11.10.12

Lance Armstrong

"Der größte Doping-Skandal der Geschichte"

Die internationale Presse ist sich einig: Nachdem die US-Dopingfahnder ihren Bericht über Lance Armstrongs jahrelangen systematischen Betrug veröffentlicht haben, ist sein Renommee endgültig ruiniert.

Einst war er ein Idol, jetzt ist sein Ruf dank der hartnäckigen Ermittlungen der amerikanischen Antidoping-Agentur Usada endgültig zerstört – so lautet der Tenor der internationalen Presse im Dopingfall Lance Armstrong. Stellvertretend fasst der englische "Guardian" es so zusammen: "Die Usada spült Lance Armstrongs Dementis mit einer Flut erdrückender Beweise weg."

Die "Sun" bringt sie Sache gewohnt knapp auf den Punkt: "Vergesst Ben Johnson, vergesst den Balco-Skandal!" Derart groß scheint die Dimension, dass manche die Causa Armstrong bereits als "den größten Skandal in der Geschichte" umschreiben. Wie der "Corriere della Sera": "Die Usada stellt Armstrong vor verheerende Vorwürfe. Belastet wird auch der Skandalmediziner Michele Ferrari. Auch italienische Teams und Radfahrer in die Affäre verwickelt."

"Sein Ruf liegt in Trümmern"

Die "Gazzetta dello Sport" stößt ins selbe Horn ("Ein Dopingsystem, wie man es bisher noch nie gesehen hatte, kommt jetzt ans Licht"), ebenso der italienische "Corriere dello Sport": "Jetzt tauchen die Beweise auf, die Armstrong belasten. Die Vorwürfe der Usada gegen den legendären Ex-Profi könnten nicht belastender sein. Ein Skandal ohne Ende beschmutzt den Ruf des Texaners."

Eine Legende ist Armstrong längst nicht mehr, seit die amerikanischen Dopingfahnder am Mittwochabend ihren mehr als 1000-seitigen Bericht ins Internet stellten. 26 Personen sagten unter Eid aus, darunter 15 ehemalige oder noch aktive Radprofis. Ihre Einlassungen belasten den Star im Team US Postal größtenteils schwer.

Die "LA Times" schreibt: "Das Ergebnis der Usada-Untersuchungen ist ein Bild von Armstrong als Weltklasse-Athlet, der Epo und andere unerlaubte Substanzen schon vor 1998 genutzt, heimliche Lieferungen entlang von Bergstraßen orchestriert und geheime Treffen abgehalten hat, bei denen er Teamkollegen unter Druck setzte, damit sie an seiner Seite zum Wohle des Teams betrügen."

Ein guter Rat zum Abschluss an alle

Großbritanniens BBC sieht keine Chance mehr für den Texaner, sein Renommee je zu reparieren: "Lance Armstrongs Ruf liegt in Trümmern nachdem die Antidoping-Agentur der USA ihn als Serien-Betrüger brandmarkt, der das 'modernste, professionellste und erfolgreichste Doping-Programm angeführt hat, dass der Sport je gesehen hat'." Die "Daily Mail" bemerkt knapp: "Schändlicher Armstrong als Tyrann, Lügner und Doper in der 'modernsten und erfolgreichsten"' Doping-Verschwörung überhaupt in der langen Geschichte des Sports entlarvt."

Was bleibt am Ende? Ein guter Rat von ESPN zum Beispiel: "Fall abgeschlossen: Armstrong gedopt. Das Wort 'angeblich' sollte aus allen Beschreibungen der Art und Weise gestrichen werden, wie Doping in Lance Armstrongs Karriere Einzug gehalten und ihn verbessert hat."

Chronologie der Vorwürfe gegen Lance Armstrong

4. Juli 1999:

 

Nach der ersten Etappe der Tour de France wird im Urin von Armstrong ein geringer Anstieg von Cortecoiden nachgewiesen. "Armstrong hat die Salbe Cemalyt benutzt, um eine allergische Hautkrankheit zu behandeln. Es ist auszuschließen, daß sie systematisch benutzt wurde", hieß es in der damaligen nachträglichen Erklärung des Weltverbands UCI. "Ich nahm sie zum Kurieren von Sitzproblemen, wie sie viele Fahrer bei einer langen Tour haben", erklärte Armstrong. Der Wirkstoff ist allerdings meldepflichtig und darf nur bei ärztlich bestätigter Indikation im Rennen verwendet werden.

2. Juli 2004:

 

Unmittelbar vor der Tour de France 2004 erscheint das Buch "L.A. Confidential", in dem die beiden Journalisten David Walsh und Pierre Ballester schwere Doping-Vorwürfe gegen Lance Armstrong erheben. Der US-Amerikaner scheitert vor Gericht mehrfach mit dem Versuch, sich in dem Buch äußern zu dürfen.

1. Oktober 2004:

 

Wegen Sportbetrugs wird der Sportarzt Michele Ferrari zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt. Der Italiener arbeitete lange mit Armstrong zusammen. Vom Vorwurf, Radsportler mit Dopingmitteln versorgt zu haben, wird Ferrari aus Mangel an Beweisen jedoch freigesprochen.

