24.08.12

Kommentar

Tour de France sollte keine Nachfolger Armstrongs küren

Der Amerikaner ist alle Tour-Siege los. Doch Jan Ullrich nun zum Triumphator zu erklären, wäre ein Treppenwitz, meint Raik Hannemann.

Quelle: dapd
24.08.12 0:51 min.
Jahrelang hat er sich gegen die Doping-Vorwürfe gewehrt, jetzt gibt er den Kampf auf. US-Radsportler Lance Armstrong wird voraussichtlich alle sieben Tour-de-France-Titel verlieren.

Lance Armstrong werden all seine sieben Siege bei der Tour de France aberkannt. Etwas Besseres kann dem Radsport gar nicht passieren, denn nun ist auch der Frontmann einer hoffnungslos verseuchten Generation von Radprofis zur Strecke gebracht.

Dieses Urteil ist ein wichtiges Zeichen für die Zukunft, ohne dass es umgehend sofort, ja auch immer wieder Nachahmer gegeben hatte, wie Floyd Landis oder Alberto Contador, die die rund 3500 oftmals sehr steilen Kilometer quer durch Frankreich, später in ähnlich aberwitzigem Tempo wie Armstrong von durchschnittlich rund 42 Stundenkilometern als Erste beendeten – um dann doch des pharmazeutischen Betrugs überführt zu werden.

"Es bringt keinen Erfolg, wenn man betrügt, um zu gewinnen", sagt Travis Tygart, der Chef der US-Anti-Doping-Agentur (Usada) zu seiner Entscheidung. Und dass diese Maxime nun auch für einen der größten Weltstars des Sports wie Armstrong gilt, der sich dank seiner verdienten Millionen und seiner guten Kontakte in die Politik teure Anwälte und Prozesse leisten konnte und somit lange als unantastbar erschien, zumal die lobenswerte Arbeit mit seiner Stiftung "Livestrong" ihm auch noch die Aura eines Gutmenschen verschaffte, wird hoffentlich viele (sicher nicht alle) zum Umdenken bewegen.

Urteil ist eine Chance für den Sport

Dieses Urteil ist auf jeden Fall eine Chance für den Sport, die er nutzen sollte. Deswegen sollten die Organisatoren der Tour de France jetzt auch auf keinen Fall neue Sieger zum Nachfolger Armstrongs küren, sondern für diese Zeit einfach auf diese verzichten. Der Deutsche, Jan Ullrich, war in den Jahren 2000, 2001 und 2003 hinter Armstrong auf Platz zwei des wichtigsten Radrennens der Welt gefahren. Doch ihm nun zum Triumphator zu erklären, wäre ein Treppenwitz.

Ullrich ("Die Leute wollen mich immer noch live auf dem Fahrrad sehen") war erst im Februar 2012 als Doper verurteilt worden, zudem hat er nie etwas Substanzielles zur Aufklärung der schlimmsten Dopingkrise des Sports beigetragen und sich lieber der Omerta der Mafia gleich Schweigegelübde der Szene angeschlossen. Dass der Sportgerichtshof Cas nur alle Ergebnisse Ullrichs seit dem 1. Mai 2005 annullierte, hat eher formaljuristischen Hintergrund. Und dass die Bonner Staatsanwaltschaft, die per DNA-Abgleich bei einem Blutbeutel Ullrichs Kooperation mit dem Blutdoper Fuentes belegt hatte, die Untersuchungen gegen den in der Schweiz lebenden Exprofi einstellte und kein Verfahren wegen Betruges am Teamsponsor mehr anstrengte, hat er sich mit 250.000 Euro für gemeinnützige Zwecke erkauft.

"Ich habe niemanden betrogen"

Ullrich ("Ich habe nie jemanden betrogen") nachträglich zum Helden zu machen, wäre fatal und würde die Botschaft, dass sich Betrug nicht lohnt, konterkarieren. Und auch Ullrich selbst hat bereits bekundet, kein Interesse an einer solchen Lösung zu haben.

Eines sollte man in der Causa Armstrong aber noch festhalten. In die Knie gezwungen hat den "Tourminator" nicht die Sportgerichtsbarkeit. Armstrong behauptet nun zwar, seine andauernde Verteidigung habe ihm, seiner Familie und der Arbeit mit seiner Stiftung einen "zu hohen Zoll" abverlangt und er sei jetzt "fertig mit diesem Unsinn", aber letztlich musste er einsehen, dass er gegen Chefermittler Jeff Nowitzky und dessen rechtsstaatliche Möglichkeiten nicht mehr so viel ausrichten kann, wie zuvor bei den Sportinstanzen.

Angst vor Anklage wegen Meineids

Ehemalige Mitstreiter, wie George Hincapie, David Zabriskie, Christian Vande Velde, Levi Leipheimer und Jonathan Vaughters hatten aus Angst vor einer Anklage wegen Meineids das Doping gestanden und ihren früheren Chef belastet. Dank Kronzeugenregelung kommen sie dafür mit einer Sportsperre von nur sechs Monaten davon. Aber Armstrong würde so nun auch riskieren, selbst wegen Meineids verknackt zu werden. Auch das dürfte ihn zur Aufgabe bewogen haben.

Ein Vorgang, der so in Deutschland nicht möglich ist. Bislang kämpft die bayrische Justizministerin Beate Merk vergebens um die Einführung eines Straftatbestands des Sportbetrugs, um Staatsanwälten und deren Ermittler "ein scharfes Schwert" zu geben. Auch will sie den Besitz von Arzneimitteln oder Wirkstoffen zu Dopingzwecken unter Strafe stellen. "Sonst kommen wir an die dopenden Sportler selbst nicht heran. Außerdem brauchen wird eine Kronzeugenregelung, um die Mauer des Schweigens gerade im Spitzensport zu durchbrechen", sagte die CSU-Politikerin bei der Vorstellung eines Gesetzentwurfes im Juli. Der Fall Armstrong zeigt, dass es sich lohnt, diesen zu diskutieren.

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