruen – der entzauberte Milliardär

Der Kaufhauskonzern hat wieder große Probleme. Nicolas Berggruen, der lange als Retter gefeiert wurde, ist nicht ganz schuldlos. Eine Zwischenbilanz. mehr...

Astronomie
20.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Dienstag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Dienstag, den 21. Mai. mehr...


Ein Großaufgebot der Polizei suchte nach dem Mädchen.
20.05.13Hellersdorf
Vermisstes Mädchen wieder aufgetaucht – Sharlyn wohlauf

Mit einem Großaufgebot wurde die achtjährige Sharlyn aus Hellersdorf stundenlang gesucht. Am späten Abend gab es dann Entwarnung: Die Kleine tauchte kurz nach 22 Uhr plötzlich wieder zu Hause auf. mehr...


Die kilometerlangen Rohrleitungen gehören zur Brandschutzanlage des BER-Terminals. Erst wenn sie stabil funktioniert, darf der neue Flughafen eröffnet werden
20.05.13Sprinkleranlage
Am BER tut sich was – Erstes Umbauprojekt seit Mehdorns Antritt

Wann der BER eröffnet, ist noch immer völlig unklar. Nun soll zumindest ein großes Manko beseitigt werden: Die Sprinkleranlage wird umgebaut, statt einer zentralen soll es drei separate Anlagen geben. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
Unwetter Starke Tornados verwüsten vier US-Bundesstaaten
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Zweite Liga

Die Aufstiegsfeier von Hertha

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote