03.02.09

Fussball-Bundesliga

Ausverkauf – Wie groß ist Schalkes Sparzwang?

Die Verkäufe kurz vor dem Ende der Transferperiode stützen die These, dass Schalke Sparmaßnahmen ergreift, um ein weiteres Jahr ohne Einnahmen aus der Champions League zu verkraften. Manager Andreas Müller dementiert energisch – doch Gerüchte besagen, der Klub wolle bis zu 20 Prozent der Gehaltskosten sparen.

Foto: DPA
Verließ Schalke nach dem 18. Spieltag: Fabian Ernst trug in Hannover zum vorerst letzten Mal das blau-weiße Trikot
Verließ Schalke nach dem 18. Spieltag: Fabian Ernst trug in Hannover zum vorerst letzten Mal das blau-weiße Trikot

Die Irritation hielt auch am Tag nach dem offiziellen Transferschluss an. Zu Wochenbeginn erst hatte Schalkes Manager Andreas Müller Angreifer Kevin Kuranyi für "unverkäuflich" erklärt, doch die öffentliche Liebesbekundung kam nicht so recht an. Er habe die Äußerung zwar zur Kenntnis genommen, erklärte Kuranyi am Dienstag, aber das Unverständnis bleibe. "Es ist immer etwas schwierig, wenn andere Vereine kommen und nachfragen und mein Verein mir nicht das Gefühl gibt, dass er mich unbedingt behalten will", sagte Kuranyi und offenbarte woran es Schalke derzeit vor allem mangelt: einer klaren Linie.

Der Angreifer mit dem Hang zur Sensibilität mag nicht verstehen, warum Manager Müller ihm erst Gespräche in der Winterpause über eine vorzeitige Verlängerung seines im Sommer 2010 auslaufenden Vertrages in Aussicht stellt, dann aber keine Taten folgen lässt. "Hier wurde viel geredet", erklärte der Stürmer – nur offenbar nicht mit ihm. Auch im Wintertrainingslager in Valencia hätte Müller nicht das Gespräch gesucht. "Es ist nicht passiert", erklärte Kuranyi: "Aber ich bin nicht böse, dass er sich nicht die Zeit für mich genommen hat. Es waren viele andere Dinge zu erledigen."

Kuranyis Zynismus ist eine Anspielung auf die offenkundigen Umstrukturierungen, die Müller nach Absprache mit dem einflussreichen Aufsichtsratsvorsitzen Clemens Tönnies vorgenommen hat. Gleich sechs Spieler wurden in der Winterpause abgegeben, unter anderen trennte sich der Tabellenneunte von den unzufriedenen Dauerreservisten Ze Roberto (Flamengo Rio de Janeiro), Peter Lövenkrands (Newcastle United) und am Sonntag dann auf den letzten Drücker von Fabian Ernst und Albert Streit. Ernst, der dreieinhalb Jahre Stammspieler auf Schalke war, wechselte für eine Ablöse von knapp fünf Millionen Euro zum türkischen Erstligaklub Besiktas Istanbul. Streit, der in den Planungen von Trainer Fred Rutten nie eine Rolle gespielt hatte, wurde zunächst bis Saisonende an den HSV verliehen. "Streit hat schon länger erklärt, dass er sich neu orientieren möchte. Und bei Ernst, der mir Freitag vor unserem Spiel in Hannover eröffnet hatte, dass er die Chance in der Türkei gern wahrnehmen möchte, war es eine Abwägung: Auf seiner Position haben wir mit Jermaine Jones und Orlando Engelaar gute Optionen", begründete Müller die Transfers.

Doch die Abgänge lassen auch vermuten, dass die Schalker vorsorglich bereits Sparmaßnahmen ergreifen. Schließlich würde ein weiteres Jahr ohne Garantieeinnahmen aus der Champions League erhebliche Einbußen bedeuten. In diesem Fall, hatte Präsident Josef Schnusenberg mehrmals betont, müsse sich die Führung "Gedanken machen", ob der etwa 55 Millionen Euro teure Kader noch zu bezahlen sei.

"Es ist klar, dass man nun versucht, den Eindruck zu erwecken: Die haben ihr Saisonziel bereits abgehakt und müssen sparen", widersprach Müller jedoch der These, Schalke arbeite derzeit daran, den Kader zu verschlanken, um für eine Zukunft ohne Champions League und mit möglichen Auswirkungen der internationalen Finanzkrise gewappnet zu sein. "Es wäre zwar nicht der geeignete Zeitpunkt, jetzt davon zu sprechen, dass wir den dritten Platz angreifen", so Müller. "Aber an unserer Zielsetzung wird sich überhaupt nichts ändern. Wir wollen auch im kommenden Jahr international spielen. Um dies zu erreichen, kämpfen wir in der Bundesliga und im DFB-Pokal." Alles andere, so der Manager, für den es unverändert keine Jobgarantie über die Saison hinaus gibt, sei "hypothetisch".

Argumentationshilfe bekommt Müller dabei von Geschäftsführer Peter Peters. Das Vorstandsmitglied, von Tönnies mit dem schwierigen Auftrag bedacht, die Außendarstellung des Vereins aufzupolieren, wehrt sich gegen Mutmaßungen, den Schalker könnte finanziell die Luft ausgehen, falls es erneut nicht gelingen sollte, in die Champions League einzuziehen. "Natürlich müssen wir unsere Personalpolitik an den Einnahmen ausrichten, deshalb planen wir genauso vorsichtig wie in jedem Jahr", erklärte Peters. Doch der Gedanke, die Schalker hätten durch die Spielerabgänge dokumentiert, dass sie sich von den Saisonzielen bereits innerlich verabschiedet hätten, sei abwegig: "Das ist doch albern." Selbst wenn Schalke in der kommenden Saison überhaupt nicht international spielen sollte, werde kein kompletter Umbau des Kaders erfolgen, so Peters: "Ich sehe keinen radikalen personellen Umbruch."

Konterkariert werden solche Aussagen jedoch von Gerüchten, Schalke wolle bis zu 20 Prozent bei den Gehaltskosten sparen. Fakt ist: Der lukrative Sponsorenvertrag mit dem russischen Energiekonzern Gazprom ist erfolgsorientiert gestaffelt. Bei ausbleibender internationaler Qualifikation würde deutlich weniger Geld nach Gelsenkirchen fließen.

Diese Aussichten beschäftigen auch die Spieler, allen voran Kuranyi, der im Falle eines weiteres Jahres ohne Champions League um seinen Marktwert fürchten müsste. Ob er – wie ursprünglich beabsichtigt – seinen Vertrag verlängern wird, lässt er bewusst offen. "Der Manager hat erklärt, dass ich unverkäuflich bin. Also gehe ich davon aus, dass ich noch anderthalb Jahre in Schalke bin", so der Stürmer: "Ich habe anderthalb Jahre Zeit nachzudenken."

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