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EM-Verlierer Ukraine – Gift, Sabotage, PR-Desaster
Ein einziges PR-Desaster bescheinigen Experten der Ukraine bereits zum Start der Europameisterschaft. Vergiftungsvorwürfe, Sabotagethesen und schwache Tests prägten die Vorbereitung.
Jewgeni lacht, als er das hört. Er lacht sogar herzhaft. "Ein Salat?", fragt er. Jewgeni ist Musiker aus Charkow, ein Fußballfan dazu. Aber diese Nachricht amüsiert ihn außerordentlich. "Haben die wirklich gesagt, es war ein Salat? Das gibt's doch gar nicht."
Es war eine der Nachrichten am Donnerstag in der Ukraine. Ein bayerischer Salatkopf, nicht ordentlich geputzt, soll schuld daran gewesen sein, dass die nationale Auswahl auch ihr letztes Testspiel vor der Europameisterschaft verloren hat.
Erst die jüngste Niederlage gegen Österreich, die war schon – "schreib ruhig peinlich", sagt Jewgeni. Dann auch noch das 0:2 gegen die Türkei in Ingolstadt. Ohne Esprit, ohne etliche Spieler, Anatoli Timoschtschuk zum Beispiel, Profi vom FC Bayern München und Kapitän der ukrainischen Nationalmannschaft. Eine Lebensmittelvergiftung hatten die Teamverantwortlichen bei ihm und einigen seiner Kollegen ausgemacht.
Von Vergiftung, Sabotage und PR-Desastern
Die ukrainischen Zeitungen schlagzeilten am Tag danach "Vergiftet durch schmutzige Hände". Selbst von Sabotage war die Rede. Es wurde ein Politikum. Dass sich Timoschtschuk auf der Tribüne munter ablichten ließ, nun, das haben sie dank Internet auch in der Ukraine wahrgenommen. Und so wurde nicht nur in Deutschland der Verdacht geäußert, dass jene Szenerie mit samt den Verschwörungstheorien nicht mehr als ein Ablenkungsmanöver sei, falls die EM sportlich in die Hose gehen sollte.
Für viele ist die Ukraine schon vor dem ersten Spiel der große Verlierer der Europameisterschaft. Ein einziges PR-Desaster bescheinigten Experten dem Land, weil die Negativschlagzeilen in den vergangenen Monaten gar nicht mehr endeten. Stadien und Infrastrukturprojekte etwa, bei denen keiner weiß, wohin all die Millionen geflossen sind.
Vor allem jedoch die Menschenrechtsverletzungen und jener politisch motivierte Prozess gegen die ehemalige Regierungschefin Julia Timoschenko. Erst am Donnerstag hatte etwa das Außenministerium Großbritanniens mitteilen lassen, die Minister würden nicht zu Englands Vorrundenspielen reisen.
Jetzt geht es um Schadensbegrenzung
Dabei soll die EM weit mehr als nur ein Fußballfest werden. Eine weltoffene Ukraine soll Fans zu wiederkehrenden Touristen machen, ein Wachstumseffekt erhofft sich die Wirtschaft. Und nicht zuletzt soll die EM einem Land ein Wir-Gefühl geben, das im Westen gen Europa und im Osten gen Russland tendiert. Mit diesen Hoffnungen waren sie einst angetreten.
Das alles mögen überfrachtete Erwartungen an ein sportliches Ereignis sein. Aber ein wenig davon wäre machbar gewesen, sagen Analysten wie der russische Wirtschaftsprüfer Andrej Kolpakow. Im Vorfeld aber sei so viel falsch gelaufen, dass nun weder ein Imagegewinn noch ein signifikanter Aufschwung realistisch seien. Im Grunde geht es um Schadensbegrenzung.
"Ich halte nicht viel von der Nationalmannschaft"
Und dem sportlichen Misserfolg beugen sie nun mit Lebensmittelvergiftungsthesen vor. "Mal schauen, was ist, wenn sie gegen die Schweden verlieren sollten", sagt Jewgeni, der Musiker aus Charkow. Dass er nicht "wir" sagt, sondern "sie", ist bezeichnend für sein Verhältnis zur Nationalmannschaft. "Ich halte nicht viel von ihr. Nein, die Vorrunde werden sie nicht überstehen."
Er ist nicht allein mit dieser Meinung, jüngst gab es eine Umfrage, die besagte, nicht mal mehr 50 Prozent glaubten demnach noch an das Viertelfinale. Auch wenn Oleg Blochin, der Trainer, nach dem Türkei-Spiel tönte: "Am 11. Juni", dem Auftakt gegen die Schweden also, "da werden die Fans eine ganz andere Mannschaft sehen."
Schewtschenko will die Ukrainer überzeugen
Andrej Schewtschenko hatte Ähnliches gesagt. "Schewa", so nennen sie ihn in der Ukraine. Er ist eines der Gesichter dieser EM, mit seinem Konterfei sind ganze Häuserblocks plakatiert, ein Brausehersteller wirbt mit ihm.
Das Viertelfinale hatte Schewtschenko als Pflicht ausgerufen. "Ich wünsche mir, dass alle Ukrainer die EM als großes Fest erleben", hatte er noch gesagt. Und dass er und die Mannschaft das Land auf keinen Fall enttäuschen werden.
Es war der übliche, weltgewandt klingende, und doch recht undifferenzierte Duktus. Schewtschenko kennt sich aus damit, er hat es einst weit gebracht, spielte beim AC Mailand, dann kaufte ihn Chelsea London – auch wenn er jetzt, mit 35 und längst zurück bei Dynamo Kiew, schon längst nicht mehr der Schewtschenko aus jener Zeit ist, als er die Champions League gewann und "Europas Fußballer des Jahres" wurde. Immerhin versucht er, die Ukrainer zu überzeugen: "Die EM ist nicht nur wichtig für die Entwicklung des Fußballs, sondern auch für die Entwicklung des Landes und der Leute."















