10.09.12

Formel 1

Technische Defekte bremsen Vettel im WM-Kampf aus

In Valencia haderte der Formel-1-Weltmeister mit Problemen der Lichtmaschine. Für Renault habe die Behebung nun oberste Priorität.

Foto: epa
Formula One Grand Prix of Italy
Aus: Vettel ist frustriert

Seine Handschuhe verschonte Sebastian Vettel diesmal. Nachdem ihn beim Großen Preis von Europa in Valencia ein Defekt der Lichtmaschine ausgebremst hatte, hatte er die feuerfesten Überzieher noch frustriert hinter die Leitplanke geschleudert. In Monza erging es ihm nun kaum besser, auch auf der Hochgeschwindigkeits-Piste in Nord-Italien streikte fünf Runden vor dem Ende die Licht-Elektronik.

"Schalt sofort den Motor ab!", befahlen über Funk die Ingenieure, die den Schaden als Erste bemerkten. Kurz darauf kletterte Vettel aus seinem im Grünen geparkten Boliden und marschierte ohne äußerliche Frustreaktion davon. Innerlich dürfte es in ihm jedoch ausgesehen haben wie seinerzeit in Valencia. "Das ist natürlich sehr schade", sagte er später: "Es wären schöne Punkte gewesen." In manchen Rennen sei man eben nicht schnell genug. Monza war so ein Beispiel: "Da ist es wichtig, die maximale Punktzahl mitzunehmen. Leider ist das aufgrund der Zuverlässigkeit nicht gelungen."

Auf 39 Zähler ist Vettels Rückstand nun in der WM-Gesamtwertung gewachsen auf den wie entfesselt fahrenden Ferrari-Piloten Fernando Alonso. Der holte von Startplatz zehn aus nicht nur sieben Ränge auf, sondern machte Vettel auch mustergültig vor, wie das geht mit der Punkte-Hamsterei. Als der Spanier vier Runden vor Schluss spürte, dass Sauber-Pilot Sergio Perez wohl in einem schnelleren Auto saß und früher oder später zum Überholmanöver ansetzen würde, ließ er ihn lieber passieren, anstatt eine Kollision zu riskieren. 15 Punkte für Platz drei reichten dem 31-Jährigen, um anschließend von "Kino mit Happy End" zu sprechen. Bei sieben ausstehenden Rennen könnte der Spielfilm dieser Saison ähnlich ausgehen.

Renault entschuldigt sich

Zwar entschuldigte sich Motorenlieferant Renault nach dem Rennen bei Red Bull für die kaputte Lichtmaschine. Doch der Inhalt dieser Mitteilung dürfte Vettel und seinen Teamkollegen Mark Webber, der wegen eines Bremsplatten ebenfalls nicht ins Ziel kam, nur zusätzlich beunruhigen.

"Es liegt weder an Red Bull noch an Vettel noch an den Umständen noch an der Fahrweise", hieß es bei Renault. Bis zum nächsten Rennen in Singapur in zwei Wochen habe die Behebung dieses Problems nun oberste Priorität, versprach Renault-Ingenieur Cyril Dumont.

Schon jetzt frohlockt die Konkurrenz ob der Schwäche der einstigen Dominatoren. "Wir haben ein sehr starkes Fahreraufgebot und rücken Red Bull immer näher auf die Pelle", sagte McLaren-Chef Ron Dennis. Die vergangenen drei Rennen gewannen allesamt die Silberpfeile aus Großbritannien. "Red Bull scheint ein paar Probleme mit dem Auto zu haben. Hoffentlich können wir im Titelrennen zu einer Bedrohung werden", meinte Dennis genüsslich. Derzeit trennen beide Rennställe noch 29 Zähler in der Konstrukteurs-Wertung, im vergangenen Jahr waren es zur gleichen Zeit 126.

Probleme durch Regeländerungen

Der Grund für die Misere sind neben der offensichtlich schwindenden Zuverlässigkeit des Red Bull Änderungen im Reglement. Um Solofahrten wie im Vorjahr zu verhindern, haben der Weltautomobil-Verband Fia sowie Fomel-1-Boss Bernie Ecclestone den angeblasenen Diffusor verboten. Diese Technologie hatte 2011 den entscheidenden Vorsprung gebracht. Auch die Testfahrten vor Saisonstart liefen alles andere als optimal für Red Bull. Erst kurz vor dem Auftakt-Grand-Prix in Melbourne ließ Teamchef Christian Horner die hochsensiblen Dienstgeräte von Vettel und Webber noch einmal umbauen. McLaren etwa hatte da längst mit dem Feintuning begonnen. Nach dem schwarzen Wochenende von Monza nun grollte der Brite: "Es ist eine Riesenschande. Das ist so ein Tag, den müssen wir hinter uns lassen."

Anders als die beteiligten Piloten sprach der 38-Jährige von einer Vorentscheidung im Titelkampf, auch wenn er das Wort nicht konkret benutzte: "Es wird schwierig, aber wir werden weiterkämpfen. Wir können es uns nicht leisten, die Rennen nicht zu beenden." Sebastian Vettel sagte: "Auf den kommenden Strecken gibt es nicht so viele lange Geraden. Da können wir hoffentlich wieder angreifen." Die Handschuhe hatte er da längst artig im Motorhome verstaut.

