26.08.12

US Open

Kerbers Rückkehr an den Ort ihres eigenen Märchens

Der Schwung aus New York hat Tennisspielerin Angelique Kerber in den vergangenen' zwölf Monaten in die absolute Weltspitze getragen. Jetzt tritt die 24-Jährige als beste Deutsche bei den US Open an.

Foto: picture alliance
Angelique Kerber
Angelique Kerber träumt nicht mehr vom Erfolg – sie ist angekommen

Auf einmal ist sie da. Fast aus dem Nichts und völlig unerwartet begeistert sie ihr Publikum. Gar so, als hätte sie nie etwas anderes getan und erst recht nichts anderes gewollt. Doch dann ist wieder Stille. Sie verschwindet in dieses Trübe Etwas, aus dem sie kam. Der Kampf zurück bleibt ein Versuch. So in etwa klingt die Geschichte von Eintagsfliegen. Gerade aufgetaucht, sind sie auch schon wieder weg. Was von ihnen bleibt, ist ein kurzer Moment des großen Erfolges, eine außergewöhnliche Leistung. Manchmal bleibt ein Summen im Ohr wie bei Lou Begas One-Hit-Wonder "Mambo No. 5", den wohl heute immer noch jeder mitpfeifen kann.

Oder nehmen wir die Olympischen Spiele 2000 in Sydney. Da war dieser junge deutsche Leichtathlet, Nils Schumann, der sich selbst und den Fernsehzuschauern hierzulande mit seinem Gold über 800 Meter einen ungeahnten Glücksmoment schenkte. Davor und danach kam nicht viel. Einmal Rampenlicht und zurück. Das wollte Angelique Kerber vermeiden. "Ich bin mir aber sicher, dass viele Menschen gedacht haben, ich sei eine Eintagsfliege", sagt die Tennisspielerin. "Ich wollte es aber nicht den Leuten da draußen, sondern vor allem mir selbst beweisen." Und das tat sie – mit Bravour.

In New York begann ihr neues Tennisleben

Seit Mittwoch ist die 24-Jährige nun zurück in der Metropole New York, wo vor einem Jahr bei den US Open ihr neues Tennisleben begann. Bei dem vierten Grand-Slam-Turnier des Jahres spielte sie sich als Weltranglisten-92. sensationell ins Halbfinale. Es folgte ein ungeahnter Aufstieg in fast schwindelerregende Höhen: 2011 kam sie als eine von vielen nach New York, jetzt als beste deutsche Tennisspielerin und Nummer sechs der Welt. Angelique Kerber gehört bei dem Turnier vom 27. August bis 9. September sogar zum erweiterten Favoritenkreis. "Im tiefsten Inneren habe ich immer daran geglaubt", sagt die Kielerin.

Als sie jetzt in New York aus dem Flieger stieg, waren all die Erinnerungen an ihren überraschenden Erfolg vor einem Jahr wieder präsent. Welche Bilder genau in ihrem Kopf schwirrten, kann sie gar nicht sagen. "Es war ein Moment, in dem mir wirklich alles, auch das gesamte letzte Jahr, durch den Kopf ging", erzählt sie. "Im vergangnen Jahr ist hier in New York so viel passiert. Ich fühle mich, als sei das gerade erst ein paar Wochen her." Niemand kannte die junge Deutsche, als sie 2011 am Flughafen aus der Maschine stieg. Dieses Mal war es anders. "Jeder hat es realisiert und wusste, wer ich bin", sagt sie immer noch ein wenig verblüfft. Die Welt hat sich verändert für Angelique Kerber.

"Meine Familie hat immer an mich geglaubt"

In der ersten Hälfte des Jahres 2011 sah die Sache noch ganz anders aus. Kerber fuhr in der Tenniswelt umher und schied mit unschöner Regelmäßigkeit in der ersten Runde aus. In New York war dann ihr Ziel, zumindest eine Runde zu gewinnen. Es wurden ein paar mehr. "Ich hätte nie damit gerechnet. Aber in New York kam der Wendepunkt, von dem meine Familie immer gesprochen hatte. Sie hat immer an mich geglaubt", sagt die 24-Jährige. Kerber hatte oft bewiesen, dass sie gegen Topleute mithalten kann – nur gewonnen hatte sie nie.

