"Notfall"
Eiskunstläufer soll sexuell belästigt worden sein
Montag, 4. April 2011 15:30 - Von Christian GebhardtEin Skandal beschäftigt die Deutsche Eislauf Union: Sportdirektor Udo Dönsdorf soll Sascha Rabe sexuell belästigt haben. Nach knapp drei Jahren brach der ehemalige Junioren-Meister sein Schweigen in einer brisanten E-Mail. Der Sportdirektor reist deshalb nicht mit zur Eiskunstlauf-WM in die USA.

Der historische Triumph ist greifbar nahe. Gewinnen Aljona Sawtschenko und
Robin Szolkowy in dieser Woche bei den Weltmeisterschaften in Los Angeles
Gold, dürfen die deutschen Eiskunstläufer die erste Titelverteidigung im
Paarlauf seit den Erfolgen von Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler 1963
und 1964 feiern. Doch ein Skandal abseits des Eises trübt die Vorfreude in
Kalifornien.
Udo Dönsdorf (56), Sportdirektor der Deutschen Eislauf Union (DEU), soll den
deutschen Junioren-Meister von 2005, Sascha Rabe, sexuell belästigt haben.
Wegen der Anschuldigungen reiste Dönsdorf auf eigenen Wunsch nicht mit der
deutschen Mannschaft in die USA. „Der Vorfall ereignete sich vor einem
Sichtungslehrgang im Juni 2006“, sagte Karla Vogt-Röller, die Rechtsanwältin
des 23 Jahre alten Berliners, am Montag Morgenpost Online. Dabei soll der
Sportdirektor sich in einem Zimmer eines Berliner Hotels Rabe genähert und
ihn geküsst haben.
Knapp drei Jahre danach brach das Nachwuchstalent nun sein Schweigen. Bevor Rabe am 14. März 2009 rechtlichen Beistand einholte, informierte er in einer umfassenden E-Mail 13 Funktionäre und Trainer über den brisanten Fall. Und laut „Tagesspiegel“ soll der Sportdirektor in einer E-Mail zugegeben haben, dass es „zu einem kurzen Kuss“ gekommen sei.
Unter den Empfängern der Nachricht ist auch Reinhard E. Ketterer. „Die Betreffzeile der E-Mail lautete Notfall“, sagte der ehemalige Eiskunstläufer. Ketterer, heute Leiter des Landesleistungszentrums Eiskunstlauf in Berlin, kennt Rabe bereits seit der Jugend und kontaktierte den jungen Sportler sofort. Verbandsintern reagierte die DEU und hörte zunächst Udo Dönsdorf an und bot Rabe danach einen Termin für „ein klärendes Gespräch“ in München an. „Sascha Rabe hat mich gebeten ihn als Vertrauensperson bei diesem Gespräch zu begleiten“, sagte Ketterer Morgenpost Online.
Nachdem mehrere Gesprächstermine platzten, zog Rabe die Konsequenz und übergab den Fall seiner Rechtsanwältin. „Mein Mandant wollte alles intern klären“, sagte Vogt-Röller, die bereits Kontakt mit dem Anwalt von Udo Dönsdorf, Alexander Stolberg-Stolberg, und der DEU aufgenommen hat. „Bisher gibt es noch keine konkrete Reaktion. Der Vorfall wird runtergespielt.“ Derweil sagte Dönsdorf-Anwalt Stolberg-Stolberg Morgenpost Online: „Es gibt keine öffentliche Aussage von Herrn Dönsdorf, und es wird auch keine geben. Das ist eine Privatangelegenheit zwischen den Herrschaften, und diese werden wir auch so behandeln. Ich denke aber, es wird noch ein klärendes Gespräch geben.“
Reinhard E. Ketterer kann sich nur an einen ähnlichen Vorfall in seiner Karriere als Funktionär und Trainer erinnern: 1995 wurde der deutsche Eiskunstlauftrainer Karel Fajfr wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in elf Fällen zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe von 25.000 Mark verurteilt. Außerdem erhielt er ein dreijähriges Berufsverbot.
Nach der Prüfung des E-Mail-Verkehrs kann DEU-Vizepräsident Uwe Harnos, der selbst als Anwalt tätig ist, jedoch keine Parallelen zu dem früheren Fall erkennen. „Unter juristischen Gesichtspunkt in den E-Mails zwischen den beiden Betroffenen ist keine sexuelle Belästigung von Herrn Dönsdorf zu erkennen. Die Nachrichten sind eher im privaten Bereich anzusiedeln. Jetzt müssen wir erst einmal abwarten.“
Erschienen am 23.03.2009


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