1. April 2005:

 

Sein ehemaliger Betreuer Mike Anderson erklärt vor Gericht, 2004 "ein verbotenes Medikament" in Armstrongs Badezimmer gefunden zu haben. Der reagiert darauf mit einer Schadensersatzklage.

 

24. Juli 2005:

 

Armstrong gewinnt zum siebten Mal die Tour de France und beendet danach seine Karriere.

23. August 2005:

 

Die französische Sportzeitung "L'Equipe" berichtet, dass in sechs Urinproben von Armstrong aus dem Jahr 1999 das Dopingmittel Epo nachgewiesen wurde. Die Proben waren eingefroren worden und konnten dem Bericht zufolge eindeutig Armstrong zugeordnet werden. Epo ist erst seit 2001 nachweisbar.

 

31. Mai 2006:

 

Eine vom Weltverband UCI eingesetzte Kommission spricht Armstrong von den Doping-Vorwürfen aus dem Jahr 1999 frei. Die Welt-Antidoping-Agentur Wada nennt den UCI-Bericht "fast schon lächerlich".

9. September 2008:

 

Armstrong kündigt für 2009 sein Comeback an.

 

2. Oktober 2008:

 

Die französische Anti-Doping-Agentur AFLD schlägt Armstrong vor, die sechs Proben der Tour de France 1999 nochmals zu testen. Der Amerikaner lehnt das ab.

20. Mai 2010:

 

Armstrongs Ex-Teamkollege Floyd Landis gibt zu, die meiste Zeit seiner Karriere gedopt zu haben. Der Tour-Sieger von 2006 beschuldigt auch Armstrong. Der weist die Anschuldigungen zurück.

 

26. Mai 2010:

 

Nach den Aussagen von Landis kündigen die US-Behörden an, die Ermittlungen gegen Armstrong auszuweiten. Es geht jetzt nicht nur um die Einnahme unerlaubter Mittel, sondern auch um die Frage, ob das Sponsorengeld des amerikanischen Postdienstleisters US Postal dazu genutzt wurde, um Dopingmittel zu finanzieren.

16. Februar 2011:

 

Armstrong erklärt sein endgültiges Karriereende.

 

20. Mai 2011:

 

Tyler Hamilton ist der nächste ehemalige Teamkollege, der schwere Doping-Vorwürfe gegen Armstrong erhebt. "Ich sah Epo in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat", sagt der Zeitfahr-Olympiasieger von 2004 dem TV-Sender CBS.

4. Februar 2012:

 

Die US-Staatsanwaltschaft stellt ihre Doping-Ermittlungen gegen Armstrong ein.

 

9. Februar 2012:

 

Der Triathlon-Weltverband WTC gibt eine Kooperation mit Armstrong bekannt. Für sechs Starts kassiert seine Krebs-Foundation "Livestrong" eine Million Dollar. Die erste Teilnahme soll im Oktober 2012 sein.

12. Februar 2012:

 

Armstrong wird Zweiter beim Ironman 70.3, einem Wettkampf über die halbe Distanz. Zum Dopingtest müssen nicht wie üblich die ersten drei, sondern die Athleten auf den Plätzen vier bis sechs.

 

12. Juni 2012:

 

Die US-Antidoping-Agentur erhebt in einem Schreiben schwere Vorwürfe gegen Armstrong. Proben von 2009 und 2010 sollen "vollkommen mit Proben übereinstimmen, an denen Blutmanipulation, inklusive Epo und/oder Blut-Transfusionen vorgenommen wurden." Armstrong wird für alle Wettbewerbe gesperrt.

14. Juni 2012:

 

Der WTC gibt bekannt, dass Armstrong wegen der laufenden Ermittlung nicht an Wettkämpfen teilnehmen darf. Der Ironman in Nizza am 24. Juni findet ohne den 40-Jährigen statt.

 

20. August 2012:

 

Ein Gericht in Austin erklärt die Ermittlungen der Usada gegen Armstrong für rechtens. Der Texaner muss entscheiden, ob er eine Schiedsgerichts-Verhandlung will oder eine drohende lebenslange Sperre der Usada akzeptiert.

24. August 2012:

 

Armstrong teilt in einem Statement mit, dass er den Kampf gegen die Anschuldigungen aufgibt. Ihm droht nun die Aberkennung seiner Tour-Titel.

 

7. September 2012:

 

Weltverbands-Chef Pat McQuaid stellt im Fall Lance Armstrong in Aussicht, die Strafen der Usada zu übernehmen.

10. Oktober 2012:

 

Die Usada schickt ihre Urteilsbegründung mit deutlichen Anschuldigungen gegen Armstrong an die UCI. Nach Erhalt der Akten hat der Verband 21 Tage Zeit, sein Urteil zu fällen. Armstrongs langjähriges Profiteam US Postal habe das "ausgeklügelste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm betrieben, das der Sport jemals gesehen hat", schreibt die Usada in einer Mitteilung.

Quelle: dapd/JHU
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