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19.08.09Leichtathletik-WM
Warum Puma Bolt als Nobody einen Vertrag gab
Seit etwa sieben Jahren sponsert Puma Jamaikas Leichtathleten. 2003 nahm die deutsche Firma auch den damals 17-jährigen Usain Bolt unter Vertrag. Im Interview mit Berliner Morgenpost spricht Pumas Vorstandschef Jochen Zeitz über den prominentesten Werbeträger des Sportartikelherstellers.
Von Jens Hungermann
Foto: Reto Klar
Usain Bolt ist der prominenteste Werbeträger für Puma-Chef Jochen Zeitz (r.)
Berliner Morgenpost
: Wie lange kennen Sie Usain Bolt schon persönlich?
Jochen Zeitz
: Seit fünf Jahren.
Berliner Morgenpost
: Sie haben ein enges Verhältnis zu ihm. Sind Sie eher Freund oder mehr Vaterfigur für Bolt?
Zeitz
: Ach, "väterlicher Freund" ist so ein Standardausdruck. Wir kennen uns eben schon sehr lange, freuen uns, wenn wir uns sehen. Es ist ein persönliches Verhältnis, das sich mit der Zeit entwickelt hat, und keines zwischen Sponsor und Athlet. Es ist locker und Fun, wenn wir uns treffen.
Berliner Morgenpost
: Welche Ratschläge geben Sie?
Zeitz
: Ratschläge? Er sagt mir, wie schnell er laufen kann, und ich erzähle ihm das eine oder andere. Auch wenn ich ein paar Jährchen älter bin, verläuft es auf freundschaftlicher Basis.
Berliner Morgenpost
: Haben Sie in ihm den weltweit begehrtesten Sportler unter Vertrag?
Zeitz
: Für den Moment, ja. Was er voriges Jahr geleistet hat in seiner Usain-typischen Art und jetzt wieder, bewegt die Gemüter weltweit wie lange nichts im Sport.
Berliner Morgenpost
: Ist Bolt eine Art Lottogewinn für Puma?
Zeitz
: Naja, ein Lottogewinn basiert auf Glück. Man weiß nie, ob man einen absoluten Superstar unter Vertrag genommen hat. Damals (2003, d. Red.) waren seine Persönlichkeit und er als Mensch der Grund, warum wir ihn schon so früh unter Vertrag genommen haben. Usain passte super zu Puma als Marke, und wir haben ein Riesentalent in ihm gesehen.
Berliner Morgenpost
: Sehen Sie Bolt in der Riege makelloser Weltstars wie Roger Federer und Tiger Woods (beide bei Nike)?
Zeitz
: Von seiner Persönlichkeit ist Usain das allemal. Eine Leistung, wie er sie bei Olympia im vergangenen Jahr gebracht hat, ist historisch. Durch die Art und Weise, wie er seine Erfolge zelebriert hat, und welche Persönlichkeit er dadurch geworden ist, ist er mit den ganz großen Sportstars gleichzusetzen.
Berliner Morgenpost
: Nicht nur IOC-Präsident Jacques Rogge legt Bolts Gesten und Jubelposen als unsportliche Eitelkeit aus.
Zeitz
: Ich glaube, das würde Herr Rogge heute wohl nicht mehr sagen, wenn er gefragt würde. Mein Gott, wenn ein Athlet sich freut und Spaß hat an seiner Leistung – darum geht es doch im Sport. Wir haben genügend muskelbepackte Roboter herumlaufen. Der Sport soll doch auch Freude ausdrücken. Und Bolt ist jung. Ich glaube nicht, dass er jemandem schadet, sondern dass er seinem Sport hilft.
Berliner Morgenpost
: Entwickeln Sie eigentlich eigens Marketingmaßnahmen, die seine Extrovertiertheit unterstreichen?
Zeitz
: Klar, man tut das, womit der Sportler sich wohlfühlt. Usain ist jemand, der sich immer wieder für Innovationen, für Fun, Musik, einfach für Farben begeistert. Das versuchen wir in unseren Produkten auszudrücken.
