05.02.12

Hannings Thesen

Machtkampf um die Zukunft des deutschen Handballs

Berlins Manager Bob Hanning fordert gravierende Änderungen beim Deutschen Handball-Bund. Füchse-Torhüter Silvio Heinevetter erneuert dazu noch seine Kritik an DHB-Präsident Ulrich Strombach.

Foto: Bongarts/Getty Images/Getty
All Star Game 2012 - Toyota HBL
Berlins Manager Bob Hanning macht sich Sorgen um den deutschen Handball

Die Abreise nach der großen Show und den sportlichen Spaß beim Allstar-Game erfolgte rasch. Noch in der Nacht fuhr Bob Hanning mit dem Auto von Leipzig nach Berlin zurück, unternahm am Sonntagvormittag im Grunewald einen langen Winterspaziergang durch den frisch gefallenen Schnee und ordnete seine Gedanken.

Nicht erst seit dem Debakel bei der EM in Serbien, bei der die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) eine Medaille und die Olympia-Qualifikation verpasste hatte, sorgt sich der Geschäftsführer des Bundesliga-Klubs Füchse Berlin um die Zukunft des deutschen Handballs. Jetzt geht der Vizepräsident der Handball-Bundesliga (HBL) in die Offensive und fordert gravierende strukturelle Änderungen im DHB, eine Stärkung der Nachwuchsarbeit und die Einbindung der Landesverbände.

"Amateure hoffen, Profis arbeiten"

"Die Strukturen des DHB müssen professionalisiert werden und der Verband muss nach innen und außen ein modernes Profil erhalten", formuliert Hanning in seinem Arbeitspapier, welches zum Ziel hat, den deutschen Handball mittelfristig wieder an die Weltspitze zu führen. Sein Credo lautet: "Amateure hoffen, Profis arbeiten."

Mit diesem Motto und dem bedingungslosen Einsatz für die Sache führte und formte er die Füchse Berlin binnen weniger Jahre zu einer Spitzenmannschaft in Deutschland. Hanning: "Wir leben im DHB, was die neuen Medien angeht, noch hinterm Mond. Tradition ist gut und schön, aber ohne Moderne geht es nicht. Innerhalb des Verbandes müssen kompetente Personen die Verantwortung übernehmen."

Heinevetter legt nach

Mit seinen Forderungen dürfte der Manager des Hauptstadtklubs bei vielen Nationalspielern offene Türen einrennen. Allen voran bei Silvio Heinevetter. Der Berliner Torhüter, der bei der EM in Serbien mit herausragenden Leistungen überzeugt hatte, erneuerte am Rande des Allstar-Games am Samstag in Leipzig seine Kritik an DHB-Präsident Ulrich Strombach. Nach der Partie, die die deutsche Auswahl vor 7532 Zuschauern mit 32:36 (18:18) gegen die Bundesliga-Allstars verloren hatte, griff Heinevetter die Verbandsspitze wiederholt an. "Ich hoffe, dass sich etwas ändern wird, im Sinne des Handballs. Wenn es schon intern nicht klappt, wie soll es dann nach außen klappen?", fragte der Torhüter der Füchse.

Dabei wunderte sich der Berliner, dass ihm für seine harsche Kritik an Strombach ("Es gibt andere Leute, die das besser können, weil sie mehr Ausstrahlung und Charisma haben") vom DHB keine Sanktionen angedroht worden seien. "Es gab komischerweise keine Reaktion gegen mich, ich habe überhaupt keinen Gegenwind bekommen. Und das ist natürlich schon ein bisschen komisch. Das ist auch irgendwie traurig oder ein Eingeständnis, ich weiß es nicht", sagte der 27-Jährige bei Sport1.

Unterstützung erhält Heinevetter von seinen Kollegen in der Nationalmannschaft. So etwa sagt Abwehrchef Oliver Roggisch von den Rhein-Neckar Löwen: "Silvio hat das formuliert, was so ein bisschen in der ganzen Mannschaft drinsteckt. Wer Silvio kennt, weiß, dass er es manchmal etwas direkter sagt als manch anderer, aber im Grundsatz stimmen viele Dinge."

Auch der frühere Nationalspieler Stefan Kretzschmar vertritt die Meinung Heinevetters. "Die Kritik ist berechtigt. Wir reden immer von Umbruch und Verjüngung der Mannschaft, aber wir sprechen im Prinzip nicht darüber, dass die Verantwortlichen in vorderster Front ebenfalls einen Verjüngungsprozess mit sich lassen machen müssen", sagte der Olympiazweite von 2004.

Heuberger mahnt zur Besonnenheit

Doch es gibt auch Stimmen, die Heinevetter für dessen Kritik tadeln. Der frühere Bundestrainer und heutige DHB-Manager Heiner Brand sagte, ein Spieler habe kein Recht, so über einen Präsidenten zu reden. Auch Bundestrainer Martin Heuberger mahnte zur Besonnenheit. "Wir brauchen keine Nebenkriegsschauplätze", sagte der Coach.

Im Angesicht der sportlichen Talfahrt – in London finden erstmals Olympische Spiele ohne deutsche Handballer statt – muss aber unverzüglich gehandelt werden. Neben den strukturellen Veränderungen im DHB fordert Bob Hanning eine nachhaltige Jugendarbeit zur Förderung und Heranführung von Talenten. "Das ist die Basis des Erfolges", sagt der Manager und betont dabei das Wort Nachhaltigkeit. "Es reicht nicht, wenn wir ein- oder zweimal in der Schule nach Talenten suchen. Dafür müssen hauptamtliche Fachleute eingestellt werden."

Hanning fordert mehr Mut

Hanning, der bei den Füchsen selbst deutsche Talente an den Profisport heranführt, will, dass in den Bundesliga-Vereinen mutiger agiert wird. Dazu gehört die Integration von mindestens vier Spielern unter 23 Jahren in die Nationalmannschaft, aber auch von mindestens drei deutschen Spielern unter 25 Jahren in die Kader der Liga-Teams. DHB, Landesverbände und Klubs müssten künftig viel enger zusammenarbeiten. Martin Heuberger hält er jedenfalls für den richtigen Mann im Amt des Bundestrainers. "Er ist in der Lage, die notwendigen Schritte umzusetzen."

Die EM offenbarte individuelle Schwächen in der DHB-Auswahl, vom Glanz des WM-Triumphes 2007 ist der deutsche Handball derzeit meilenweit entfernt. "Aber", sagt Bob Hanning, "in jedem Schicksal liegt immer auch eine Chance." Wie diese zu nutzen wäre, hat er in seinem Arbeitspapier aufgezeigt.

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