Aber durch genau solche Spiele und die Unterstützung von Familie und Freunden wusste sie: "Eines Tages schaffe ich es." Und es gelang ihr in jenem Moment, als sie einfach nur spielte und Spaß hatte. "Ich bin eigentlich ein sehr ungeduldiger Mensch", sagt Kerber. Deshalb wollte sie den Erfolg manchmal zu sehr und am besten von heute auf morgen. Solche Gedanken gehören der Vergangenheit an. Auch das große Zweifeln überfällt sie längst nicht mehr. "Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich kurz davor war aufzugeben", sagt sie heute. "Mein Herz hat mir aber immer gesagt: Mach weiter. Irgendwann klappt es. Und ich bin meinem Herzen gefolgt."

In der zweiten Runde droht Venus Williams

Der Schwung aus New York hat sie die ganzen folgenden Wochen und Monate getragen. Kerber ist selbstbewusst genug geworden, um in jedem Spiel dagegen halten zu können. Da kann sie auch die Auslosung bei den diesjährigen US Open nicht schocken. In der ersten Runde trifft sie auf die Britin Anne Keothavong, danach könnte es zum Duell mit der Amerikanerin Venus Williams kommen.

Zweimal traten die Deutsche und die ältere der Williams-Schwestern in diesem Jahr bereits gegeneinander an – zweimal gewann Kerber. In diesem einen Jahr ihres Aufstiegs hat sie sich nicht alleine durch ihre ersten beiden Siege auf der WTA-Tour (Paris und Kopenhagen) etabliert. Kerber gehört zum Club der Besten, weil sie die meisten anderen Topspielerinnen endlich einmal besiegen konnte. Dazu gehören Serena Williams und die Chinesin Li Na ebenso wie die Dänin Caroline Wozniacki und Russlands Tennis-Queen Maria Scharapowa.

Sie ist zäh – auch wenn es nicht so gut läuft

Es ist wohl eine Kombination aus verbesserter Fitness und Schnelligkeit, neuem Selbstbewusstsein und Kampfgeist, die Kerber dort oben verharren lässt. "Man braucht schon Geduld, um sie niederzuringen", stellte die ehemalige Weltranglistenerste Lindsey Davenport fest. Kerber selbst sagt: "Ich bin eine Fighterin. Ich gebe keinen Ball verloren – egal, wie es steht." Gleich mehrmals wehrte sie in diesem Jahr Matchbälle ab und gewann anschließend. Sie ist zäh – auch wenn es mal nicht so gut läuft: "Du musst auch in schlechten Zeiten stark sein – auf und neben dem Platz. Das habe ich gelernt", sagt Kerber.

Zurzeit aber muss sie sich um schlechte Phasen keine Gedanken machen – auch wenn frühe Niederlagen wie bei jeder Topspielerin immer mal wieder vorkommen werden. "Ich bin fit, voller Selbstvertrauen und hoffe, alles wird gut", sagt sie mit Blick auf die US Open. Nach ihrer Finalniederlage in Cincinnati hatte Kerber für das Turnier in Dallas vergangene Woche abgesagt. Die Schulter schmerzte, aber das ist vorbei.

In New York wird sie erholt und fit auf dem Platz stehen – und im Mittelpunkt. Dabei ist die Kerber eher "ein ruhiger Mensch", wie sie selbst sagt. "Ich muss nicht nonstop im Mittelpunkt stehen. Ich brauche meine Zeit, meine Rückzugsorte." Aber sie hat sich bestens eingelebt in der Weltspitze und mit dem Trubel um sie herum gut angefreundet. "Ich genieße das auch", sagt Deutschlands Nummer eins. "Es ist eine Ehre."

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