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03.07.12Nach der EM
"Schweinsteiger könnte den neuen Libero spielen"
Taktik-Experte Frank Wormuth spricht mit "Berliner Morgenpost" über neue Trends bei der EM, die Kritik an Bundestrainer Joachim Löw und die Renaissance eines längst ausgestorben geglaubten Spielertyps.
Von Jörn Meyn
Foto: AFP
Spielt Bastian Schweinsteiger in der Nationalelf bald auf einer neuen Position? Frank Wormuth hält es für möglich
Frank Wormuth war in den vergangenen drei Wochen der Europameisterschaft ein vielbeschäftigter Mann: Für die Nationalmannschaft beobachtete der 51-Jährige die Gruppe A und beriet Bundestrainer Joachim Löw in Taktik-Fragen. Als Leiter der Fußballlehrerausbildung des Deutschen Fußball Bundes (DFB) und Trainer der U20-Auswahl ist Wormuth einer der besten Kenner der verschiedenen Spielsystemen im Weltfußball. Bei der EM beeindruckten ihn vor allem die Spanier und Sami Khedira.
Berliner Morgenpost: Herr Wormuth, waren Sie überrascht, mit welcher Deutlichkeit die Spanier das EM-Finale gegen Italien gewonnen haben?
Frank Wormuth: Eigentlich hatte ich mit einem offenen Schlagabtausch gerechnet. Ausschlaggeben für die Dominanz der Spanier war zum einen, dass die Italiener lange in Unterzahl spielen mussten. Und zum anderen haben die Spanier im entscheidenden Moment zu alter Stärke zurückgefunden.
Berliner Morgenpost: Viele Kritiker hatten es ihnen nicht mehr zugetraut. Es hieß, "Tiki-Taka" sei langweilig. José Mourinho sprach sogar von einem "sterilen Fußball". Warum ist es dennoch keiner Mannschaft gelungen, die Spanier zu schlagen?
Wormuth: Genau das, was an den Spaniern so kritisiert wird, ist ja eigentlich ihre große Stärke. Sie halten den Ball unglaublich sicher in den eigenen Reihen und sind so für den Gegner kaum zu fassen. Sie warten geduldig auf den richtigen Moment, um dann mit einem finalen Pass in die Schnittstelle der Abwehr Torchancen zu kreieren. Zwar haben sie sich während des Turniers von Pfiffen der Zuschauer teilweise verunsichern lassen, doch im Finale haben sie ihren Stil perfekt durchgespielt.
Berliner Morgenpost: Vicente del Bosque, der spanische Nationaltrainer, ließ gegen alle Widerstände ein System ohne echten Stürmer spielen, eine Art 4-6-0. Manche sprechen auch von einer "falschen Neun".
Wormuth: " Der Begriff "falsche Neun" ist irreführend. Die Spanier haben verschiedene Neuner: Fabregas, Silva oder Iniesta sind ja immer wieder in Position des zentralen Stürmers gestoßen. Das ist ja das Gefährliche für den Gegner: Die Spanier spielen selbstverständlich auch mit einem Stürmer, nur ist dieser nicht fix, sondern variabel. Daher wäre der Begriff "variable Neun" treffender. Ein 4-6-0-System gibt es nicht.
Berliner Morgenpost: Ist es denkbar, dass auch die deutsche Mannschaft in der Zukunft so spielen wird?
Wormuth: Warum nicht? Wenn wir zum Beispiel Mario Götze ins Sturmzentrum stellen würden und um ihn herum quirlige Leute, dann könnten wir das auch spielen. Die Frage ist nur, ob wir das überhaupt wollen. Warum sollten wir alles abkupfern, was die Spanier machen? Es entspricht nicht unserer Philosophie.
Berliner Morgenpost: Welche anderen taktischen Trends haben Sie bei der EM beobachtet?
Wormuth: Auffällig war, dass viele Mannschaften bereits sehr früh den Gegner attackieren. Oft wurde bereits der Torwart unter Druck gesetzt und zu einem langen Ball gezwungen. Darüber hinaus ist aufgefallen, dass viele Teams im Angriffsverhalten den spanischen Stil versucht haben zu imitieren. Dabei lief vieles durch die Mitte und an den Außenpositionen wurden kaum noch Überzahlsituationen erzeugt. Ein gutes Beispiel dafür waren die Russen: Gegen Griechenland sind sie unter anderem deshalb ausgeschieden, weil sie durch die Mitte nicht zum Torerfolg kamen und es dennoch nicht über die Außenpositionen versucht haben.
Berliner Morgenpost: Die beiden Finalisten waren die einzigen Teams, die nicht das etablierte 4-2-3-1-System gespielt haben. Die Spanier spielten eben jenes stürmerlose System und die Italiener sogar mit zwei nominellen Angreifern. Bahnt sich da ein Paradigmenwechsel an?
