06.07.12

Neue Technik

Tor oder kein Tor ist bald nicht mehr die Frage

Der Fußball-Weltverband Fifa führt die lange herbeigesehnte Torlinientechnologie ein – allerdings mit Einschränkungen.

Foto: DPA
Torlinientechnologie in Nürnberg vorgestellt
Technisches Hilfsmittel: Durch einen Chip im Ball können strittige Torszenen aufgeklärt werden

Nach der größten Regel-Revolution im modernen Fußball tauchte Joseph Blatter ganz schnell ab. Fragen der wartenden Weltpresse zur bahnbrechenden Einführung der Torlinientechnologie wollte der Fifa-Präsident nicht beantworten. Die historische Entscheidung steht für sich, meinte Blatter wohl. Doch nach der Sitzung des International Football Association Board (IFAB) am Donnerstag in Zürich bleibt vieles im Unklaren.

So ist weiter unsicher, wann und ob die Systeme Hawk-Eye oder GoalRef zur zweifelsfreien Torerkennung in Deutschland zum Einsatz kommen. Plötzlich stehen die nationalen Funktionäre von DFB und DFL unter Entscheidungszwang.

Fest steht immerhin: Erstmals sollen Schiedsrichter bei der Klub-WM im Dezember in Japan die Hilfe offiziell in Anspruch nehmen können. Beim Confederations Cup 2013 und der WM 2014 in Brasilien wird das System einem großen, weltweiten Publikum präsentiert. "Natürlich ist es ein ganz entscheidender Tag für den Fußball. Es wurde jahrelang diskutiert. Nun haben wir eine klare Richtlinie", sagte Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke am Donnerstag. Beide Systeme müssten noch einen "Fifa-Stempel" als Zertifikat erhalten und auf ihre Tauglichkeit geprüft werden.

Profiligen entscheiden selbst

Die Technik-Verwirrung könnte den Fußball-Fan schon bald befallen. In der WM-Qualifikation wird es zum Beispiel keine Schiri-Hilfe geben. Ein Verlierer des Tages ist auch Uefa-Präsident Michel Platini. Sein System mit zwei zusätzlichen Torlinien-Richtern wird zwar weiter geduldet. Doch verweigert Europas Kontinentalverband wie angekündigt die Technikeinführung bei seinen Top-Wettbewerben Champions League und EM, wird das Wehklagen bei der nächsten Fehlentscheidung garantiert noch lauter sein. Platini ist also in der Zwickmühle.

Wie die deutschen Fußball-Größen auch. Alle Verbände und Profiligen wie die Bundesliga oder die englische Premier League können selbst über eine Einführung der aufwendigen Systeme entscheiden – müssen aber auch die Kosten in erwarteter Millionenhöhe selber tragen. "Zum DFB kann ich nichts sagen. Der Ball liegt bei ihnen", sagte Valcke.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball haben die Entscheidung der Fifa begrüßt. "Aus Sicht des DFB ist es ein Schritt in die richtige Richtung, aber Schnellschüsse in der Umsetzung darf es nicht geben. Zur neuen Saison ist eine Einführung absolut unmöglich. Es ist der richtige Weg, den Einsatz der Technik zunächst auf die großen Fifa-Turniere zu konzentrieren", sagte Niersbach. Für Rauball ist die Einführung in der Bundesliga zur übernächsten Saison denkbar. "Das ist für die Zukunft des Fußballs ein erster wichtiger Schritt. Ich kann mir das aber frühestens zur Saison 2013/14 vorstellen", sagte Rauball: "Und man muss sehen, was das für die unteren Ligen bedeutet. Denn in Wimbledon ist es ja auch so, dass die Hawk-Eye-Technologie auch nur auf den Plätzen 1 und 2 genutzt wird." Die Aufrüstung würde mit bis zu 160.000 Euro zu Buche schlagen – pro Stadion.

Valcke hatte Mühe zu betonen, dass die Entscheidung den Fußball entzweit und nur die reiche Fifa sich die Technik leisten kann. Und: Weitere Technik wird es im Fußball nicht geben, versicherte Valcke.

Gewinner des Tages sind die Produzenten der Systeme Hawk-Eye und GoalRef. Die aus dem Tennis bekannte Technologie Hawk Eye stammt aus England. Bis zu sechs Kameras nehmen das Spielgeschehen auf und funken Bilder an einen zentralen Computer. Dieser berechnet aus der Bildersumme die Position des Balles und sendet bei einem Tor ein Signal auf die Armbanduhr des Schiedsrichters. Aber: Liegt ein Spieler auf dem Ball, können keine Bilder aufgenommen werden. Gekauft wurde das Knowhow vom Unternehmen Sony – einem Fifa-Sponsor.

Magnetfeld-Technik aus Erlangen

Das Fraunhofer Institut in Erlangen war an der Entwicklung des sogenannten "Intelligenten Tores" GoalRef maßgeblich beteiligt. Im Torrahmen wird dabei ein Magnetfeld erzeugt. Im Ball sind drei Magnetspulen. Überquert der Ball die Torlinie, wird durch das Magnetfeld im Tor ein Magnetfeld im Ball aktiviert, und ein zugeschalteter Computer sendet ein Signal auf die Armbanduhr des Schiedsrichters. Entwickelt wurden spezielle Bälle. Fifa-Sponsor adidas hat großes Interesse.

Fifa-Boss Blatter hat die Einführung am Abend erwartungsgemäß begrüßt. "Es ist ein historischer Tag, für den Fußball und alle Fans. Für uns als Weltverband war klar, dass sich so etwas wie bei der WM 2010 und zuletzt bei der EM nicht wiederholen darf." Beide Systeme seien "zu 99 Prozent sicher" seien. Weitere Technologien sollen im Fußball aber nicht zum Einsatz kommen. "Der Fußball muss sein menschliches Gesicht behalten. Außerhalb der Tortechnologie braucht man die Kameras beim Fußball nur für die TV-Bilder", sagte der 76 Jahre alte Schweizer und fügte hinzu: "Da kann ich meinen Freund Michel Platini beruhigen". Uefa-Präsident Platini hatte Vorbehalte gegen die Torlinientechnologie geäußert.

Quelle: BMO
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