18.04.09

Tennis

Sabine Lisicki ist auf dem Weg nach oben

Am Anfang ihrer Karriere fiel Sabine Lisicki vor allem durch ihre große Klappe auf. Doch inzwischen wächst das Vertrauen in den neuen Tennisstar aus Berlin. Sie verkörpert die richtige Mischung aus Spielstärke, Schlaghärte und Siegerpsyche. Ein bisschen wie ihr großes Vorbild Steffi Graf.

Von Jörg Winterfeldt
Foto: AP

... und heißt Sabine Lisicki.

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Besser als in ihrem quietschgelben Trikot konnte Sabine Lisicki ihr Gespür für den rechten Augenblick kaum beweisen. Bis zur vergangenen Woche nämlich lief die Saison der jungen deutschen Tennisspielerin so durchwachsen, dass sie vom Ranglistenplatz 49 im vorigen Oktober wieder 14 Positionen hinabgerauscht war. Doch am kommenden Wochenende steht nun das erste Länderspiel des Jahres an. In Frankfurt trifft Deutschland im Fedcup auf China. Es geht um den Aufstieg in die Weltgruppe 1. Zwar war Lisicki, die im Februar 2008 in Kalifornien gegen die USA im Nationalteam debütierte, ohnehin gesetzt. Doch fügt es sich für das eigene Selbstvertrauen wie für die Werbung glücklich, dass sie in der Woche vor der Partie zeigt, was sie kann: Lisicki, die voriges Jahr gleich Lindsay Davenport im Fedcup mit ihrem Sieg verblüffte, gewann beim Turnier in Charleston/South Carolina im Achtelfinale 6:4, 7:6 gegen Venus Williams, Weltranglistenfünfte und Wimbledonsiegerin. "Das war damals echt cool, aber der Sieg gegen Venus ist mehr wert", schwärmte Lisicki. "Ich habe manchmal ein bisschen viel riskiert, aber das ist halt mein Spiel."

Auftritte nach Masterplan

Sabine Lisicki (19) personifiziert ein Projekt. Ihre Auftritte richten sich nach einem akkuraten Masterplan, den Vater und Trainer Richard mit der Vermarktungsagentur IMG entworfen hat. Zielsetzung: steter Aufstieg in die Spitze. Im Herbst erreichte sie ihr erstes Profifinale in Taschkent. Sie verlor. In der Nacht zu heute spielte sie im Halbfinale von Charleston nach dem 6:4, 6:0 über die Russin Jelena Wesnina gegen Marion Bartoli (Frankreich) um eine erneute Endspielteilnahme.

Da die Blondine früh verbal sämtliche Zwischenstationen unbescheiden übersprang ("Ich will mal die Nummer 1 werden"), registrierte die Republik Lisicki nur skeptisch als nächste Möchte-gern-Steffi-Graf. Inzwischen wächst das Vertrauen, dass der großen Klappe tatsächlich die große Karriere folgen könnte: "Zwar ist das Ziel Nummer 1 sehr, sehr ambitioniert", warnt der Sportdirektor des Deutschen Tennisbundes, Klaus Eberhard; aber Lisickis Kombination aus Spielstärke, Schlaghärte und Siegerpsyche stimme optimistisch: "Sabine hebt sich ab von der Masse und hat keine Angst vor großen Namen." Bundestrainerin Barbara Rittner erkennt bei Lisicki sogar Ähnlichkeiten zur Ikone Graf: "Sabine kann genau wie damals Steffi einer Gegnerin ihr Spiel aufzwingen, und sie spielt mit der gleichen Wucht wie Steffi."

Als Akademiker Polen verlassen

Lisickis Karriere folgt einem neuen Trend. Nach dem Gipfelsturm junger Russinnen bringt gerade das nächste Land des ehemaligen Ostblocks seine postsozialistische Generation in Stellung: Blonde Frauen polnischer Abstammung, vom Ehrgeiz der Väter angetrieben, von ihnen ausgebildet.

Nur Agnieszka Radwanska, 20, Nummer 11 der Welt, bekennt sich noch im Pass zu ihren Wurzeln. Sie startete mit vier Jahren die Tenniskarriere, als Vater Robert als Profi im münsterländischen Gronau Tennis spielte und ihr Training übernahm. Caroline Wozniacki, 18, auf Position 12 emporgeschnellt, tritt offiziell als Dänin an, weil Vater Piotr als polnischer Fußballprofi in Odense hängen blieb. Er unterrichtet seine 1990 geborene Tochter im Tennis, seit sie sieben wurde.

Sabine Lisickis Eltern verließen vor 30 Jahren als Akademiker Polen. "Als Historiker musste man sich entweder dem System unterordnen oder auswandern", klagt Richard Lisicki. Er legt großen Wert auf die neue Identität: "Ein Teil meiner Familie war deutscher Abstammung, ich bekam die Staatsangehörigkeit als Spätaussiedler. Sabine ist Deutsche – nicht nur wegen der Geburt hier."

Lisicki ließ sich mit seiner Frau Elisabeth, einer Künstlerin, einst in Bonn nieder, jobbte als Tennistrainer und studierte in Köln. Seiner Tochter obliegt es, den Erfolg seiner beruflichen Betätigung zu dokumentieren. Für Sabine zogen die Lisickis vor sechs Jahren nach Berlin, weil sie fanden, dass sich nirgends die schulische Ausbildung der Tochter mit der profisportlichen so gut vernetzen ließe wie am ehemaligen DDR-Elite-Internat in Hohenschönhausen. Während sie sich aber vom Gymnasium nach der zehnten Klasse beurlauben ließ, stapeln sich zu Hause inzwischen überall ihre Pokale.

Geht es nach Vater Lisicki, so hängt Sabines Erfolg vor allem davon ab, dass sie die Thesen seiner in Breslau eingereichten Promotion in der Praxis abarbeitet: "Trainingsmethoden für die Entwicklung der Schlaggeschwindigkeit unter Beibehaltung der Schlagpräzision". Die Fachwelt staunt, wie sie die väterlichen Lektionen umsetzt: "Sie verfügt über sehr harte Schläge und hat einen sehr guten Treffpunkt", lobt Verbandsmann Eberhard, "auch der erste Aufschlag ist stark."

326.340 Dollar Preisgeld

Um ihr Powertennis erstklassiger Prägung ganz unmittelbar einbimsen zu können, verbringt Lisicki mit seiner Tochter seit fünf Jahren sehr viel Zeit in der Akademie von Startrainer Nick Bollettieri in Florida. Da deren Eigentümer IMG auch ihr Vermarkter ist, spart Lisicki die jährlichen Kosten von etwa 40.000 Dollar. Mit den Managern entwirft Lisicki auch den Turnierplan seiner Tochter: "Wichtig ist, dass Sabine 60 Prozent ihrer Spiele gewinnt", sagt IMG-Mann Olivier van Lindonk, "notfalls spielt sie in einer niedrigeren Turnierkategorie."

Doch amortisiert sich der ganze Aufwand der Familie nur schleppend: Mehr als einen Schläger- und ein Bekleidungsausrüster hat Lisickis Aufstieg bisher nicht geködert. Die 326.340 Dollar Preisgeld in drei Profijahren mussten weitgehend zur Kostendeckung herhalten. "Geld steht nur an zweiter Stelle", sagt der Vater, "aber so wie wir das Ganze aufgezogen haben, wäre es toll, wenn Sabine mal viel verdienen würde."

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