Die Pressestimmen zum Rennen in Monza

ITALIEN

 

Gazzetta dello Sport: Super-Alonso, eine wahnsinnige Aufholjagd in Monza. Red Bull, totales Desaster. Vettel ist nervös, hat aber auch viel Pech. Alonso bestreitet das optimale Rennen. Was hätte er vom zehnten Platz aus noch mehr machen können? Er hat ein perfektes und mutiges Rennen bestritten. Wenn er im Qualifying eine bessere Position erobert hätte, hätte er bestimmt in Monza gesiegt. Jetzt heißt es, so weitermachen. Er darf nichts ändern.

Corriere dello Sport: Alonso feiert den perfekten Sonntag, ein Film mit Happy End. Für den Spanier ist der WM-Titel in greifbare Nähe gerückt. Fernando ist der einzige, der einen klaren Kopf bewahrt und ein perfektes Rennen hinbekommt. Vom zehnten Platz schwebt er wie eine leichte und unbremsbare Welle bis zum Podest.

Tuttosport: Alonso erobert einen dritten Platz, der Gold wert ist. Der Spanier schafft Wunder für sich, für Ferrari und die Tifosi. Sein dritter Platz ist ein halber Triumph. Der WM-Titel, der noch am Samstagabend schon fast verloren schien, ist wieder in greifbare Nähe gerückt. So nahe, das Alonso ihn schon fast anfassen kann. Dabei war das Rennen sehr hart.

Il Messaggero: Alonso, ein goldenes Podest. Ein fantastischer dritter Platz für die WM-Wertung. Alonso hat zwar nicht gesiegt, doch sein dritter Platz ist Gold wert. Das Schicksal gibt Alonso das zurück, was ihm in Spa und im Qualifying weggenommen worden war. Alonso hat wieder ein einmaliges Rennen bestritten, er hat mit Rationalität angegriffen und keine Fehler gemacht.

La Stampa: Für Vettel ist es frustrierend, ein mittelmäßiges Auto fahren zu müssen, doch er muss die Nerven bewahren. Auf anderen Strecken wird er Besseres leisten könnten. Vettel setzt Alonso arg unter Druck, doch der Spanier schafft es am Schluss aufs Podest und feiert einen dritten Platz, der Gold wert ist.

SPANIEN

 

Marca: Alonso hat die Hände am WM-Pokal. Vettel ist der große Verlierer. Der Red-Bull-Pilot startet als Fünfter und versucht vergeblich, sich der Angriffe des zumindest in Monza überlegenen Ferrari zu erwehren, der in Händen von Alonso einem Flugzeug gleicht.

As: Ein fantastisches Rennen, bei dem die drei Fahrer, die in Spa vom Grosjean-Unfall aus der Bahn geworfen wurden, auf dem Podest landeten, und nach dem Alonso die WM noch ein bisschen mehr anführt.

 

El Pais: Hamilton unaufhaltsam, Alonso heldenhaft. Der Brite fährt in Monza einen entspannten Sieg ein, während der Spanier sechs Plätze gutmacht und seine WM-Führung ausbaut.

 

Sport: Die Formel-1-WM ist die spannendste und meist umkämpfte der vergangenen Jahre. Fernando Alonso ist der Beste seiner Klasse. Er holt das Beste aus seinem Rennwagen heraus.

GROßBRITANNIEN

Daily Mirror: Abschiedsgeschenk? Hamilton gewinnt in Monza, aber es könnte ein Abschiedsgeschenk für McLaren sein.

 

Daily Mail: Fans wenden sich nach dem Sieg gegen Lewis. Der Siegeschampagner war schon kurz nach dem Knallen des Korkens schal, weil Hamiltons Vertragssaga seinen ersten Sieg beim Großen Preis von Italien überschattete.

Sun: Italienischer Grand Prix: Die Fans sind wütend über Hamiltons Sieg. Lewis Hamiltons 'Italian Job' bekam einen sauren Nachgeschmack, als er von Ferrari-Fans ausgebuht wurde, die Fernando Alonso feiern wollten."

 

The Times: Hamiltons Siegesfeier lässt Spekulationen auf Höchstgeschwindigkeit steigen. Er ließ in Monza ein McLaren-Team zurück, das verwirrt darüber ist, welchen Stellenwert es im rätselhaften Leben des Superstars hat.

FRANKREICH

 

Le Figaro: Bingo. Alonso kann vom Titel träumen. Hamilton macht eine Spazierfahrt. Im Qualifying zeigte er eine beeindruckende Leistung, im Rennen bestätigte der Brite dann, dass er an diesem Wochenende unantastbar war.

 

L'Équipe: Der dritte Platz von Alonso hatte den Geschmack eines Sieges. Der Sieger Hamilton wirkte jedoch nicht glücklich. Macht er sich Sorgen um seinen künftigen Vertrag?

 

Libération: Sergio Perez hat bestätigt, dass er der künftige Formel-1-Star sein könnte.

SCHWEIZ

 

Blick: Saubers größter Triumph. Sauber flog Ferrari davon. In Monza starten die Hinwiler aus dem Nichts – und lassen am Ende beide Ferrari wie Tourenwagen aussehen.

 

Neue Zürcher Zeitung: Schlicht 'incredibile' sagte Sergio Perez zum Rennen in Monza. Und es war wirklich schier unglaublich, was der Mexikaner im Sauber-Boliden im Autodromo zeigte.

Quelle: sip/B.N.
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