05.10.12

Krebstod mit 55

Bei Erhard Wunderlich sah sogar Handball sexy aus

Der Augsburger war der erste Handball-Millionär, später wurde er zum Jahrhundert-Spieler gewählt. Sein früher Tod im Alter von 55 Jahren schockierte am Freitag Freunde und Wegbegleiter.

Foto: DAPD
Caption-Korrektur: Ex-Handball-Weltmeister Wunderlich erliegt mit 55 Jahren einem Krebsleiden
Markenzeichen Sprungwurf: Erhard Wunderlich bei einem Europapokalspiel im Jahr 1978

Erhard Wunderlich war ein Handballer aus einer anderen Zeit. Als die Abwehrspieler noch richtig hinlangten und die Partien eher 11:11 ausgingen, nicht 30:30. Als Käffer namens Gummersbach und Großwallstadt der Nabel eines ganzen Sports waren. Und als einer noch "Sepp" genannt wurde, bloß weil er aus Bayern kam.

Der Sepp, also der Erhard Wunderlich, wurde 1956 in Augsburg geboren. Vater Hans war Feldhandballer, damals noch die populärere Sportart. Der kleine Erhard spielte alles, Fußball, Basketball, Eishockey. Mit 14 entschied er sich für Handball. Als er 19 war, vereinbarte sein FC Augsburg ein Freundschaftsspiel gegen den VfL Gummersbach. Es sollte nicht nur sein Leben verändern, sondern den ganzen deutschen Handball.

"Sepp war ein Filigrantechniker"

Gummersbach war damals amtierender deutscher Meister, aber Wunderlichs Würfe flogen den Champions nur so um die Ohren. Der legendäre Gummersbacher Obmann Eugen Haas, so nannte man den Job damals, verpflichtete Wunderlich vom Platz weg. Auch das wäre heutzutage undenkbar: dass so ein Talent so lange unentdeckt bleibt.

Nicht mal ein halbes Jahr später war Wunderlich bereits Nationalspieler. Der knapp fünf Jahre ältere Kurt Klühspies, Star des Dauerrivalen Großwallstadt, erinnert sich an die ersten Eindrücke: "Da kam dieser Schlacks aus Augsburg, der unglaublich hoch springen konnte. Er war kaltschnäuzig, frech und hatte schon jung ein großartiges Spielverständnis. Der Sepp war ein Filigrantechniker, ein überragender Angriffsspieler."

Berühmter Sprungwurf

Gemeinsam gewannen beide 1978 in Dänemark den WM-Titel durch ein 20:19 im Finale gegen die UdSSR. Der Triumph der Mannschaft des schillernden Trainers Vlado Stenzel über die damals als unbesiegbar geltenden Staatsamateure aus den Ostblockstaaten – zwischen 1970 und 1990 erreichte ansonsten kein westliches Team auch nur ein WM-Finale – gilt bis heute als eine der Sternstunden bundesrepublikanischer Sportgeschichte. Er wird stark mit dem damals 21-jährigen Wunderlich assoziiert, wobei dieser beim Turnier in Dänemark noch im Schatten seiner Gummersbacher Vereinskollegen Joachim Deckarm und Heiner Brand stand. Deckarm musste ein Jahr später auf tragische Weise seine Karriere beenden, ein Spielunfall versetzte ihn über 100 Tage lang ins Koma und ein Leben lang in den Rollstuhl.

Dass Gummersbach und der deutsche Handball diesen Schreck überstehen konnten, ist auch Wunderlich zu verdanken, der nun die Hauptrolle übernahm. Mit seinem technischen Repertoire, darunter der berühmte verzögerte Sprungwurf, seinem Auge und seiner Nervenstärke avancierte er zum Gesicht der Sportart. Wunderlich war derjenige, der auch mal neun von zwölf Toren in einem Spiel warf, der Typ, dem man den Ball gab, wenn es eng wurde und dem dann immer noch etwas einfiel – so etwas wie ein Michael Jordan des Handballs. "Er war ein Genie, er war Beste, er war der Kompletteste", sagt sein alter Weggefährte Stenzel. Sofern das bei diesem harten Spiel der wuchtigen Männer möglich ist, könnte man sagen: Erhard Wunderlich machte Handball sexy.

Topnachricht in der "Tagesschau"

Das fiel dann bald auch einem gelobten Klub des Weltsports auf. Nach zwei Meisterschaften und dem Europapokal der Landesmeister mit Gummersbach interessierte sich 1983 der FC Barcelona so sehr für Wunderlich, dass er dafür alle Grenzen zu sprengen bereit war. Wenige Jahre zuvor waren deutsche Handballer noch Hobbyathleten gewesen, jetzt boten die Katalanen die ungeheuerliche Summe von 2,5 Millionen Mark für einen Vierjahresvertrag. Als der Wechsel bekannt gegeben wurde, brachte es das zu den Topnachrichten der "Tagesschau".

Wunderlich indes wurde nicht so richtig happy im Ausland, und schon ein Jahr später war er wieder zurück. Nach den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles, bei denen er Deutschland, begünstigt durch den Boykott zahlreicher Ostblockstaaten, zur Silbermedaille führte, heuerte beim Münchner Stadtteilklub und Zweitligisten Milbertshofen an. Es war die erste von vielen Entscheidungen seiner späteren Karriere, die nicht immer alle verstanden. Wunderlich beendete 1988 seine aktive Laufbahn, um sie ein Jahr später beim norddeutschen Provinzklub Bad Schwartau wieder fortzusetzen. Sein Pendeln zwischen Bayern und Schleswig-Holstein setzte er Anfang der 1990er-Jahre auch als Manager fort, erfolgreich in Milbertshofen (Europapokal der Pokalsieger), eher weniger in Bad Schwartau (baldige Entlassung).

"So einer wird nur alle 100 Jahre geboren"

Die gewisse Sprunghaftigkeit blieb seinem Leben auch nach dem Rückzug aus dem Handball nicht ganz fern. Wunderlich, Vater zweier Kinder aus erster Ehe, arbeitete als Bürobedarfsunternehmer am Starnberger See, betrieb zwischenzeitlich ein Hotel in Österreich, kehrte aber zuletzt mit seiner zweiten Frau ins Bergische Land zurück. Im Handball beriet er ab 2004 die Bundesliga, der Vertrag wurde allerdings wenig später wegen einiger scharfzüngiger Aussagen als Fernsehexperte über die Nationalmannschaft aufgelöst. Ein Freigeist wie Wunderlich, schon als Spieler eher "Solist" (Klühspies) und ähnlich seines Mit-Augsburgers Bernd Schuster nicht ganz frei von Diventum, ließ sich eben nie den Mund verbieten. Für viele wurde er darüber zur Reizfigur, dennoch wählte ihn die Szene 1999 zu "Deutschlands Welthandballer des Jahrhunderts".

"So einer wird nur alle 100 Jahre geboren", bestätigte jetzt noch einmal Vlado Stenzel. "Sepp war im Angriff das größte Talent, das wir je in Deutschland hatten. Er besaß ein unglaubliches Potenzial", sagte der ehemalige Bundestrainer Heiner Brand. Am Donnerstagabend erlag Erhard Wunderlich in einem Kölner Krankenhaus einer schweren Hautkrebserkrankung. Er wurde 55 Jahre alt.

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