Berliner Morgenpost
: Trüben Affären wie die im jamaikanischen Verband und die Dopingdiskussion generell das gewünschte Bild?
Zeitz
: Eine Diskussion, wenn sie zu einer Vorverurteilung führt, finde ich bedenklich. Das macht einen schon traurig. Alles, was bis hierher erzählt wurde, ist auf einem Niveau, das mit der Realität nicht immer einhergeht. Eine etwas objektivere Berichterstattung wäre schön. Aber wir halten uns damit nicht auf, im Moment ist das Thema keines für uns.
Berliner Morgenpost
: Welche Bedingungen stellen Sie im Zusammenhang mit Doping?
Zeitz
: Wenn einer mit verbotenen Substanzen erwischt wird, ist das Thema erledigt. Das war bislang nicht der Fall, also ist es kein Thema für uns.
Was macht diesen Mann so schnell? WELT ONLINE erklärt das Phänomen Usain Bolt:
Kopf I
Keiner ist abgebrühter als Bolt. Wo andere ihre Nervosität am Start überspielen müssen, macht er Mätzchen, ohne nervös zu sein. Sein unerschütterliches Selbstbewusstsein stellte er gut zwei Stunden vor dem 100-Meter-Endlauf zur Schau, als er im Halbfinale einen eigenen Fehlstart mit Lachen quittierte. Der Gedanke an eine Niederlage scheint in Bolts Kopf keinen Platz zu haben.
Kopf II
Er sagt: "Ich als Athlet trainiere das ganze Jahr über für diese Momente. Wenn ich in den Startblock steige, weiß ich, was ich zu tun habe. Ich kann also immer Spaß haben, so viel ich will." Fragen nach Doping kontert Bolt inzwischen mit routinierten Phrasen, das Thema beschäftigt ihn nicht.
Ausbildung I
Bolt stammt aus einem Dorf namens Sherwood Content im Norden Jamaikas. Zeit seines Lebens hat er auf der Karibikinsel verbracht. Er durchlief Jamaikas sportfixiertes Schulsystem, bestehend aus Primary- und High-School, in dem Talente ab dem Grundschulalter gesichtet und gefördert werden. Schon die jüngsten Sprinter messen sich regelmäßig in Wettkämpfen, sogar auf internationaler Ebene.
Ausbildung II
Höhepunkt sind alljährlich die Oberschulmeisterschaften ("Champs"), zu denen mehr als 30.000 Zuschauer ins Nationalstadion in Kingston strömen. Wer erfolgreich ist, kann auf eines der zahlreichen Stipendien hoffen. Mit 16 Jahren wurde Bolt Jugend-Weltmeister über 200 Meter, im Jahr darauf rannte er die Strecke in 19,63 Sekunden – fast 0,8 Sekunden schneller als der aktuelle Deutsche Meister. Seine Entwicklung verlief stetig.
Umfeld I
"Wenn ich von zu Hause weg bin, möchte ich so schnell wie möglich wieder zurück", sagt Bolt über Jamaika. Er besitzt eine Wohnung in der Hauptstadt Kingston und trainiert unweit von ihr unter seinem eigenwilligen Landsmann Glen Mills. Bolt betont gern, wie wichtig ihm sein Umfeld ist, zu dem u.a. seine Freundin Mizicann Evans, seine Mutter Jennifer und sein Vater Wellesley gehören.
Umfeld II
Im Gegensatz zu anderen jamaikanischen Sprintern entschied er sich gegen einen Umzug in die USA. Der Weltrekordler bevorzugt das warme Klima und die Trainingsbedingungen auf Jamaika, wo er vornehmlich auf Grasbahnen anstelle von Tartanbahnen trainiert. Das schont die Gelenke.
Körper I
Usain Bolt ist ein neuer Typ Sprinter. Er ist bei 86 Kilo Körpergewicht 1,96 Meter groß, benötigt auf 100 Meter etwa drei bis vier Schritte weniger als beispielsweise Tyson Gay (75/1,83). Seine raumgreifenden Schritte sind durchschnittlich 2,43 Meter lang. Vor allem auf der 200-Meter-Distanz mit einer Kurve hat der Schlaks Vorteile gegenüber den Konkurrenten.
