Frauen-Fußball-WM
"Mit dem Anpfiff ist der Titel nichts mehr Wert"
Am Montag eröffnet der Titelverteidiger aus Deutschland gegen Argentinien (Live bei Berliner Morgenpost) die 5. Weltmeisterschaft der Frauen. Im Interview mit Berliner Morgenpost spricht Bundestrainerin Silvia Neid über die Ziele, die Prämien und die Chancen der deutschen Mannschaft in China.
Berliner Morgenpost : Frau Neid, als 1991 die erste Frauen-WM in China stattfand, hatte die deutsche Mannschaft große Probleme mit dem Klima, dem Essen und der fremden Kultur. Haben sich die Spielerinnen diesmal besser auf die landestypischen Bedingungen einstellen können?
Silvia Neid : Damals war China ja noch viel exotischer. Sowohl für uns, von denen keine je zuvor dort gewesen war. Aber auch die Chinesen hatten noch wenige Erfahrungen mit Europäern. Inzwischen haben wir eine Menge dazugelernt.
Berliner Morgenpost : Inwiefern?
Neid : Wir haben einen eigenen Koch dabei, ein Chinese, der in Deutschland lebt. Darüber hinaus haben wir genaue Hinweise aufgelistet, was in Bezug auf Hygiene und Wasser zu beachten ist. Außerdem trainieren wir wegen des schwülen Klimas nur abends, wenn es erträglich ist.
Berliner Morgenpost : Trotzdem haben einige im Team Magenprobleme.
Neid : Ja, aber das ist nicht tragisch, das kann auch die Aufregung sein.
Berliner Morgenpost : Bei Ihnen als Bundestrainerin dagegen ist von Nervosität bisher nichts zu spüren.
Neid : Noch nicht. Das kommt vielleicht unmittelbar vor dem ersten Spiel. Es gibt auch keinen Grund, nervös zu sein. Wir sind gut vorbereitet, alle sind fit und die Organisation hier ist hervorragend.
Berliner Morgenpost : Auf das Eröffnungsspiel schaut doch aber die ganze Welt.
Neid : Das ist doch toll, ich freue mich darauf. Es wird Zeit, dass es jetzt losgeht.
Berliner Morgenpost : Wie groß ist der Druck, als Titelverteidiger in die Weltmeisterschaft zu gehen?
Neid : Mit dem Anpfiff ist unser Titel nichts mehr wert. Dann jagen uns die anderen. Aber das schöne daran ist: Wir können den Titel wieder holen. Deshalb reden wir auch nicht von verteidigen, sondern von gewinnen.
Berliner Morgenpost : Dass heißt, der erneute Gewinn des WM-Titel ist das Ziel?
Neid : Mit seinen Zielen muss man aufpassen, sie dürfen nicht so groß sein wie ein Berg, den zu überwinden einem Angst macht. Deshalb nennen wir unser Programm für China "Tour de WM", mit Etappen wie bei der Tour de France. Unsere erste Etappe ist, das erste Spiel zu gewinnen. Die zweite Etappe heißt Olympia-Qualifikation (Die drei besten europäischen Teams sind qualifiziert; d. Red.). Als dritte Etappe wollen wir das Finale erreichen und als vierte das Finale gewinnen.
Berliner Morgenpost : Für den Titelgewinn hat der Deutsche Fußball-Bund pro Spielerin und Teammitglied eine Prämie von 50.000 Euro ausgelobt. Vor vier Jahren waren es nur 15.000 gewesen. Spornt das zusätzlich an?
Neid : Nein, daran denkt beim Spielen keiner. Die Aufstockung der Prämie zeigt aber, dass Leistung anerkannt wird.
Berliner Morgenpost : Was wissen Sie über den Auftaktgegner Argentinien?
Neid : Das Land ist sehr schön (lacht). Im Ernst, dass Team ist sehr heißblütig und die Spielerinnen sind technisch versiert. Allerdings spielen sie für uns etwas ungewohnt mit Libero und Manndecker. Wir müssen durch Tempofußball unsere Räume nutzen.
Berliner Morgenpost : Argentiniens Trainer Carlos Borello hat angekündigt, dass Deutschland nicht viel Spaß haben wird. Argentiniens Frauen wollen das Viertelfinal-Aus ihrer Landsmänner bei der vorjährigen WM gegen Gastgeber Deutschland rächen. Fürchten Sie dabei um die Gesundheit Ihrer Spielerinnen?
Neid : Nein. Wir haben Respekt, aber wir wissen auch, was wir können. Wir werden die Zweikämpfe annehmen.
Berliner Morgenpost : Wer sind Ihre WM-Favoriten?
Neid : Die USA, natürlich China, dann Norwegen, Schweden, Brasilien und auch wir. Nord-Korea hat Außenseiterchancen.
Berliner Morgenpost : Die Shanghaier schätzen deutsche Technik - wie den Transrapid. Glauben Sie, dass die Bevölkerung auch deutschen Fußball mag und Ihr Team anfeuern wird?
Neid : Ich hoffe, sie machen so viel Lärm, dass die Spielerinnen mich nicht mehr verstehen können. Dann wäre ich zufrieden.















