Nationalmannschaft
Bundestrainer Löw sucht die neue Leichtigkeit
Flexibler soll das deutsche Team werden – und weniger ausrechenbar. Das richtige Personal dafür besitzt der Bundestrainer. Dienstag gegen Österreich muss einer der neuen Mittelfeldstars auf die Bank.
Lukas Podolski gab Vollgas. Dass es sich nur um eine Trainingseinheit und nicht um ein Pflichtspiel handelte, tat nichts zur Sache. Der Mittelfeldspieler, der im Training auch gern mal nur das Nötigste tut, war auf dem Übungsplatz in Barsinghausen sehr präsent. Die Art und Weise, wie engagiert der 27-Jährige trainierte, passt ins Bild, das die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in diesen Tagen kennzeichnet. Wie der 102-malige Nationalspieler Podolski, der derzeit nur Ersatz ist, muss auch sie sich insgesamt neu finden.
Dabei geht es nicht um eine neue Spielphilosophie. Denn das Credo von Bundestrainer Joachim Löw lautet weiterhin, offensiv zu spielen. Die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) befindet sich auch nicht in einer Identitätskrise. "Die Mannschaft steht nach wie vor für Teamgeist, Einsatz, Willen und Leidenschaft", sagt Teammanager Oliver Bierhoff. Es geht um Kleinigkeiten, wie möglicherweise die Ausbildung der Spieler: Da hatte der DFB in den vergangenen Jahren im Einklang mit den Bundesligavereinen zu Recht viel Wert auf technische Ausbildung gelegt. Mit dem Ergebnis, dass es nun ein Überangebot an begabten Mittelfeldspielern gibt. Dafür herrscht offenbar ein Mangel an einem Spielertyp, den Bierhoff so beschreibt: "Der ganz trocken ist und das Ding einfach mal reinhaut."
Neues Spielsystem getestet
Beim Auftakt in der Qualifikation zur WM 2014 gegen die Färöer (3:0) machte sich Bundestrainer Löw den Überfluss an guten Offensivspielern zu Nutze und wagte ein neues Spielsystem. Statt wie gewohnt mit zwei defensiven Mittelfeldspielern vor der Viererabwehr bot er gleich vier Offensivkräfte auf: Mesut Özil, Mario Götze, Marco Reus und Thomas Müller. Auf der Bank saßen noch Andre Schürrle und eben Podolski. Die Frage, die Löw bewegte: Kann die Mannschaft noch offensiver spielen und den Gegner mit einem noch aggressiverem Pressing vor Probleme stellen?
Ja, sie kann. Wenn auch das Spiel durch den schwachen, aber gut verteidigenden Gegner nicht wirklich Aufschluss darüber gab, ob das System in Zukunft öfter Anwendung finden sollte. Der Bundestrainer will sich Zeit lassen bei der Entscheidungsfindung. Aber im Hinblick auf die Weiterentwicklung des Fußballs hat er erkannt, dass es von Vorteil sein kann, im Mittelfeld auf mehrere spielstarke Offensivkräfte zu setzen. Auf Spieler, die agil sind, ballgewandt und schon vor der Ballannahme wissen, was sie im nächsten Moment tun.
Dadurch ist das Spiel der Deutschen nicht leicht auszurechnen. Gleichzeitig aber müssen die Spieler bei Ballverlust sofort auf Defensive umschalten und den Gegner attackieren. Das erfordert hohe Konzentration und Kondition, weil es arbeitsintensiv ist. Es sorgt aber auch dafür, dass der Gegner kaum Zeit hat, sich zu sortieren. Löw will in den kommenden Monaten intensiv daran arbeiten lassen, das System zu verfeinern: "Denn wir müssen flexibel sein."
Kein Spieler darf nachlässig werden
Nicht nur das. Deutschland muss auch mit der Zeit gehen. Bei der Europameisterschaft im Sommer in Polen und der Ukraine haben die Spanier die 4-1-4-1-Variante bereits praktiziert. Da die Iberer nach dem EM-Titel 2008, dem WM-Sieg 2010 und dem EM-Gewinn in diesem Jahr als das Nonplusultra im Fußball gelten, liegt es nah, ihnen nachzueifern in Bezug auf ein Spielsystem, bei dem es sich kein Spieler auf dem Platz erlauben kann, nachlässig zu werden.
Das liegt einem alteingesessenen Spieler wie Miroslav Klose ohnehin fern. Obwohl der 123-malige Nationalspieler gegenüber neuen Dingen aufgeschlossen ist, macht der Angreifer allerdings keinen Hehl daraus, lieber im gewohnten 4-2-3-1-System zu spielen. Da hätte er vorn etwas mehr Platz. Den benötigt er, um seine Tore schießen zu können. Gegen die Färöer ging Klose trotz einiger Möglichkeiten leer aus. Vor allem an ihm wurde im Anschluss dann auch die mangelhafte Chancenauswertung festgemacht.
Klose hat das registriert, zeigt sich aber dennoch gelassen. "Ich sehe das entspannt", sagt er, als er auf die Debatte um das neue Spielsystem angesprochen wurde: "Vor Jahren haben wir darüber diskutiert, warum wir keinen sogenannten Zehner haben, der die Spieler in Szene setzt. Jetzt haben wir einen Überschuss an Spielern von diesem Format." Heutzutage sei nicht nur der Stürmer gefragt, der viele Tore erziele, sondern der, der auch mit nach hinten arbeite. Vielleicht freut es ihn, dass die Deutschen schon am Dienstag in Wien gegen Österreich wieder mit dem von ihm bevorzugten System spielen werden.
Meist lag Löw mit der Aufstellung richtig
Nun könnte der Beobachter meinen, Löw mache nach nur einem Versuch schon wieder eine Rolle rückwärts. Nein, macht er nicht: Der Bundestrainer nimmt sich einfach nur die Freiheit heraus, so aufzustellen, wie er es je nach Stärke des Gegners für ideal hält. Und diesbezüglich hat er – mal abgesehen von der Aufstellung im EM-Halbfinale gegen Italien (1:2) – zuletzt meistens richtig gelegen.
Fragt sich nur, wer am Dienstag von den Mittelfeldspielern auf die Bank gesetzt wird? Da der Münchner Toni Kroos wieder genesen ist und schon mehrmals vor der Viererkette gespielt hat, muss ein Spieler aus dem Quartett Özil, Götze, Reus und Müller weichen. Wahrscheinlich wird es Götze treffen, der nach seiner Verletzung ohnehin behutsam aufgebaut werden soll. Selbst bei Borussia Dortmund kam er zuletzt nur als Joker ins Spiel.
Und dann hat Löw ja auch noch Lukas Podolski in der Hinterhand. Der ehemalige Kölner, der seit Juli beim FC Arsenal unter Vertrag steht, spielte nach seiner Einwechslung gegen die Färöer vorn im Sturm. Das war nicht ganz neu für den gelernten Angreifer, und vielleicht wird das ja künftig seine Aufgabe.
