Wormuth: Weil sich in den vergangenen Jahren viele Teams in ihrer Grundordnung am 4-2-3-1 orientiert haben, versuchen nun manche Trainer einen Gegentrend zu entwickeln, um weniger ausrechenbar zu sein. Das ist völlig normal im Fußball. So hat zum Beispiel Italiens Coach Cesare Prandelli in der Vorrunde mit einem 3-5-2-System experimentiert, das sich bei Ballbesitz des Gegners zu einem 5-3-2 verschob. Vielleicht hat das Zukunft und wir sehen dann bei der WM 2014 in Brasilien vermehrt dieses Spielsystem.
Berliner Morgenpost: Prandelli ließ Daniele de Rossi gegen Spanien in der Vorrunde als freien Mann im Abwehrzentrum auflaufen. Erleben wir da etwa gerade eine Renaissance des Liberos?
Wormuth: Die Geschichte des Fußballs zeigt, dass vieles, was schon einmal dagewesen ist, zurückkommt. Und somit ist auch die Wiederentdeckung des Liberos möglich. Aber de Rossi hat ja nicht wie einst Franz Beckenbauer den klassischen Libero hinter der Abwehr gegeben. Vielmehr spielte er auf einer Höhe mit den Außenverteidigern und agierte manchmal sogar vor der Abwehr. Somit gibt es keine Renaissance des Liberos, sondern vielmehr eine Neuinterpretation.
Berliner Morgenpost: Mats Hummels scheint fast schon prädestiniert zu sein für diese Position, falls der Bundestrainer Joachim Löw das 3-5-2 ausprobieren würde.
Wormuth: Prandelli hat ja mit de Rossi nicht umsonst einen Mittelfeldspieler auf diese Position gestellt. Zwar traue ich es Hummels durchaus zu, aber spontan würde ich eher auf den älter werdenden Bastian Schweinsteiger tippen. Er könnte das durchaus irgendwann in der Zukunft spielen. Damit wäre dann der klassische Zehner über die Sechserposition bis zurück in die Innenverteidigung gewandert.
Berliner Morgenpost: Bastian Schweinsteiger wurde für seine Leistung bei der EM ebenso kritisiert wie Löw. Oliver Kahn sagte in einem Interview, das taktische Konzept sei beim Halbfinal-Aus gegen die Italiener nicht aufgegangen. Stimmen Sie zu?
Wormuth: Es ist immer einfach, nach dem Spiel zu sagen, das taktische Konzept sei nicht aufgegangen. Aber was wirklich hinter der Idee von Jogi Löw stand, Kroos statt Müller zu bringen, das wissen wir doch überhaupt nicht. Wir sollten aufhören, immer nur schwarz oder weiß zu sehen. Wir hatten das jüngste Team im Turnier und auch wenn nicht alles funktioniert hat, so hat sich unsere Mannschaft in den vergangenen Jahren unglaublich gut entwickelt. Und es kommt ja auch noch einiges nach: Mario Götze haben wir ja noch gar nicht richtig gesehen. Der ist für mich ein kleiner Messi, an dem wir noch viel Freude haben werden.
Berliner Morgenpost: Vielleicht wird Götze der Spieler der WM 2014 in Brasilien. Wer aber war für Sie die prägende Figur bei dieser EM?
Wormuth: Das ist sehr schwer und ich möchte mich nicht auf einen einzigen Spieler festlegen. Natürlich sprechen jetzt alle von Pirlo, Xavi oder Iniesta, aber mich hat besonders auch Sami Khedira überzeugt. Er fällt oft gar nicht so sehr auf, läuft aber so viele Räume zu und ist enorm wichtig für die Mannschaft. Er war sicher einer der herausragenden Spieler der EM.
DIE TOPS
Fairness
Nur ein Platzverweis und zwei Gelb-Rote Karten dokumentieren den Gesamteindruck einer fairen EM. Zwar mag sich manch einer, dem das deutsche Spiel zu glatt erschien, einen Hans-Peter Briegel oder Karlheinz Förster herbeigewünscht haben. Aber der moderne Verteidiger kommt eben ohne Foulspiel aus. Hervorzuheben ist hier besonders Mats Hummels, Deutschlands Abwehrchef, der fast immer ohne heftiges und damit zu sanktionierendes Einsteigen auskommt – gegen Cassano allerdings hätte das vermutlich geholfen…
Zuschauer
Zu den 31 Spielen strömten 1.442.083 Fans in die acht Stadien, womit die alte Bestmarke von der EM 1996 in England (1.269.894) deutlich übertroffen wurde.
Andrea Pirlo
Alter schützt vor Leistung nicht. Vor der Saison wurde der 33-Jährige beim AC Mailand aussortiert und sicherte sich dann nach seinem Wechsel zu Juventus Turin souverän die Meisterschaft. Bei der EM zeigte der Italiener, wie clever Mangel an Schnelligkeit durch eine feine Technik auszugleichen ist. Seine Pässe in die Spitze suchen im europäischen Fußball ihresgleichen.
Andres Iniesta
Vor dem Turnier hieß es, die Spanier seien ob ihrer Titelgewinne satt und überspielt. Andres Iniesta bewies das Gegenteil, führte seine Mannschaft ins Endspiel und zeigte dort mit seinem wiedererstarkten, kongenialen Partner Xavi eine Weltklasseleistung. Das "Tiki-Taka" der beiden Spieler vom FC Barcelona als überragend zu bezeichnen, ist nur die halbe Wahrheit. Es ist phänomenal, majestätisch, gigantisch, pompös und – am wichtigsten: Es ist erfolgreich. Ganz nebenbei wurde Iniesta auch noch zum Spieler der EM gewählt.
