19.08.12

Leichtathletik

Werbung um neue Fans vor historischer Kulisse

Mit dem neuen Format "Berlin fliegt" will die Leichtathletik auf die Menschen zugehen und neues Publikum begeistern: Vor dem Brandenburger Tor feiern auch Zufallsbesucher die Stars von London.

Foto: DAPD
Björn Otto vor dem Brandenburger Tor
Höhenflug: Björn Otto wurde an historischer Stätte ebenso gefeiert wie in London

Lukas ist zwar erst zwölf Jahre alt, aber trotzdem schon fast ein alter Hase in der Leichtathletik. Er war mit seinen Eltern bereits öfters beim Internationalen Stadionfest (Istaf), sogar bei den Weltmeisterschaften 2009 im Berliner Olympiastadion. Und – natürlich! – auch bei den Olympischen Spielen in London durfte er zuschauen, wenn auch nur am Fernseher. Er findet Leichtathletik eben toll – "weil sie so abwechslungsreich ist".

Besonders fasziniert haben ihn in London die Stabhochspringer, und da traf es sich ganz gut, dass dieser besondere Wettkampf in die deutsche Hauptstadt kam. "Berlin fliegt", ein Vierländerkampf mit US-Amerikanern, Russen, Franzosen und dem Gastgeberteam, bestehend aus jeweils einer Weitspringerin, einem Weitspringer und einem Stabhochspringer. Lukas Tesche und seine Eltern hatten sich extra so hingesetzt, dass sie von ganz nah Björn Otto zuschauen konnten, der tatsächlich mit seinem letzten Sprung die 5,70 Meter hoch liegende Latte überquerte und damit Deutschland den Sieg bescherte.

"Näher zu den Menschen"

Da konnte sich Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), bestätigt fühlen, im doppelten Sinne. Zum einen wünscht er sich: "Wir wollen die Leichtathletik näher zu den Menschen bringen." Also raus aus den Stadien, mitten hinein in die Stadt, wo nicht nur das Fachpublikum erscheint, sondern auch Passanten, die wie hier das Brandenburger Tor besichtigen wollen. Dann feststellen, dass auf dem Pariser Platz direkt davor so ein ungewöhnlicher Wettkampf läuft.

Und stehen bleiben und sich begeistern lassen. Bei "Berlin fliegt" hat das funktioniert. Rund 2000 Zuschauer sahen zu, die meisten von einer extra errichteten Tribüne, aber auch viele Zufallsbesucher blieben eine Weile stehen. Aber Prokop hofft zugleich, dass junge Menschen der bis vor kurzem noch darbenden Sportart, die in London mit dem Gewinn von acht Medaillen positiv überraschte, neuen Schwung geben.

Gute Stimmung trotz Affenhitze

Das neue Format wird offenbar angenommen, nicht nur von den Zuschauern an Ort und Stelle. Im vergangenen Jahr, bei der Premiere des ungewöhnlichen Nationenvergleichs, hatte Eurosport live übertragen, diesmal war es die ARD. Vom Freitag wurde die unterhaltsame Veranstaltung auf den Sonntag verlegt, auch dies ist durchaus eine Aufwertung. Die Stimmung ist trotz der Affenhitze gut, und die Athleten scheinen alles zu genießen: das Wetter, die Atmosphäre und das Ambiente.

So sagt US-Weitspringer Will Claye: "Wenn ich nach Hause komme, werde ich meinen Leuten erzählen, es war super Wetter, ein tolles Publikum, ich sah große Geschichte. 'Berlin fliegt' ist geil." Auch Björn Otto, wie Claye Silbermedaillengewinner in London, war begeistert: "Wir springen ja auch auf Rügen oder vor dem Kölner Dom, aber vor dem Brandenburger Tor, dann noch im Fernsehen und dann noch für Deutschland – das ist schon etwas Besonderes."

"So ein Event macht einfach Spaß"

Zwar sei es wiederum anders, vor 80.000 Zuschauern wie in London zu springen, aber die Lautstärke sei ihm nun in Berlin fast genauso vorgekommen – wegen der Nähe. "So ein Event macht einfach Spaß", pflichtete Weitspringer Sebastian Bayer bei, wenngleich es für die sportliche Höchstleistung nicht unbedingt förderlich sei. Denn es zählt bei dem ausgeklügelten System nicht die beste Leistung.

Jeder Teilnehmer springt viermal. Jeder Durchgang wird einzeln bewertet: Der Gewinner holt für sein Land vier Punkte, der Zweite drei, der Dritte zwei, der Letzte noch einen. Fehlversuche allerdings werden mit null Punkten bestraft. In Berlin nun hatten die Deutschen als Sieger am Ende 35 Punkte vor den USA (29,5), Russland (24) und Frankreich (20,5). Halbe Punkte kommen zustande, wenn zwei Springer gleiche Weiten oder Höhen erzielen.

Unterstützung für Berlins EM-Bewerbung

Zu wichtig wird das Ganze dann aber doch nicht genommen, wenngleich die siegreiche Mannschaft sich 24.000 Euro Prämie teilen darf, das zweitplatzierte Team nur 12.000 erhält. Wichtiger sind andere Faktoren. Mit "Berlin fliegt" will der DLV auch Promotion für das Istaf am 2. September machen und für die Bewerbung Berlins um die Europameisterschaften 2018.

Der Präsident des Europäischen Leichtathletik-Verbandes EAA, Hansjörg Wirz, saß ebenso im Publikum wie andere Council-Mitglieder, die über die Vergabe der Titelkämpfe entscheiden werden. Sie werden zufrieden registriert haben, dass insgesamt zehn Fernsehanstalten von dem Wettkampf berichtet haben und dass schon klar ist, dass auch die dritte Auflage 2013 in Berlin bereits gesichert ist.

Obwohl wie immer nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Lukas Tesche ist zwar begeistert von der Leichtathletik, aber er will auch in Zukunft lieber Tennis spielen. Trotz Björn Otto.

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