Körper II
Gert-Peter Brüggemann, Leiter des Instituts für Biomechanik an der Sporthochschule Köln, erklärt: "Es könnte sein, dass er im Knie und Sprunggelenk weniger Energie verliert als andere Sprinter. Er hält beide Gelenke ziemlich steif, beugt das Knie weniger". Dadurch könne Bolt die hohe Geschwindigkeit fast bis zum Ende ohne Verlust durchhalten. "Er hat sehr lange Füße und Unterschenkel und damit sehr lange Hebel. Dadurch kann er große Drehmomente an den Gelenken generieren." Brüggemanns Fazit: "Bolt läuft extrem effizient." An seiner Schwäche, dem Start, hat Bolt zuletzt verstärkt gearbeitet – auch wenn er im Finale die drittschlechteste Reaktionszeit (0,146 Sekunden) aufwies.
Material
Bolts Ausrüster kreierte für ihn wie schon in Peking eigens ultraleichte Spikes, die auf seine Fußform und seine Schrittlänge abgestimmt und mit einer Karbonplatte versehen sind. Orange sind sie, um sich leuchtend von der blauen Bahn im Berliner Olympiastadion abzuheben. Sie gilt übrigens als eher langsam und für Mittelstreckenläufer geeignet. Von wegen.
Dopingverdächtigungen I
Der internationale Antidopingkampf bevorzugt Athleten aus ärmeren Ländern. Dort ist die Struktur noch nicht richtig ausgeprägt. "In Jamaika werden erst seit kurzem von einer nationalen Antidoping-Kommission durchgeführt, aber auch in großen Ländern wie Indien oder Brasilien arbeitet so eine Organisation noch nicht", sagt der Generaldirektor der Weltantidopingagentur Wada, David Howman. "Sorgen machen mir dabei nicht die international in Erscheinung tretenden Läufer wie Usain Bolt, weil sie durch ihre Erfolge in das Testsystem des internationalen Verbandes rutschen, sondern die aufstrebenden Talente, die daheim trainieren und nachrücken und noch nicht getestet werden." Auch Bolt zählte einst zu ihnen.
Dopingverdächtigungen II
Fakt ist zudem, dass der immer wieder vorgebrachte Hinweis auf negative Dopingtests spätestens seit dem Fall der drogenpräparierten US-Sprinterin Marion Jones massiv an Relevanz verloren hat: Jones wurde mehr als 160-mal getestet. Genauso oft war sie negativ.
Bewunderer
"Ich bin glücklich, dass Usain den Rekord geknackt hat", sagte Tyson Gay und behauptete trotzig, er werde das Duell mit Bolt nicht aufgeben: "Ich habe noch viel im Tank." Die völlige Überlegenheit seines Rivalen aus Jamaika musste der Amerikaner gleichwohl ebenso eingestehen wie Asafa Powell, 2008 noch Weltrekordhalter. Der frühere amerikanische Sprintweltmeister Maurice Greene sagt: "Mit seinen 22 Jahren lernt Bolt gerade erst laufen. Er wird sich noch steigern." Und Ex-Champion Donovan Bailey meint: "Bolt kann alles tun, was er will. Er ist der Größte aller Zeiten."
Limit
Die Frage fasziniert Sportfans seit Menschengedenken: Wo ist das Maximum? "Ich denke, es wird bei einer 9,4er-Zeit aufhören. Aber man weiß nie, bei mir ist alles möglich", sagt Bolt selbst. Wissenschaftler weltweit befassen sich mit der Frage des Limits. Der Biologe Mark Denny etwa von der Stanford Uni in Kalifornien hat in einer Studie über 100 Meter eine maximal mögliche Zeit von 9,48 Sekunden berechnet. Gar wahnwitzig anmutende 9,29 Sekunden sagt der niederländische Statistikprofessor John Einmahl von der Universität Tilburg voraus.
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