Irische Fans
Auf dem Platz holten sich die Iren eine Klatsche nach der nächsten ab, auf den Rängen wurden sie Europameister. Wie die Anhänger die Kurvenhymne "The Fields of Athenry" mehrmals intonierten, rief bei fast jedem Zuschauer Gänsehautgefühl hervor. Hoffentlich dauert es nicht wieder 24 Jahre, ehe Irland mal wieder an einer EM teilnehmen darf.
Fernando Santos
Auf den Spuren von Otto Rehhagel gab der Trainer den gebeutelten Griechen Selbstvertrauen zurück. Die vielleicht größte Trainerleistung dieser EM.
Mario Mandzukic
Einer der besten Angreifer des Turniers, in Wolfsburg trotzdem nicht mehr gewollt, in München mit Kusshand genommen. Dank seiner beherzten Auftritte wechselt der Kroate nun für 13 Millionen Euro zu den Bayern.
Iker Casillas
Mit dem 100. Sieg im Nationaltrikot kürte er sich zum Europameister, dazu hat er noch die hübscheste Reporterin der Welt zur Freundin: Sara Carbonero.
Sami Khedira
Neuer Anführer der Deutschen – und bald auch neuer "Capitano"? Dem Mittelfeldstrategen von Real Madrid trauen nach einer starken EM viele die Führungsrolle im Nationalteam zu.
DIE FLOPS
Michel Platini
Als Präsident der Uefa versäumte es der Franzose, gegen die Menschenrechtsverletzungen im Gastgeberland Ukraine Stellung zu beziehen. Ein Sportfunktionär muss so etwas nicht zwingend tun, hätte sich aber jede Menge Respekt damit erworben. Was stattdessen in den Hirnwindungen von Platini (Foto zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel) vorgeht, bekamen die Fans am Schlusstag des Turniers in Kiew zu hören. Die EM 2020, so plant es der Verbandsboss, soll in zwölf Ländern stattfinden – Wiederwahl von Platini inklusive.
Englands Elfmeter
Lernen sie es denn nie? Vor der EM noch schrieb der "Daily Telegraph" ob Chelseas Sieg über die Bayern euphorisiert: "Ein englischer Klub schlägt einen deutschen im Elfmeterschießen – notiert diesen Tag in euren Geschichtsbüchern." Sie hätten es wissen können, schließlich war seinerzeit in Didier Drogba ein Nicht-Brite zum entscheidenden Schuss gegen Manuel Neuer angetreten. Diesmal war es wie so oft: England erreicht die K.o.-Runde und scheitert bei den Duellen vom Punkt, im jüngsten Fall an den cleveren Italienern um Andrea Pirlo, der den Ball ins Tor löffelte und sich den Antonin-Panenka-Gedächtnispreis sicherte.
Liveübertragung
Manipulation oder echt? Diese Frage wurde noch nie bei einem Turnier gestellt, diesmal aber hinreichend diskutiert. Während des Niederlande-Spiels schiebt Bundestrainer Joachim Löw einem Balljungen den Ball aus der Hand. Im Italien-Spiel weint eine Frau nach dem 0:2 hemmungslos auf der Tribüne. Emotionen aus der Konserve. Die Bilder wurden schon vor dem Anpfiff aufgezeichnet und von der Regie in die Liveübertragung geschnitten. "Manipulation", so ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz.
Bastian Schweinsteiger
Der Bayer sollte das Spiel der deutschen Auswahl führen, war aber mehr mit sich selbst beschäftigt. Nach durchwachsener Saison ohne Titel bestätigte die EM Schweinsteigers Status als Mitläufer. Er wird es schwer haben, aus dem Loch zu kommen.
Der Mittelstürmer
Spanien wurde ohne echten Neuner Europameister, Italien überzeugte mit rotierenden Angreifern. Deutschland und Portugal setzten im Halbfinale auf den Einsatz klassischer Mittelstürmer (Mario Gomez, Hugo Almeida) und schieden aus.
Teams aus Polen und der Ukraine
Die Gastgebernationen scheiterten schon in der Vorrunde und sorgten dafür, dass die Stimmung bei den einheimischen Fans früh dahin war.
Frankreich
Als Favorit angetreten, als Niemand heimgefahren. Nach dem Rücktritt von Laurent Blanc ist die "Grande Nation" mal wieder mal auf Trainersuche.
Klaas-Jan Huntelaar
Ein Bundesliga-Torschützenkönig als Bankdrücker und Unruhestifter. Das Scheitern der Niederlande war auch das Scheitern des selbstbewussten Stürmers auf internationaler Bühne.
Torrichter
Unnütze Einführung. Als es darauf ankam (Ukraine – England), hatte der Offizielle Tomaten auf den Augen.
ZDF
Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn kommentieren das Finale aus 1300 Kilometer Entfernung im Ostseebad Heringsdorf. Wer hatte nur diese Schnapsidee?
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